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Sozialtourismus ist Unwort des Jahres:Stimmungsmache gegen unerwünschte Zuwanderer

Sozialtourismus ist das Unwort des Jahres. Sprachwissenschaftler üben heftige Kritik an der Debatte um armutsbedingte Zuwanderung, Migrationsforscher Herbert Brücker hält den Ausdruck für irreführend. In einem Ort in Bayern aber sind Sozialtouristen gern gesehen.

Im niederbayerischen Kurort Bad Füssing kommt der durchschnittliche Sozialtourist aus Deutschland, ist 62 Jahre alt, steht "aktiv im Leben" und tut etwas für seine Gesundheit: Noch bis vor 20 Jahren war der Kurort bis zu 90 Prozent von Sozialtourismus abhängig, sagt Kurdirektor Rudolf Weinberger im SZ-Gespräch. Von Menschen also, die ihren Aufenthalt teilweise oder ganz von der Krankenversicherung bezahlt bekamen.

So nämlich lautet die ursprüngliche Definition von Sozialtourismus: Fremdenverkehr, der auf irgendeine Weise von den Sozialversicherungsträgern gefördert wird. Es geht also um das allgemeine Bedürfnis nach Erholung, Entspannung und Sammlung, das auch einkommensschwache Bevölkerungsschichten und Kranke haben.

Faul und unerwünscht

Inzwischen aber weckt der Begriff ganz andere Assoziationen: Nämlich die vom faulen und unerwünschten Zuwanderer - meist aus Osteuropa -, der sich auf der Europakarte das Land herauspickt, das die höchsten Sozialleistungen zahlt. Mit der Kür des Begriffs "Sozialtourismus" zum Unwort des Jahres 2013 sollen das Sprachbewusstsein in der Bevölkerung gefördert und die Bürger bezüglich unangemessener oder inhumaner Formulierungen sensibilisiert werden. Die Jury begründete ihre Entscheidung in diesem Jahr wie folgt: Von einigen Politikern und Medien sei mit diesem Ausdruck "gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa" gemacht worden. Das Wort "Sozial" reduziere die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem zu profitieren.

Gebraucht hatte den Begriff unter anderem der CDU-Politiker Günter Krings, der in einem Interview mit der Zeit sagte: "Sozialtourismus kann sich auch ein reiches Industrieland wie Deutschland nicht leisten."

Aus der EU-Kommission kamen widersprüchliche Signale über mögliche Auswirkungen armutsbedingter Zuwanderung. Einerseits verwies man auf Studien, wonach die Zuwanderer keinesfalls eine Belastung für die Sozialsysteme der wohlhabenderen EU-Länder darstellen würden. Andererseits sagte EU-Justizkommissarin Viviane Reding im Dezember vergangenen Jahres der Nachrichtenagentur AFP: "Es gibt ein Recht auf Freizügigkeit, aber kein Recht auf Einwanderung in die nationalen Sozialsysteme." Und weiter: "Freizügigkeit heißt nicht, frei Sozialleistungen zu beziehen. Laut EU-Recht haben nur arbeitende EU-Bürger ein Recht auf Sozialleistungen."