Soziale Schieflage in Deutschland:Sozialer Abstieg heißt jetzt Exklusion

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Vogel erinnert an die epochemachende Studie über "Die Arbeitslosen von Marienthal", die Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts unter Leitung von Paul Felix Lazarsfeld erstellt wurde. Was damals in der Arbeiterkolonie in der Nähe Wiens beobachtet wurde, in dem Industriedorf, das von der Industrie verlassen wurde, klingt in der Tat wie eine Vorwegnahme neuerer Nachrichten von Ausgeschlossenen.

Sie haben mehr Zeit, sollte man meinen

Eine zeitgenössische Rezension fasste zusammen: "Abgestumpfte Gleichmäßigkeit kennzeichnet den Ort mit der stillgelegten Fabrik. Eine müde Gemeinschaft ist seine Bewohnerschaft geworden. Der Kindergarten ist gesperrt. Der Theatersektion fehlen die begeisterten Spieler von früher. Die Zahl der Bibliotheksentlehnungen ist innerhalb von zwei Jahren um 48,7 Prozent gesunken, obwohl die Bücher kostenlos entliehen werden, die Abonnentenzahl der Arbeiter-Zeitung ist um 60 Prozent zurückgegangen, die politische Aktivität hat bei allen Parteien gelitten.

Die Arbeitslosen haben doch mehr Zeit, sollte man meinen. Aber wie quälend ist dieser Zeitablauf, in dem man nichts tun muss, nichts tun darf. ,Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere.'"

Zu dieser Denkordnung, so Vogel, kehre zurück, wer Arbeitslosigkeit und Exklusion begrifflich verbinde. Es gehe dann um den "Zerfall des Sozialen". Aber es gibt seit Jahrzehnten in den meisten Industrieländern eine hohe Zahl von Arbeitslosen, ohne dass deswegen die Gesellschaft zerfallen ist. Arbeitslosigkeit folgt "keinem festgelegten Verlaufsmuster", in den meisten Fällen bleibt sie Episode. Außerdem seien Arbeitslose auch "aktiv Handelnde". Was der Verlust des Arbeitsplatzes bedeute, hänge entscheidend vom Lebensalter und der Phase in der Erwerbskarriere ab.

Damit widerspricht Vogel einem der Lieblingssätze des Sozialalarmismus, der Behauptung, es könne jeden treffen. Zwar sind Abstiegsängste und Statussorgen nicht ohne Grund weit verbreitet, aber es trifft dennoch nicht jeden und auch nicht die Mehrheit. Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Alter, Krankheit können je nach Status und Position sehr unterschiedlich gemildert oder verarbeitet werden.

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