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Sowjetische Schicksale:Im Kopf von Josef Stalin

Gusel Jachinas Roman "Wolgakinder".

Gusel Jachina

Sowjetische Schicksale: die Autorin Gusel Jachina.

(Foto: Dr. Bernd Gross)

Etwa in der Mitte des Buches verschluckt sich der Text. Nicht der Roman selbst, Gusel Jachinas "Wolgakinder", aber die Märchen ihres Helden Jakob Bach. Der Sozialismus hat Bachs Dorf im Griff, und erst lief es tatsächlich fantastisch: Rekordernte, Rekordgeburten, gigantische Wassermelonen. Tierzüchter und Traktoristen, Agronomen und Melkerinnen - ein einziges Strahlen. Und Jakob Bach, der einstige Lehrer von Gnadental an der Wolga, hatte voller Ehrfurcht erkennen müssen, dass er selbst diese Wunder wirkte, dass es seine sozialistisch frisierten Volksmärchen waren, die auf dem Dorfplatz angeschlagen wurden und, kein Zweifel, segensreiche Effekte hatten. Gnadental erblühte durch die Kraft seiner Fantasie.

Aber das Glück zog fort, und die Kollektivierung kam. Reiche Bauern wurden vertrieben, das Vieh ging ein. Bach tat sein Bestes, ließ in immer neuen Märchen Jungfrauen im Dutzend retten und Hühner silberne Eier legen, aber die Wörter verweigerten ihren Dienst und formten sich nicht mehr zum Text, sie blieben ein verzweifeltes Stammeln: "Glücklich sind die Tiere ... Glücklich sind die Zwerge ... Alle sind glücklich ... Golden glänzen die Fluren ... Golden ... Golden ... Golden."

Die Verwandlung einer Jahrhunderttragödie in diese sprachliche Atrophie ist der einzige Ausbruch des Romans, und sie dauert nicht lang. Danach kehrt der Roman zurück zu seinem ruhig dahinfließenden Ton. Und Bach flüchtet sich auf seinen Hof am gegenüberliegenden Wolgaufer.

Es ist nicht nur die mythische Topografie - zwei Welten, getrennt durch einen Fluss -, sondern es sind auch die archetypischen Figuren, die Jachinas Roman etwas Parabelhaftes geben. Bach, ein dürrer, verhuschter Zögerling, wird kurz vor der Revolution von einem protzig reichen Gutsbesitzers einbestellt, um dessen wunderschöne Tochter Klara zu unterrichten. Klara sitzt hinter einem Wandschirm, aber die Erotik der Sprache verfehlt ihre Wirkung nicht. Als der Vater nach Deutschland zieht, flieht Klara zu Jakob und lebt fortan mit ihm auf dem väterlichen Hof. Aber die Idylle ist bei Gusel Jachina immer eine relative. Gemessen an den Verheerungen des Bürgerkrieges, die in Gnadental wie in einer fernen Galaxie vorbeiziehen, geht es den beiden passabel. Nur können sie keine Kinder bekommen, was Klara sehr quält.

Ein kleines exemplarisches Unglück in einer Welt, die "wahrhaft groß" wurde

In ihrem gefeierten Debütroman "Suleika öffnet die Augen" erzählte Gusel Jachina von einer Tatarin im sibirischen Lager. Das Buch bezog seinen Reiz daraus, dass sich eine junge Frau gleich doppelt behauptete - gegen den Gulag und gegen die islamische Gesellschaft. "Wolgakinder" ist ihr zweiter Roman und handelt ebenfalls vom kaum bekannten Schicksal einer Volksgruppe in Russland. Lenin liebte die Deutschen und schenkte ihnen die "Sowjetrepublik der Wolgadeutschen". Stalin misstraute ihnen und ließ sie nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion deportieren.

Die welthistorischen Wolken ziehen über einen noch engeren, begrenzteren Raum als in Jachinas erstem Roman. Es ist eine vormoderne Welt, die Jachina mit tausend Details und ethnologischem Eifer ausstattet. Der durchschnittliche Gnadentaler ist in Bachs Worten "ein unverbesserlicher Fatalist, fromm und abergläubisch", dazu "allem Neuen, jedem Fortschritt und jedem Experiment abhold". Wo sonst ließe sich der Aufprall der bolschewistischen Umwälzungen eindrucksvoller demonstrieren als an diesem "Ort am Rande der Gegenwart"? Klara wird von Marodeuren vergewaltigt und endlich schwanger, und dass sie den Gewaltakt als Geschenk annimmt, wirkt nicht so sehr grausam, sondern vielmehr wie eine Überlebensstrategie. Welches Verbrechen erfüllt sonst schon Wünsche? Sie stirbt bei der Geburt, und Jakob verstummt für immer, seine Tochter Annchen wächst in Kasper-Hauser-artiger Sprachlosigkeit auf. Als Bach sie später an einen jungen Streuner und an den Bolschewismus verliert, erlebt er zum zweiten Mal die Macht der Sprache.

Jachina beschreibt ein kleines exemplarisches Unglück in einer Welt, die "wahrhaft groß" wurde, das ist ein interessanter Kontrast, und doch zündet die Idee nicht richtig. Das liegt nicht am Aufwand, denn "Wolgakinder" hat knapp 600 Seiten und bietet allerhand interessante Nebenrollen. Hoffmann, der buckelige Parteifunktionär mit dem Engelsgesicht etwa, verkörpert schon physisch die verführerische, aber fatale Ideologie der neuen Zeit. Als die Gnadentaler in einer seltenen Aufwallung gegen all das gottlose Neue doch randalieren, stirbt Hoffmann stilecht den bolschewistischen Opfertod. Aber so märchenhaft die Figuren sind, so wenig empfindet man für ihr Schicksal. Ihr Leben mit seinen Butterfässern, Wurstfüllspritzen und Traktoren bleibt so unbeseelt wie eine besonders liebevoll ausgestattete Modelleisenbahn-Landschaft. Dass sich Jachina, die sonst auf jede Psychologisierung verzichtet, ausgerechnet in den Kopf Josef Stalins denkt, begreift man dann gar nicht mehr. Seitenlang geht Stalin beim Billard seine strategischen Chancen gegen Hitler durch und kommt am Ende zu erfreulichen Ergebnissen. Dies aber ist eine Metaphorik von solcher Schlichtheit, dass man die Szene selbst dann nicht glauben will, wenn sie sich wirklich so zugetragen hätte.

Gusel Jachina: Wolgakinder. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 591 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 17.01.2020

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