Soul:Und den Menschen ein Wohlgefallen

Die Sehnsucht nach Authentizität und Unmittelbarkeit beschert der Soul-Musik einen dritten Frühling.

Von Jonathan Fischer

"Wann wird der Krieg enden? Der Krieg in meiner Seele?" Eine Frage, die Marvin Gaye inspirierte, sein großartiges 1971er Album "What's Going On" aufzunehmen. Damals waren es Vietnam, die Straßenkämpfe der Black Panther, das Scheitern der Bürgerrechtsbewegung, die mit der inneren Zerrissenheit des Sängers korrespondierten. Dreißig Jahre später steht die Antwort immer noch aus. Wenn ein HipHop-Star wie Kanye West heute aber beinahe wortwörtlich dieselben Zeilen vorträgt wie einst Marvin Gaye, dann, so werden Zyniker behaupten, habe sich die Welt nicht gebessert - haben Tausende von "Love, Peace and Understanding"-Predigten nichts an der Natur des Menschen ändern können.

Joss Stone

"Joss Stone hat einfach schon ein paar Leben hinter sich." In diesem ist sie 16.

(Foto: Foto: AP)

Was aber sagt das über Soul aus? Barg diese Musik nicht schon immer eine tragische Note? Hatte sie nicht die Kommunion der Liebenden und Verzweifelten, das Zusammenfallen von Innen und Außen zum Thema?

Blonder Versuch

Zweifellos glaubte Marvin Gayes Publikum an die Heilkraft seiner Musik. Ebenso zweifellos lässt sich feststellen: Soul-Qualitäten sind heute stärker gefragt denn je. In einer Zeit, in der die Album-Klassiker von Marvin Gaye, Curtis Mayfield oder Leon Ware in Luxus-Editionen mitsamt den Outtakes und alternativen Mixen auf den Markt geworfen werden, Wiederveröffentlichungen die Plattenfächer schneller füllen als der aktuelle Gesamtausstoß der R&B-Industrie, bleibt es der Traum eines jeden Talent-Scouts, die Erfolgsästhetik von gestern mit dem Nachwuchs von heute einzulösen.

Einer dieser Versuche heißt Joss Stone. Engländerin,16 Jahre alt, niedlich, blond - aber eine Stimme, als hätte sie dreißig Jahre Kette geraucht, als sei sie durch drei Scheidungen und jede nur erdenkliche Ehehölle gegangen. Wenn Soul die Geschichte eines universellen Sounds erzählt, der einst aus der afroamerikanischen Kirche und dem Traum von Freiheit und Gleichheit entstand, dann liefert das Mädchen aus Devonshire mit seinem Debütalbum "The Soul Sessions" den Beweis dafür, wie weit sich die ursprünglichen Koordinaten verschoben haben.

Wem gehört Soul?

Kann man Soul ohne seine Geschichte verstehen? Die Inkongruenz von Erscheinung und vokaler Ausdruckskraft reizte viele Kritiker: Einige afroamerikanische Medien hatten gar laut räsoniert, dass wohl in jedem zweiten Gospelchor Amerikas eine Stimme wie Joss Stones anzutreffen sein - nur eben keine mit weißem Elfengesicht und blonden, langen Haaren.

Wem aber gehört Soul? "Joss Stone hat einfach schon ein paar Leben hinter sich." Sagt Lamont Dozier, einstiger Hit-Autor von Motown. Gerade wurde er von Stones Management als Songwriter für deren nächstes Album angeheuert. "Ich habe in meinen Songs stets die verschiedensten Elemente von Jazz, Country über italienische Oper bis zu russischer Folklore kombiniert. Die Sprache der Seele kennt keine Unterschiede."

Kümmern wir uns also nicht weiter um Alter und Hautfarbe. Sondern fragen wir lieber, wie eine Sammlung von Coverversionen, eingespielt in nur zehn Tagen und begleitet von einem Häuflein Soulveteranen aus den 70er Jahren so schnell zum internationalen Bestseller aufsteigen konnte - fast ohne Radioeinsätze, mit wenig mehr als Mundpropaganda.

Und den Menschen ein Wohlgefallen

Und Stone steht gar nicht alleine da. Sie gibt bestenfalls das unwahrscheinliche, aber photogene Aushängeschild einer neuen Generation von Sängern ab, die sich bewusst auf die Werte des goldenen Soul-Zeitalters beziehen, musikalisch wie inhaltlich: Ledisi etwa, eine klassisch geschulte Sängerin aus New Orleans. Donnie, der an Stevie Wonder erinnernde Predigersohn aus Atlanta. Oder auch das aus Südlondon stammende und nach Philadelphia emigrierte Sängerinnen-Duo Floetry.

Was sie und ihre Fans eint: Die Sehnsucht nach einer aus der Mode gekommenen Erdigkeit und Spiritualität. Eine Abneigung gegen die Serienproduktion von Popstars durch das Fernsehen. Und: ein Faible für das ungeglättete Drama.

Kann sich aber Soul, diese Musik, die der Songwriter Roosevelt Jamison einst mit "einem Beigeschmack von Gott" erklären wollte, jemals auf die Paradigmen der Entertainment-Industrie reimen? Die Großwetterlage im Pop scheint gerade das zu fordern - hat doch die von den White Stripes angeführte Detroiter Garagen-Szene das Publikumsinteresse am Blues erneuert, explodieren seit dem Kinohit der Coen-Brüder mit "O Brother Where Art Thou" die Umsätze von Bluegrass-Tonträgern. In diesem Kontext wartete der klassische Soul nur darauf, ebenfalls wiederentdeckt, wiederbelebt und neu verpackt zu werden.

Bei Solomon Burkes Comeback vor zwei Jahren etwa hatte Andy Kaulkin, der Präsident von Anti Records, genau das richtige Fingerspitzengefühl bewiesen. Zeitlosigkeit statt Anbiederung an den aktuellen R&B. Andere Veteranen wie Al Green, Howard Tate oder Ronald Isley verstanden das Signal und folgten mit ihren besten Alben seit drei Jahrzehnten. Jetzt spielt Lamont Dozier seine alten Motown-Nummern noch einmal selber ein - aus Hits für Teenager werden nostalgische Balladen für Vorruheständler. Und die Funk Brothers, Motowns legendäre Hausband, erhalten mit dem Film "Standing in the Shadows of Motown" endlich die ihnen gebührende Würdigung.

Praise the Lord!

Auch so manche vergessene Stimme taucht aus den Halbschatten auf. Wer etwa Joss Stone ganz nett findet, der kann nun mit Candi Staton noch eine Etage tiefer in den Südstaaten-Soul eintauchen - und vor ihrer Gesangskunst andächtig in die Knien gehen. Praise the Lord! Oder: Wie Armut, Kirche, vier Kinder, drei gescheiterte Ehen, Missbrauch, Stolz und ein manischer Produzent in jeder von Statons Silbe mehr Drama aufblitzen lässt als, sagen wir mal, das Gesamtwerk von Beyoncé Knowles jemals beinhalten wird.

Eine gerade veröffentlichte Sammlung von Statons Aufnahmen aus den 60er und frühen 70er Jahren jedenfalls vereint all die Charakteristika des Südstaatensouls alter Schule: Stärke und Verletzlichkeit, Leidenschaft und Tränen gehören hier zusammen wie in der Katharsis eines Revival-Gottesdienstes. Zu uncool für den Jazz. Zu angreifbar für den Neo-Soul. Und deshalb zeitlos.

Was aber treiben die jungen Hasardeure, denen Soul nicht als Genre, sondern als Haltung heilig ist? Die auf bloße Gedenktage - wir vergaßen fast: nicht nur Rock'n'Roll, auch Soul wird heuer 50 - gerne pfeifen? "Unsere Philosophie und Musik basieren auf der uralten Dichotomie zwischen dem Heiligen und dem Profanen", erklärt etwa Big Boi, die eine Hälfte des HipHop-Duos Outkast zum Einfluss der schwarzen Musik der 70er Jahre auf ihre Beat-Experimente: "Ein Konflikt, der in jeder wahren Soulmusik ausgetragen wird."

Al Green wie Candi Staton, Ledisi wie Kanye West nicken beistimmend. Während letzterer als Hip-Hop-Produzent Soulzitate verfremdet und zu Treibstoff für seine drängend persönlichen Botschaften umwandelt, sucht Joseph Malik den Anschluss an die elektronische Dance-Szene. Der aus Edinburgh stammende Sänger und Musiker kombiniert auf "Aquarius Songs" die Phrasierung und politische Eindeutigkeit eines Curtis Mayfield mit Ambient-Breakbeats und Orchestereinsätzen. Das funktioniert im Gegensatz zum großartigen Debüt "Diverse" nur zum Teil. Genauer gesagt: Solange Maliks Gesang sich nicht auf die Hintergrundrolle als tönende Innenarchitektur reduziert und er die Hörer in die Pflicht zur Kommunion nimmt, sein Soul um ihre und seine Seele kämpft.

Wie hatte Solomon Burke seinen heutigen Auftrag formuliert? "We can never separate from the people who are around us!" Den Menschen eine göttliche Stimme geben: für den Frieden, zumindest hier...

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