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Soundprojekt für Naturforschung:Morgendliche Vogelchöre

Dawn Chorus
(Foto: Jan Haft/Nautilusfilm)

Von Andrian Kreye

Seit dem Beginn des Lockdowns ist dem Direktor des gerade entstehenden Münchner Wissenschaftsmuseums Biotopia Michael Gorman aufgefallen, dass die Vogelchöre am Morgen ohne den üblichen menschengemachten Lärm viel lauter und vielstimmiger geworden sind. Darum tat er sich mit dem kalifornischen Musiker, Toningenieur und Naturforscher Bernie Krause zusammen, um mit der Hilfe von Freiwilligen eine globale Bibliothek der Vogelchöre anzulegen. Ab sofort kann jeder auf der Webseite dawn-chorus.org eigene Vogelchoraufnahmen hochladen und helfen, biologische Veränderungen zu dokumentieren.

Denn das ist kein reines Datensammeln. Es gibt kaum jemanden, der ein besseres Ohr für akustische Veränderungen hat als Bernie Krause. Mit dem Duo Beaver & Krause war er im San Francisco der Hippie-Ära ein Pionier der elektronischen Musik. Nebenher prägte er die Popmusik für immer, weil er Leuten wie George Harrison und Stevie Wonder sowie Bands wie The Byrds, The Doors und The Monkees das Synthesizerspielen beibrachte.

Seit den späten Siebzigerjahren arbeitet Krause an einem Verfahren, das als "Soundscaping" zu einem Werkzeug der Naturforschung geworden ist, mit dem man vor allem Umweltveränderungen herausfinden kann. Weil jedes Biotop sein eigenes Klangprofil hat, kann man an Veränderungen größere Entwicklungen festmachen. So zeigt eine Abnahme von Hoch- und Mittelfrequenzen im Wald ein Verschwinden von Insekten und Vögeln und damit eine Abnahme der Biodiversität durch Holzschlag oder Klimawandel an. Und das Abnehmen der Klappergeräusche, die Krebse mit ihren Scheren machen, kann auf eine Übersäuerung von Meeresgebieten hinweisen.

Krauses Buch "Das große Orchester der Tiere. Vom Ursprung der Musik in der Natur" und die gleichnamigen Ausstellungen in Paris und Seoul waren dann auch mehr ökologische Manifeste als rein wissenschaftliche Arbeiten.

Für das "Dawn Chorus"-Projekt wollen Gorman und Krause nun in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut und der Nantesbuchstiftung eine akustische Weltkarte der Vogelchöre anlegen, die als Rohdatensatz für die Erforschung der Artenvielfalt dienen kann. Die Mitarbeit ist einfach: Handymikro in die Morgenluft halten, Datei hochladen, und schon tat man der Wissenschaft einen Dienst.

© SZ vom 02.05.2020

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