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Soziologie:Der Größte ist doch unser Hegel

Axel Honneth, 1949 in Essen geboren, wurde 2001 Direktor des Instituts für Sozialforschung.

(Foto: imago stock&people)

Drei Länder, drei Begriffe: Axel Honneth, der Direktor des berühmten Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, skizziert eine europäische Ideengeschichte der "Anerkennung".

Axel Honneths neuestes Buch über die Idee der Anerkennung hätte mit einem Witz beginnen können: Treffen sich ein Deutscher, ein Engländer und ein Franzose und streiten darüber, welche Nation den besten Begriff der Anerkennung habe. Plötzlich kommt Honneth um die Ecke und sagt: "Die Deutschen, denn wir haben ja den Hegel!" Da lachen der Deutsche, der Engländer und der Franzose und sagen: "Er hat recht, die Deutschen, denn sie haben ja den Honneth!"

Der Begriff der Anerkennung wurde in der Tat von Hegel eingeführt, um die Struktur menschlichen Selbstbewusstseins zu erfassen. Selbstbewusstsein, so heißt es in der "Phänomenologie des Geistes", resultiere aus der "Bewegung des Anerkennens", denn es könne nur zur Gewissheit seiner selbst gelangen, indem es ein anderes Selbstbewusstsein anerkenne, von dem es selbst anerkannt werde. Honneth aber war es, der "Anerkennung" zu einem Schlüsselbegriff der Soziologie gemacht hat, indem er die Auseinandersetzungen zwischen sozialen Gruppen als einen "Kampf um Anerkennung" deutete. Das geschah bereits 1992, und dieser Gedanke, dass nämlich soziale Konflikte nicht allein als ein Kampf um materielle Dinge, sondern auch als moralisch motiviert zu verstehen sind, wird seitdem im Fach diskutiert, vor allem im Umkreis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, dessen geschäftsführender Direktor der verdiente Emeritus noch immer ist.

In der Diskussion ging und geht es eher um die Reichweite der Interpretation als um die Stichhaltigkeit. Dass neben der Habsucht und der Herrschsucht auch die Ehrsucht eine der konstituierenden Leidenschaften des bürgerlichen Menschen ist, hat schon Immanuel Kant behauptet. Und wer den inzwischen siebzigjährigen arabisch-israelischen Konflikt beobachtet, wird schnell davon überzeugt sein, dass dieser solange ungelöst bleiben wird, wie die jeweiligen Parteien sich nicht vorbehaltlos und vollständig anerkennen.

Auch im weniger dramatischen Alltag werden wir ständig mit Anerkennungsforderungen konfrontiert. Früher war es nur der Muttertag, der geehrt gehörte, heute ist es auch das Ehrenamt. Ob es das Gendersternchen ist oder die Leitkultur - alles, was nach Identität riecht, verlangt nach Anerkennung.

In der soziologischen Debatte über Anerkennung wurde allerdings auch klar, dass mit diesem Begriff kein geschichtsphilosophischer Paradigmenwechsel verbunden war, in der Art, dass die Menschheitsgeschichte nun eine der Anerkennungskämpfe wäre, so wie man früher gedacht hat, sie sei eine der Klassenkämpfe. Auch ist der Begriff alleine kaum stark genug, um zu erklären, was Gesellschaften denn nun zusammenhält.

Honneths neues Buch, eine "europäische Ideengeschichte der Anerkennung", hat also selbst eine Vorgeschichte. Die Idee der Anerkennung war eine notwendige Korrektur von einseitig polit-ökonomischen Gesellschaftsanalysen, die sich auf die Welt von Kapital und Arbeit und ihre politischen Repräsentanzen konzentrierte. Sie steht auf den Schultern des Gedankens, dass Sprache und Kommunikation für soziale Integration, allerdings auch für ihr Misslingen wichtig sind. Nicht von ungefähr hat Honneth sein Buch Jürgen Habermas gewidmet.

Nun scheint es ihm darum zu gehen, diesen Gedanken ideengeschichtlich und europäisch zu fundieren. Die Idee der Anerkennung war demnach im aufgeklärten Europa schon immer zentral, man hat es nur nicht gebührend bemerkt. Und so gräbt er in Frankreich bei Jean-Jacques Rousseau und Jean-Paul Sartre; in Großbritannien bei David Hume und John Stuart Mill; und in Deutschland bei den üblichen Verdächtigen Kant und Hegel.

Der Begriff, der in Frankreich zum Träger der sozialen Idee der Anerkennung wurde, war der der amour propre. Er bedeutet in etwa "Geltungssucht" und war damit negativ konnotiert, weil jene menschliche Eigenschaft in den Augen der Moralisten das gute Zusammenleben erschwere. Auch Sartre stellte sich in diese Negativtradition, als er meinte, dass Intersubjektivität eine Art von Selbstverlust bedeute. Auf der Insel entstand als Gegenbegriff zu den Lobpreisungen der angeblich segensreichen Wirkungen unseres Eigeninteresses der Begriff der sympathy, des Mitgefühls, als notwendige Voraussetzung der Anerkennungsidee. Die entfesselte Marktgesellschaft brauchte demnach eine Selbstkontrolle, die Hume in der zwischenmenschlichen Anerkennung positiv bewertete. Für Mill war das soziale Band, welches das Gemeinwesen zusammenhält, aus dem Stoff der gegenseitigen Anerkennung gewebt.

Im deutschen Vernunftidealismus schließlich vollendete sich die Idee der Anerkennung, indem eine ganze Theorie entstand: Weil die Menschen vernünftig sind oder sein können, verpflichten sie sich wechselseitig, sich in der ihnen allen zustehenden Autonomie zu respektieren. Das hatte sich Hegel ausgedacht - im krassen Widerspruch zum Verlauf der späteren deutschen Geschichte.

Die ideengeschichtliche Verwurzelung soll vielleicht den Verdacht zerstreuen, dass die Anerkennung der Anerkennung eine Frucht von Wohlstandsgesellschaften ist, in denen es für wichtig erachtet wird, wie sich die Menschen fühlen, ob sie einander wertschätzen und respektieren. Anerkennung wäre dann ein Produkt des post-materiellen Bewusstseins und der kommunikationstheoretischen Wende. Doch die Idee der Anerkennung ist in der Tat älter. Noch unter feudalen Vorzeichen musste jemand satisfaktionsfähig sein, um überhaupt als gesellschaftliches Subjekt zu zählen. Und beruht nicht jede Herrschaft auf der gegenseitigen Anerkennung von Herrschern und Beherrschten?

Axel Honneths philosophische Grabungen folgen einer guten Idee. Zudem sind sie gelehrt und lehrreich. Aber sie wirken gleichwohl konstruiert und bemüht, denn der eigentliche Begriff der Anerkennung kommt in der englischen Diskussion zum Beispiel gar nicht vor.

Die Querverbindungen zu den soziokulturellen Entwicklungen in Frankreich, Großbritannien und Deutschland sind holzschnittartig und entsprechen den historischen Klischees. Die Schrift wirkt wie eine akademische Fingerübung und nicht wie die Antwort auf ein drängendes Problem, das doch eigentlich zugrunde liegt. Es fehlt dem Buch auch ein starkes Argument, das die Perspektive verändert auf jene "europäische Ideengeschichte" (welch ein großes Wort für eine Handvoll Philosophen aus drei Ländern).

Klar, die Idee der Anerkennung lag mit dem Denken der Aufklärung sozusagen "in der Luft" beziehungsweise in den philosophischen Texten unserer großen Denker tief verborgen. Honneth hat den Schatz gehoben. Aber was wissen wir mehr?

Die französischen Moralisten und schottischen Aufklärer hatten andere Begriffe, die Ähnliches meinten, das sie unterschiedlich bewerteten. Nun, gut. Immerhin aber ist es jetzt bewiesen: Der größte Anerkennungsphilosoph ist tatsächlich unser Hegel! Das müssen auch der Franzose und der Engländer anerkennen, die, wie der Deutsche anerkennen muss, inzwischen besser Fußball spielen.

Axel Honneth: Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 238 Seiten, 25 Euro.