Süddeutsche Zeitung

Sophie Passmanns Buch "Komplett Gänsehaut":Auberginen rösten, als hinge das Leben dran

Zu jung für Plattenspieler, zu alt für "Fridays for Future": Die Autorin und Podcasterin Sophie Passmann hat sich zum 27. Geburtstag mit "Komplett Gänsehaut" eine bittere große Kritik ihrer Generation, der Millennials, geschrieben.

Von Aurelie von Blazekovic

Millennials haben es nicht mehr leicht. Einige von ihnen sind noch keine dreißig, und schon macht sich die jüngere Generation Z darüber lustig, dass Millennials noch Seitenscheitel und hautenge Jeans tragen. Die Autorin, Feministin und Podcasterin Sophie Passmann, Jahrgang 1994, ist so eine bemitleidenswerte Millennial. Zusammen mit ihrer Generation hat sie die Jugend hinter sich gelassen, diese Zeit, in der alles möglich ist, was bei Passmann vor allem die Last bedeutete, dass Selbstdarstellung noch in alle Richtungen denkbar war.

Die panische Angst, irgendwie fundamental falsch zu sein, die man in den Teenager-Jahren hat, wird in den Zwanzigern erst mal nicht besser, auch weil man nicht mehr die Ausrede hat, nur ein Teenager zu sein. Deshalb ändern Mittezwanziger dann irgendwas Banales radikal, Wohnort, Partner, Haarschnitt. Und nach der Quarterlife-Crisis setzt diese komische Frühverspießung ein, die Sophie Passmann in ihrem neuen Buch "Komplett Gänsehaut" sehr detailliert und sehr lustig beschreibt, diesen Übergang von "Uns-gehört-die-Welt" in eine Kleinbürgerlichkeit, in der man sich plötzlich für einen gesunden Rücken und Küchenutensilien aus Emaille interessiert.

Genau diese Kleinbürgerlichkeit, die "Erwachsenenwelt", oder das, was sich Millenials darunter vorstellen, ist ihre Sackgasse - nichts macht wirklich Spaß, alles ist ein einziges Küche-Aufräumen. Nicht so viel Spaß macht es auch, so Passmann, weil man ständig aufpassen muss: dass irgendwas "nicht demonstrativ wird", "aus irgendeinem Komplex heraus geschieht", oder einfach "weil man Angst hat, mit den falschen Sachen Spaß zu haben".

Egal, wie ironisch man ist, irgendwo muss man leider wohnen

Es geht in "Komplett Gänsehaut" um Distinktionsmerkmale, Beistelltische, Schuhe, Bücher, alles ein ständiges Signalisieren, wer man sein möchte, dazu immer die Angst, was andere davon Schlechtes halten könnten. Weil Millennials so schön ironisch sind, wissen sie, dass es lächerlich wäre, sich ernsthaft etwas darauf einzubilden, dass man jetzt eine Fotografie von Helmut Newton in der Küche hängen hat. Aber darüber Witze zu machen, ändert ja nichts daran, dass sie da hängt. Und so ist es nur konsequent, dass sich "Komplett Gänsehaut" ums Wohnen dreht, das Distinktionsmerkmal schlechthin. Denn egal, wie ironisch man ist, irgendwo muss man leider wohnen.

Sophie Passmann selbst wohnt in einem dieser Großstadtviertel, in denen die Straßen schön breit sind, die Altbauten saniert, in denen es fußläufig Restaurants gibt, bei denen "aggressiv auf Tafeln steht", dass alle Pizzen mit "Fior di Latte" zubereitet würden, nicht einfach mit "Mozzarella aus Kuhmilch", obwohl das dasselbe ist. Ihre Freunde rösten beim Abendessen Auberginen, als hinge ihr Leben dran, und "natürlich steht in meinem Wohnzimmer ein Plattenspieler," schreibt Passmann, "einfach, weil ich gerne alte Menschen beeindrucke". Wo wir bei der größten Enttäuschung der Millennials wären, nämlich dem Selbsthass, den sie mit sich rumtragen.

Während frühere Generationen (so stellt man sich das als Millennial - auch die Autorin dieses Artikels gehört dazu - zumindest verträumt vor) die Älteren und deren Spießigkeit radikal ablehnten, sich völlig neu erfanden, war das für die in den Achtzigern und bis Ende der Neunziger geborenen nie drin. Die Millennial-Band Kraftklub hat dieses Gefühl im Songtext von "Zu jung" vor Jahren einmal so formuliert: "Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellieren?" Und auch wenn Sophie Passmann schreibt, wie "rasend uncool es ist, anders alt sein zu wollen, als man ist", wird man den Verdacht nicht los, dass sie wie viele Altersgenossen schon immer lieber älter gewesen wäre.

Millennials hören ihr Leben lang den Geschichten der Alten zu. Also schleppt Sophie Passmann Umzug für Umzug Thomas Manns "Zauberberg" mit sich herum, weil ein Theaterwissenschaftsstudent ihr mal sagte, das Buch würde noch zu ihr sprechen, was er aber eigentlich nur von einem Älteren gehört haben kann.

Das führt dazu, dass der Wert dieser ganzen Lebensausstattung aus Büchern, Platten, Möbeln, mit der man sich peinlicherweise um die Zustimmung der Älteren bemüht, auch mal gehörig überbewertet wird. Weil Sophie Passmann jeden Gegenstand in ihrer Wohnung schon mindestens zwanzigmal hinterfragt hat, glaubt sie, man müsse auch bei anderen Leuten nur auf die Sneaker schauen, um zu verstehen, wer drin steckt.

Gelegentlich gibt es auch Irrtümer darüber, was alle kennen müssen, was man aber in Wirklichkeit nur in der sehr spezifischen Welt einer 27-Jährigen in der Berliner Medienblase kennen kann. Auf Champagnerstehempfängen zu stehen, auf denen alle wissen, wer "Francesco" ist, das ist keine Generationenerfahrung. Das weiß Passmann dann aber natürlich doch, es wird thematisiert, hinterfragt, ausreichend eingeschränkt, bis es so etwas wie "die Generation" dann doch nicht mehr gibt und nie gab. Aber wenn ihre Generation eines auszeichnet, dann, dass sie sich all dessen, was problematisch ist, immer bewusst sein will - und dann trotzdem, sehr hinterfragend und dreifach ironisierend, alles genauso macht.

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