Soulsängerin Sade Soldatin der Liebe

Nach zehn Jahren ist Soulsängerin Sade wieder da - und hat sich kaum verändert. Ihr neues Album erinnert an eine dieser neumodischen Kaffeekreationen. Genau das ist das Problem.

Von Alex Rühle

In den Schaufenstern von älteren Coiffeursalons hängen oftmals Fotos von frisch frisierten Mädchen, denen der Fotograf gesagt zu haben scheint: "Jetzt schau doch mal nicht so aufgesetzt lasziv, sondern guck mal so, als sei gestern deine Katze überfahren worden." Weshalb diese Freizeitmodels dann eine Art Ölfilm auf dem Blick zu haben scheinen, diese unbeholfene Bräsigkeit, die sich als empfindsame Melancholie ausgibt.

Die 51-jährige Sade sieht nicht nur genauso aus wie die 25-jährige Sade, sie klingt auch so.

(Foto: Foto: Sony Music)

So etwa klingt die Musik des neuen Albums von Sade. Nein, nicht nach überfahrener Katze. Die Frau kann ja singen. Aber nach melancholischer Pose und versandfertigem Schmerz.

"Jederzeit Taxi fahren"

Wobei man vielleicht mit dem Positiven beginnen sollte. Sehr souverän an Sade ist ja, dass sie schweigen kann, und das jedes Mal länger. Vor dem vorletzten Album war sie vier Jahre lang verschwunden, vor dem letzten acht. Diesmal sogar zehn.

Die Frau scheint tatsächlich mit innerer Autonomie gesegnet zu sein. Sie gibt kaum Interviews, verweigert sich allem Promoquatsch, und man glaubt ihr, wenn sie sagt, sie könnte "jederzeit mit dem Singen aufhören und Taxi fahren".

Außerdem spielt sie immer noch mit denselben drei Musikern zusammen, mit denen sie im London der Achtziger begann, damals, als sie noch als Fotomodell arbeitete und Mode für Männer machen wollte. Das hat Stil und Grandezza.

Und da sie von ihren ersten Auftritten an Ikone war, versucht sie auch nicht, sich immer ein neues Image zu geben. Im Gegenteil: Die heute 51-jährige Sade gleicht der 25-jährigen optisch so stark, dass man sich beeindruckt fragt, ob sie die Jahre des Schweigens in einem Zeitvakuum verbracht hat. Womit wir beim Fluch der Ikone wären. Die 51-jährige Sade sieht nicht nur genau so aus wie die junge Sade, sie klingt auch wie Sade. Schade.

Halbnackte Krieger im Moor

Sade, das war 1984 smooth polierter Edelpop, Vaseline fürs Trommelfell, so sommerseidigglatt lief das rein. Im London der achtziger Jahre muss dieser auf gefällige Art stilvolle New Jazz gewirkt haben, als stünde inmitten wackelig-schriller Sperrholzmöbel plötzlich ein edles, weiches Wohnsofa herum, endlich etwas zum geschmackvollen Entspannen bei Rotwein und Vernissagehäppchen.

Die Neuauflage wirkt nun zwar nicht wie kalter Kaffee, aber doch wie eine dieser elfsilbigen amerikanischen Kaffeekreationen: Vanilla Frappuccino large de luxe, in Klänge umgesetzt.

Dabei gibt sich Sade erst einmal martialisch, als "Soldier of Love", so der Titel des Albums und des zweiten Songs, in dem es so irrlichternd wie kämpferisch heißt: "I've lost the use of my heart / Still alive / Still looking for the Light", zu Militärtrommeln. Im dazugehörigen Video sieht man halbnackte Krieger durch tolkiensche Urmoorlandschaften streifen.

Hauch der Urlaubsmelancholie

Sade scheint dann aber doch nicht so ernsthaft gesucht zu haben, wie sie es als Soldatin der Liebe behauptet: Die Musik klingt wie immer, die Sängerin haucht akustische Luftschlangen, so dünn, so leicht.

Die Arrangements sind karger Jazzpop, um den sich die Wärme des Souls wie ein schmales Jäckchen legt. Und die Musiker streuen etwas ratlos einmal das musikalische Effekterepertoire der letzten zwanzig Jahre querbeet über die Songs, trägleise Dub-Reggaetrompeten, technoides Pulsen und ein Saxophon, das vor lauter Urlaubsmelancholie kaum einen Ton herausbekommt.

Viele Steine kommen vor in den Texten, viel Himmel, Meer und Wind, alles aufgenommen mit einem derart starken Weichzeichner der verletzten Liebe, dass die Songs schon während des ersten Hörens ineinander verschwimmen, oder um es mit Brecht zu sagen, von diesen Songs wird bleiben, der durch sie ging, der Wind.