Dies ist eine kleine Liebeserklärung an ein Musikstück, das einen irgendwie ungewöhnlich von der Seite anweht. Es ist der Song „Schenke mir ein“ von der neuerdings in Berlin lebenden Hamburger Musikerin Sophia Kennedy, 36, die in den USA geboren wurde und mit fünf Jahren nach Deutschland kam. Normalerweise singt sie auf Englisch. Normalerweise klingt ihre Musik auch anders. Gewöhnlicher, wobei das jetzt wirklich nicht negativ gemeint ist, sondern nur sagen will, dass dieser neuere Song aus ihrem sonstigen Werk wie überhaupt aus dem zeitgenössischen Musikgeschehen komplett herausknallt.
Bekannt ist Sophia Kennedy eigentlich für elektronische Popmusik, die sie zusammen mit ihrem musikalischen Partner Mense Reents, den man unter anderem auch als Keyboarder der Band Die Goldenen Zitronen kennen könnte, schreibt und produziert. Man kann sich online ein Loungekonzert der beiden ansehen, das sie vor einem Jahr für Radioeins gaben. Da spielt Reents E-Bass und Kennedy singt und sitzt am Keyboard, und die Songs, die sie da spielen, klingen cool, melancholisch, auf eine leicht hypnotische Art repetitiv. Und hätte man die Augen geschlossen, würde man nicht unbedingt darauf kommen, dass da immer dieselbe Person singt, so unterschiedlich kann Kennedys Stimme klingen, mal hell und glockenrein, dann wieder soulig und dunkel.
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Aus irgendeinem Grund, den nur sie kennt, veröffentlichte sie nun kürzlich einen Song, der klingt, als wäre Hildegard Knefs Geist in sie gefahren (erschienen bei City Slang). Sie singt darauf deutsch, der Text handelt von Rausch, es kommt ein Glas darin vor, „groß genug, um zu fliegen“, und zwei Personen, von denen die eine nicht mehr laufen kann. Nicht schlimm, die andere wird sie halten. Und wenn sie beide ihre Namen nicht mehr wissen, scheint das auch kein allzu großes Drama zu sein.
Das Stück beginnt heiter und sanft mit Gitarre und Bass. Ein trockener synkopierter Beat kommt hinzu, als der Gesang einsetzt. Im Verlauf des Stückes gibt es auch Harmoniegesang, warme Streicherklänge, Bossa-Nova-Flair. Insgesamt bietet die Musik eine leichtfüßig tänzelnde, mitunter auch mal dudelige Untermalung für diese sehr besondere und vollkommen aus der Mode geratene Art des Gesangs, die Hildegard Knef berühmt gemacht, wenn nicht erfunden hat und die Sophia Kennedy hier mutig ohne hörbare Ironie wieder aufleben lässt: Es ist im Grunde eher ein auf unterschiedlichen Tonhöhen stattfindendes, klangvolles Sprechen als wirklich ein Singen. Ein sangliches Sprechen, überdeutlich artikuliert, wofür sich wohl keine andere Sprache so sehr eignet wie das Deutsche, das eine eigentümlich theatralische Schönheit entfaltet, wenn eben mal nicht genuschelt wird, sondern jedes finale t, jedes noch so kleine l zu seinem Recht kommt.
Wer lächelt heute schon noch beim Singen?
Das Allerschönste an diesem Song, der insgesamt nur dreieinhalb Minuten lang ist und auf dieser Strecke schon auch mal den musikalischen Faden verliert und ein bisschen durchhängt, bevor er sich wieder fängt, was natürlich, bedenkt man das Thema, volle künstlerische Absicht sein mag, das wirklich Allerallerschönste aber ist, dass man hört, dass Sophia Kennedy beim Singen lächelt. Das ist es wahrscheinlich, was einen so die Ohren spitzen lässt, wenn man den Song zum ersten Mal hört. Und auch noch beim zweiten Mal. Und beim dritten. Und vielleicht auch noch in einem Jahr. Denn wer lächelt heute schon noch beim Singen? Wer lächelt überhaupt noch, zumal auf Deutsch? Jedes von Sophia Kennedy hier überdeutlich artikulierte und lächelnd in ein Mikrofon gesprechsungene Wort bekommt auf diese Weise eine überraschende Kostbarkeit. Man hört genau hin, auch wenn der Text ja von einem recht banalen Vorgang erzählt. Das aber so wunderschön sorglos, tänzerisch und verträumt, dass das Stück wirklich etwas angenehm Beschwipstes hat.
Und weil man Zauber zerreden kann, ist dieser Text sowieso schon viel zu lang. Was er eigentlich nur sagen wollte: Vielen Dank, Sophia Kennedy, für diese herrlich verrückten dreieinhalb Minuten.

