"Sonne" von Kurdwin Ayub im Kino:Wer man sein will

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"Sonne" von Kurdwin Ayub im Kino: Ihr freches Video hat sie bekannt gemacht: Die Freundinnen Yesmin, Bella und Nati singen bei einer kurdischen Hochzeit.

Ihr freches Video hat sie bekannt gemacht: Die Freundinnen Yesmin, Bella und Nati singen bei einer kurdischen Hochzeit.

(Foto: Neue Visionen)

Die österreichische Regisseurin Kurdwin Ayub ist Tochter irakischer Kurden und Social-Media-Kind. Ihr Film "Sonne" erzählt von Identitäts- und Kopftuch-Fragen.

Von Martina Knoben

Die drei Freundinnen drehen mächtig auf, sie haben die Hidschabs von Yesmins strenggläubiger Mutter angelegt, und die Verkleidung gibt ihrem Bitch-Talk Würze. Sie blödeln, eine lässt den Hintern vibrieren - Twerken in einer schwarzen Abaya. "Ich hab' mich noch nie so schiach und geil zugleich gefühlt", kommentiert eine. Die Mädchen sind Schulfreundinnen, der Akzent verortet sie in Wien. Ihre Herkunft aber ist komplizierter.

Yesmin (Melina Benli) ist Kurdin, ihre Eltern kommen aus dem Irak, sie ist die einzige der drei, die auch im Alltag Kopftuch trägt. Bella (Law Wallner) nennt sich eine "Halbjugo", Nati (Maya Wopienka) "kommt aus Öster­reich". Die Freundinnen legen den alten R.E.M.-Hit "Losing my Religion" auf, sie singen und tanzen dazu in ihren schwarzen Tüchern - eine Performance, eine Kostümshow. Ein Musikvideo entsteht, das Nati bei Youtube postet, es wird ein Hit.

Schon in dieser ersten Sequenz ihres enorm frischen, mitreißenden Films spricht Kurdwin Ayub diverse Themen an. Um Religion und Freiheit geht es, mit dem Kopftuch als schwierigem Symbol - das für was eigentlich steht? Eine religiöse Überzeugung? Oder die Unterdrückung muslimischer Frauen? Die Proteste in Iran, wo Frauen gerade ihre Kopftücher verbrennen, verleihen "Sonne" zusätzliche Aktualität. Plötzlich haben wieder alle, auch im Westen, zum Kopftuch eine Meinung. Die drei Freundinnen erleben Ähnliches, als ihr Video viral geht. Ist es eine mutige Provokation, sexy mit Hidschab zu posieren? Oder verhöhnen sie den muslimischen Glauben?

Eine einfache Antwort darauf gibt der Film nicht. Yesmins Mutter ist entsetzt (und man kann ihre Ablehnung verstehen): "Warum hast du das gemacht? Mit den Sachen bete ich." Ihr Vater aber, der ohnehin vernarrt ist in seine kluge, schöne Tochter, findet das alles "ganz normal". Dem Klischee des strengen Patriarchen entspricht er ganz und gar nicht, er leiht sich von Yesmin schon mal die Wimperntusche aus, um die grauen Haare in seinen Bart zu färben.

Die Regisseurin Kurdwin Ayub ist selbst die Tochter irakischer Kurden, Yesmins Eltern werden von ihren eigenen Eltern gespielt, sie weiß, wovon sie erzählt. "Deswegen gibt es den Film... weil ich nirgends dazu gehöre", hat sie in einem Interview erklärt. "Und auch, weil ich mehrere österreichische Freundinnen hatte, die im Kurdisch-Unterricht besser waren als ich, im Kopftuch besser aussahen als ich und einen Fetisch hatten, sich immer in Flüchtlinge zu verlieben."

Die Blonde schwingt sich zur Sprecherin der Musliminnen auf

Im Film genießen vor allem Nati und Bella den Ruhm durch ihr Kopftuch-Video - und die Rolle, die ihnen der Hidschab zuweist. Die Freundinnen treten bei einer kurdischen Hochzeit auf, singen im muslimischen Zentrum und kommen ins Fernsehen, wo sich ausgerechnet die blonde Nati zur Vertreterin der Interessen muslimischer Frauen aufschwingt. Nati verliebt sich dann auch in einen kurdischen Mann.

Für Yesmin ist die Kopftuch-Frage allerdings mehr als ein Spiel. Plötzlich soll sie sich vor Fremden rechtfertigen, wie sie ihre Religion auslebt. "Was geht dich das an, wie ich ausschau!" schnauzt sie einen Mann auf der Straße an, der ganz genau weiß, was sich für eine Kopftuch-Trägerin ziemt. So einmütig die drei Freundinnen am Anfang des Films wirkten, driften sie zunehmend auseinander.

Dabei wirkt das Selbstbewusstsein der drei Frauen ziemlich wackelig. Posten deshalb alle (auch die anderen Jugendlichen im Film) ständig Handyvideos von sich in den sozialen Medien, um sich wie in einem Spiegel zu betrachten und vielleicht zu erkennen? Dass "Sonne" so frisch wirkt, liegt auch daran, dass die Regisseurin diese Clips und Videos in ihren Film einbaut, ebenso wie die Chats der Freundinnen, ein originelles (und oft schönes) Element: "Im Film wollte ich Wirklichkeit haben, deshalb haben viele der Jugendlichen die Videos selbst gedreht. Andere haben sie selbst mit Freunden gedreht und mir gegeben."

Eine herrliche Lust am Spiel mit den Möglichkeiten des Digitalen ist da zu sehen, mit Filtern und Apps, die Kussmünder zu Mandala-Blumen arrangieren oder die Gesichter der Mädchen in Tiergesichter verwandeln. "Ich bin Teil der ersten Social Media-Generation", sagt die Regisseurin. "Mit uns begann alles. Man konnte sein, was man wollte. Der Randbezirk Wien-Simmering hatte keine Grenzen mehr."

Die Kamera ist so beweglich, wie es Handykameras sind, und die Darstellerinnen der drei Freundinnen,- es sind Halbprofis, die schon häufiger für die Regisseurin gespielt haben - sind toll. Das alles muss wohl auch Ulrich Seidl fasziniert haben, der österreichische Radikalregisseur hat "Sonne" produziert. Du kannst sein, was du willst, suggerieren die sozialen Medien. Ganz so easy, das müssen auch Nati und Bella feststellen, ist es dann doch nicht, wenn man sich mit einem Hidschab verkleidet. Das Stück Stoff entwickelt eine eigene, nicht ungefährliche Dynamik.

Sonne, Ö 2022 -Regie, Buch: Kurdwin Ayub. Kamera: Enzo Brandner. Schnitt: Roland Stöttinger. Mit: Melina Benli, Law Wallner, Maya Wopienka, Kerim Dogan, Omar Ayub, Awini Barwari. Verleih: Neue Visionen, 88 Min. Kinostart: 01. 12. 2022.

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