bedeckt München 16°

Filmdrama "Sound of Metal":Auf die Ohren

Filmstills "Sound of Metal" © Amazon (auch online).

Metal ist die beste Therapie: Ex-Junkie Ruben (Riz Ahmed) an seinen Drums.

(Foto: Amazon Studios)

"Sound of Metal" erzählt von einem Schlagzeuger, der sein Gehör verliert. Hauptdarsteller Riz Ahmed gilt als Favorit bei den Oscars.

Von David Steinitz

Eine Explosion aus Lärm und Schweiß eröffnet diesen Film. Schlagzeuger Ruben (Riz Ahmed) drischt auf seine Drums ein, sein drahtiger, tätowierter Körper verwandelt sich in eine perfekte Musikmaschine. Etwas weiter vorn auf der Bühne passiert mit seiner Freundin Lou (Olivia Cooke) dasselbe an der E-Gitarre. Die beiden spielen in wilder Trance, das Publikum des kleinen Clubs im amerikanischen Hinterland tobt.

Gemeinsam bilden Lou und Ruben das Duo Blackgammon. Für die Band in "Sound of Metal" (abrufbar bei Amazon) haben sich die Filmemacher vom echten Duo Jucifer aus Georgia inspirieren lassen, das ein Subgenre des Metal betreibt: "Sludgecore". Kenner würden sagen, eine würzige Mischung aus Hardcore-Punk und Doom Metal. Für den Film reicht es aber vollkommen zu wissen: Es ist sehr, sehr laut, was Lou und Ruben da aus ihren Instrumenten herausprügeln.

Ihre Lautstärke entspricht dem inneren Druck, den sie loswerden müssen. Ruben ist ein ehemaliger Junkie, seit vier Jahren weg vom Heroin, aber natürlich trotzdem lebenslänglich rückfallgefährdet. "Please Kill Me" lautet eine der vielen Tätowierungen auf seiner Brust. Auch Lou scheint schon eine ordentliche Portion Lebensleid abbekommen zu haben, die vielen Borderliner-Narben auf ihren Armen deuten das zumindest an.

Filmstills "Sound of Metal" © Amazon (auch online).

Lou (Olivia Cooke) ist die Sängerin der Filmband "Blackgammon", für die die echte Band "Jucifer" als Vorbild dient.

(Foto: Amazon Studios/Amazon Studios)

Zu Beginn des Films scheinen die beiden es aber geschafft zu haben, alle Depressionen und Aggressionen in ihre Musik zu übertragen. In ihrem riesigen silbernen Wohnmobil, mit dem sie durchs Land und von Club zu Club pilgern, auf einer Art Neverending Tour, trinken sie grüne Smoothies zum Frühstück und haben einander lieb. Dass sie nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar sind, scheint stabilisierend zu wirken. Dann kommt der emotionale Einbruch, vor dem sie sich gefürchtet haben, der verführen könnte zum Rückfall in alte Verhaltensmuster.

Als sie im nächsten Club ihren Merchandising-Stand aufbauen und sich mit den anderen Metalheads unterhalten, die an diesem Abend auftreten, wird es nach dem lauten Anfang plötzlich ganz still in diesem Film. Ruben fast sich überrascht ans Ohr. Das Geplapper der Kollegen, das Rascheln der Schachteln mit den Bandshirts, der Soundcheck auf der Bühne, das Klirren der Flaschen an der Bar - alles weg.

Es folgt ein panischer Besuch beim Arzt. Ruben hat fast seine komplette Hörkraft verloren, wird nahezu taub, irreversibel. Ausgerechnet er, der seine Musik, den Lärm, nicht nur zum Leben, sondern zum Überleben braucht.

Regisseur Darius Marder, der sich bislang vor allem als Drehbuchautor einen Namen gemacht hat - unter anderem durch "The Place Beyond The Pines" mit Ryan Gosling -, wusste, dass bei diesem Film vor allem die Tonspur eine Herausforderung sein würde. Deshalb hat er sich die Hilfe des französischen Komponisten und Soundtüftlers Nicolas Becker geholt, der in Hollywood bereits die Klangkonzepte für "Gravity" und "Arrival" entworfen hat. Gemeinsam gestalten sie den Großteil des Films aus Rubens Klangperspektive. Das gibt der Geschichte, die dramaturgisch eher den Weg des konventionellen Dramas einschlägt, eine bedrückende zusätzliche Dimension.

Die Welt klingt metallisch und fehlerhaft, aber mehr kann die Medizin nicht für ihn tun

Weil Lou Angst hat, dass ihr Freund durch den Hörverlust auf die Idee kommen könnte, sich wieder mit Heroin zu betäuben, bringt sie ihn zu einer Therapiegruppe auf dem Land. Sie wird geführt vom Vietnamveteranen Joe (Paul Raci), der im Krieg sein Gehör verlor, zum Alkoholiker wurde, Hilfe fand und sich deshalb selbst der Suchthilfe für Hörgeschädigte widmet.

Ruben hat zunächst keinen Bock. Er will nicht erkennen, dass er sich an ein neues Leben wird gewöhnen, Gebärdensprache wird erlernen müssen. Und dass sein Musikerdasein in der bisherigen Form vorbei ist.

Immer wieder umgeht er die Regeln der Gruppe, versucht, sein altes Leben zurückzubekommen. Schließlich verkauft er sein gesamtes Equipment und den Tour-Wohnwagen, um sich die Operation für ein Cochlea-Implantat leisten zu können, eine Hörprothese. Was er danach aber hören kann, ist nicht das, was er hören wollte, und die Zuschauer hören es durch die Tonspur des Films mit ihm: Seine Welt klingt wie ein merkwürdiger Widerhall, eine Rückkopplung - metallisch, lückenhaft, fehlerhaft. Mehr kann die Schulmedizin nicht für ihn tun, auch wenn er es nicht fassen kann.

Der Brite Riz Ahmed spielt Ruben. Der 38-Jährige dreht schon lange in Hollywood, war unter anderem in "Star Wars: Rogue One" und "Nightcrawler" zu sehen. "Sound of Metal" dürfte für ihn den endgültigen Durchbruch bedeuten. Viele Branchenmagazine feiern Ahmed für seine Darstellung des verzweifelten Schlagzeugers schon jetzt als potenziellen Großgewinner der anstehenden Preisverleihungssaison, von den Golden Globes bis zu den Oscars.

Tatsächlich könnte er dort sehr gute Chancen haben. Denn so überwältigend hat man in einem Film lange nicht mehr gesehen, dass der Mensch ein maximal tragisches Wesen ist. Weil er sein Leid zu potenzieren gewillt ist, nur um nicht wahrhaben zu müssen, was er trotzdem niemals mehr wird ändern können.

Sound of Metal, USA 2019 - Regie: Darius Marder. Buch: Abraham und Darius Marder. Kamera: Daniël Bouquet. Musik: Nicolas Becker. Mit: Riz Ahmed, Olivia Cooke, Paul Raci. Amazon, 120 Minuten.

© SZ/biaz
Zur SZ-Startseite
Chaplin_The_Kid_3 The Kid 1921 AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY

Filmgeschichte
:Pfannkuchen und Slapstick gegen das Elend der Welt

Vor 100 Jahren kam Charlie Chaplins "The Kid" ins Kino. Warum die Stummfilmkomödie alle Blockbuster der Gegenwart blass aussehen lässt.

Von David Steinitz

Lesen Sie mehr zum Thema