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Nachruf:Säugling mit Reisetaschen

Sophie Templer Kuh Sophie Templer Kuh Tochter der Anarchisten und Psychoanalytikers Otto Gross DEU

Sophie Templer-Kuh, die Tochter der Anarchisten und Psychoanalytikers Otto Gross.

(Foto: imago stock&people/imago/Rolf Zöllner)

Sophie Templer-Kuh war ein beinah verlorenes Kind der Avantgarde, eine Vatersucherin, die auf ihren Irrfahrten den Nationalsozialisten knapp entging. Jetzt ist sie mit 104 Jahren gestorben

Von Willi Winkler

Ihr Vater war Otto Gross, ein verwilderter Freud-Schüler, den der eigene Vater für unmündig erklären und durch halb Europa jagen ließ. Ihr Onkel war der Schriftsteller Anton Kuh, ein Mittelpunkt der Wiener Boheme. Kafka fiel sie bei einer Zugfahrt auf; in einem Brief beschrieb er sie als "rätselhaft schweigenden Säugling zwischen den Reisetaschen". Sie blieb kein Säugling, aber wurde die Reisetaschen nicht mehr los. Marianne Kuh und Otto Gross irrten mit dem Kind zwischen Graz, Budapest und Prag umher, bis 1918 in Wien die Revolution ausbrach, in der Gross für sich das "Ministerium zur Liquidierung der bürgerlichen Familie und Sexualität" forderte.

Da hatte er bereits eine Behandlung bei C. G. Jung überstanden, war zum Monte Verità gepilgert, hatte großzügig Kinder gezeugt und war so drogenabhängig, dass sich sein Freund Franz Jung beklagte, dass sie gern ein oder zwei Mal "mit dem Revolver in der Hand Apotheken in der Nacht überfallen und Opium herausholen" könnten, aber irgendwann sei es genug.

"Ach, mein armer Vater", seufzte die Tochter manchmal, "konnten die Frauen ihn nicht ein bisschen in Ruhe lassen?" Sie war noch nicht vier, da war er tot. Sophie kam zu Pflegeeltern nach Dänemark. Bei ihrer Rückkehr konnte sie kein Wort Deutsch mehr, ihre Mutter hatte einen bösen Mann geheiratet, mit dem sie bereits zwei Kinder hatte. Sophie floh als Au pair nach England, kam zurück ins nationalsozialistische Berlin und konnte 1938 zusammen mit ihren Geschwistern und der Mutter gerade noch entkommen; der Stiefvater wurde im KZ umgebracht.

Sophie erging es besser, aber Glück hatte sie keins. Sie meldete sich zur britischen Armee, heiratete, bekam zwei Kinder, der Mann verließ sie. Auf der Suche nach einem Auskommen reiste sie nach Amerika, putzte in New Jersey im Haus besserer Leute, machte die Nachtschwester in Los Angeles und hatte keine Ahnung, dass die Hippies in Big Sur und Woodstock genau die freie Liebe praktizierten, die ihr Vater propagiert hatte. Als Rentnerin erst kehrte sie nach Europa zurück, suchte ihren Bruder, den Journalisten Michael Stone, und landete wieder in Berlin, wo sie endlich selber gefunden wurde. Die Reisetaschen blieben stehen.

Nach all den Irrfahrten wurde sie jetzt als lebende Erinnerung an die Caféhaus-Boheme des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert. Die Otto-Gross-Gesellschaft machte sie zur Ehrenpräsidentin, es entstand ein Film über sie, "Die Vatersucherin". Wie ausgerechnet der Bund deutscher Kriminalbeamter, in dem sie Ehrenmitglied war, mitteilte, ist Sophie Templer-Kuh, dieses beinah verlorene Kind der Avantgarde, am 15. Januar im Alter von 104 Jahren in Berlin gestorben.

© SZ/RJB
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