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Soziologie:Luhmanns Zettelkasten

(Foto: imago stock&people)

Zum Nachlass des Soziologen Niklas Luhmann (1927-1998) gehört ein mehrteiliger hölzerner Zettelkasten. Schon zu Lebzeiten des Wissenschaftlers hatte er eine gewisse Berühmtheit erlangt. Denn Luhmann veröffentlichte 1981 den Aufsatz "Kommunikation mit Zettelkästen - Ein Erfahrungsbericht". Der Zettelkasten war darin weit mehr als ein ausgelagertes Gedächtnis, ein Hilfsmittel, auf das sein Besitzer souverän zugreift, ein Knecht seines Herrn. Er war das Gegenüber des Wissenschaftlers, das nach seinen eigenen Gesetzen Auskunft gab, Verbindungen herstellte, Exzerpte, Ideen, Paraphrasen, Notizen speicherte - und in der Lage war, sie zu vergessen.

In dieser Woche hat die Universität Bielefeld den Zettelkasten, soweit er bisher digitalisiert ist, freigeschaltet ( https://niklas-luhmann-archiv.de). Ein verzweigtes Labyrinth, eine nicht-hierarchische Ordnung tut sich auf, in der sich - nimmt man seine Schriften hinzu - die Theorie- und Begriffsbildung des Soziologen beobachten lässt. Als Verwaltungsjurist hat Luhmann von 1951 bis 1962 die ersten 23 000 Zettel erstellt, von 1963 bis 1999 die zweite, 67 000 Zettel umfassende Sammlung. Alle Zettel der ersten Sammlung und ein Teil der zweiten sind als Bilder abrufbar, und da sich Luhmanns Schrift ziemlich leicht lesen lässt, ist es nicht schlimm, dass erst 3300 Zettel auch transkribiert sind.

Ein Geheimnis hat Luhmann aus seinem Zettelkasten, den er zum Zentrum seiner Produktivität erklärte, nie gemacht. Aber er gibt damit Rätsel auf. "Geist im Kasten?" hat er auf einem Zettel notiert und darunter geschrieben: "Zuschauer kommen. Sie bekommen alles zu sehen, und nichts als das - wie beim Pornofilm. Und entsprechend ist die Enttäuschung." Hier hat jemand nicht eine vorgegebene Struktur mit Inhalt gefüllt, sondern einen "Überraschungsgenerator" konstruiert. So nennt den Zettelkasten sein Bearbeiter Johannes Schmidt. Das Interview mit ihm auf dem Portal Soziopolis ( https://soziopolis.de) ist eine ideale Einführung in die Beobachtung des Beobachters Luhmann. Man kann Luhmann in seinem Archiv übrigens auch in Vorträgen und Interviews begegnen.