"Sonny Black" von Bushido Die Schmähungen müssen weitergehen

Als Phänomen ist Bushido dabei alles andere als singulär. Der deutsche Gangster-Rap ist seit mehr als zehn Jahren etabliert. Es gibt ein treues und gar nicht so kleines Publikum. Die neuen Alben der Stars der Szene sind regelmäßig in den Top-Ten, nicht selten auf dem ersten Platz. Man kann also jeweils von ein paar zehntausend bis über hunderttausend verkauften Platten ausgehen. Es wäre übrigens auch keine Überraschung, wenn "Sonny Black" nächste Woche die deutschen Album-Charts anführt, bei iTunes ist es schon ganz vorn.

Anis Ferchichi alias Bushido alias Sonny Black ist allerdings der eine deutsche Gangster-Rapper, dessen Lebensgeschichte Bernd Eichinger 2010 verfilmt hat (mit Bushido in der Hauptrolle) und dem im Jahr darauf Hubert Burda einen Bambi verlieh, um ihn für seine vorbildhafte Integration in die deutsche Gesellschaft zu ehren. Der Mann wurde von diesem Land also, als es endlich nicht mehr verdrängen konnte, dass es ein Einwanderungsland ist, schon einmal fest umarmt.

Schließlich der Rückfall

Bushidos Vater ist Tunesier, aufgewachsen ist der heute 35-Jährige bei seiner alleinerziehenden deutschen Mutter im Berliner Bezirk Tempelhof, er besuchte bis zur 11. Klasse das Gymnasium und wurde danach - so steht es wenigstens in seiner Autobiografie - von einem Gericht wegen Sachbeschädigung und Drogenhandel zu einer Malerlehre verdonnert. Als Rapper bekannt wurde er Anfang der Nullerjahre, es folgten Erfolg, beträchtlicher Reichtum, Körperverletzungen, Beleidigungen, Indizierungen, Vorwürfe wegen Islamismus sowie Schwulen-, Frauen- und Judenfeindlichkeit, Musikpreise, Vergleiche, mehrere Verurteilungen zu Geldstrafen bis zu 20 000 Euro, Spekulationen über Verbindungen zur organisierten Kriminalität , eine Zweitkarriere im Immobiliengeschäft, der Film, der Bambi, sogar ein Praktikum bei einem CDU-Abgeordneten, ein Anti-Sarrazin-Buch mit dem Titel "Auch wir sind Deutschland" und schließlich - vor allem in den Augen seiner beflissenen Integrationshelfer - der Rückfall.

Im vergangenen Jahr wurde nach Berichten und Recherchen des Stern bekannt, dass das Berliner Landeskriminalamt den Rapper als Mitglied eines Berliner Mafia-Clans ansieht (die Brüder des Clans mit palästinensischen Wurzeln, mit dem er in Verbindung gebracht wird, sind übrigens allesamt nach Judenfeinden benannt, einer heißt sogar Rommel mit Vornamen). Schon seit 2012 ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin. Empörung, Politiker distanzierten sich, der öffentliche Druck stieg und Bushido rappte schließlich auf dem Track "Stress ohne Grund" seiner Protegés Shindy im Juli 2013 Sätze wie: "Du wirst in den Arsch gefickt wie Wowereit" und "Ich will, dass Serkan Tören jetzt ins Gras beißt" und "Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz". Wowereit und Tören erstatteten Strafanzeige.

Freiheit der Kunst, Behauptungswille des Sports

Im Fernsehen rechtfertigte sich Anis Ferchichi für seine Gast-Zeilen in "Stress ohne Grunde" bauernschlau und vorbildlich verbindlich. Er berief sich auf die Freiheit der Kunst, die Spielregeln des Gangster-Rap - und wollte alles nicht so verstanden wissen, wie es Bushido gesagt hatte. Wer mit dem Gangster-Rap vertraut sei, wisse schon, was da gemeint sei und zwar "auf keinen Fall ein Aufruf zu Gewalt". Wenn die Justiz im Übrigen zu der Ansicht komme, dass es doch nicht in Ordnung sei, werde er das selbstverständlich akzeptieren. Die Klage der Berliner Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung und Beleidigung wurde Ende November 2013 vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten mit Verweis auf die Kunstfreiheit abgewiesen.

Das war also erst mal erledigt. Aber nun gibt es ein neues Album, das sollen alle wissen, und deshalb müssen die Schmähungen weitergehen. Zuletzt wurden der "Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz und Peter Maffay mit justiziablen Beleidigungen bedacht und ein abtrünniger ehemaliger Komplize mit einem Song und Video, in dem es um seine Hinrichtung geht.

Auch dieser Artikel wird Bushidos Bekanntheit nicht mindern. Ignoranz ist aber auch keine Lösung mehr, denn tatsächlich kann man sich zu einem so prominenten Phänomen wie Bushido schwer noch indifferent verhalten. Abgeklärt mit den Schultern zu zucken und das Phänomen Bushido gönnerhaft ästhetisierend als auserzählt zu betrachten, das hieße, üble habituelle Beleidigungen, Diskriminierungen und doch recht unironische Todesdrohungen eines populären Künstlers für völlig akzeptabel zu halten. Empört Verbote und Strafen zu fordern, kann es natürlich ebenso wenig sein. Schon weil das hieße, Frank Zappa zu verraten, der in den Siebzigern und Achtzigern so viel Kraft darauf verwendet hat, den ganz eifrigen Tugendwächtern zu erklären, dass es einen Unterschied zwischen Worten und Taten gebe und freie Gesellschaften sehr gut daran tun, eben diesen Unterschied sehr hoch zu achten.

Idealtyp des zeitgenössischen Kapitalisten

Und zwar auch dann, wenn die eigenen Vorstellungen vom guten Ton und Stil dabei gelegentlich auf eine harte Probe gestellt werden - wie im Fall Bushido, dessen Erfolg ja darauf beruht, dass er glaubwürdig vermitteln kann, eben doch nicht nur ein Maulheld zu sein. Sich wie Bushido im Geschäft des professionellen Beleidigens, Beleidigtwerdens und Beleidigtseins zu engagieren - das heißt, die mächtige Sinnressource Stolz sehr, sehr ernst zu nehmen. Es hat einen eigenen Reiz in diesem Zusammenhang, das über zweieinhalb Stunden lange Video-Interview anzusehen, das er kürzlich dem Rap-Online-Magazin 16 Bars gegeben hat. Er ist da mal der nette, gar nicht dumme Familienvater und reflektierte Aufmerksamkeitsingenieur, mal der unverstellt autoritäre, ungnädige Macht-Taktiker, der, wenn's um die Wurst geht, gar keinen Spaß mehr versteht.

Mit anderen Worten: Wenn man nur genau genug hinsieht, sind wir damit auf der für uns unbequemen Seite der Wahrheit. Das ästhetische und moralische Problem Bushido wird nämlich genau hier zu einem kulturellen und ideologischen Problem. Und damit zu unserem. Der Gangster-Rap ist schließlich die dem Kapitalismus gegenüber opportunistischste Kunstform überhaupt. Seine Protagonisten wollen keine andere Welt, sie wollen ihren Teil von dieser - und zwar einen möglichst großen.

Auf dem Weg dahin nehmen sie die Merkmale der beiden wesentlichen massenbewusstseinsprägenden gesellschaftlichen Sphären der Gegenwart wirklich ernst: aus der Kunst die Selbstverständlichkeit, sich keinen Regeln fügen zu müssen, und aus dem Sport den Behauptungswillen um beinahe jeden Preis. Anders gesagt: Wenn man sich den Idealtyp des zeitgenössischen Kapitalisten vorstellen will, kommt dabei ein Gangster-Rapper wie Bushido heraus, der die Tugenden, denen wir bei allerlei Gelegenheiten im Stadion und im Museum besten Gewissens selbst huldigen, einfach nur ein bisschen auf die Spitze treibt. Bushido, primus inter pares. Wenn das kein Grund für etwas Unbehagen ist.