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Zum Tode von Sonja Ziemann:Das ewige Schwarzwaldmädel

Sonja Ziemann

Sonja Ziemann in den Sechzigern, als sie versuchte, sich vom Heimatmädelimage zu befreien.

(Foto: mauritius images / United Archiv)

Wunderkind auf grüner Heide: Sonja Ziemann ist im Alter von 94 Jahren gestorben.

Blau, so blau wölbte sich der Himmel über der Heide, und im Tal, da blühten wieder die Obstbäume. Die Menschen sangen und tranken und kannten kein Morgen, vor allem aber kein Gestern. Doch was gestern so erfolgreich war, konnte doch auch heute wieder wirken. Der hohe Wald, das schöne Land, die gute Natur, die nicht mehr nach Blut & Boden riechen sollte, sondern schlicht "Heimat" hieß, das alles gab es in bester Farbqualität im deutschen Nachkriegskino zu erleben. Dass der deutsche Heimatfilm als Illusionsmaschine nicht längst ins Weltkulturerbe aufgenommen wurde, ist ein wahres Wunder. Sonja Ziemann war in dieser neuen Heimat das eingeborene Wunderkind.

Sie kam keineswegs aus dem Nichts, sondern von der Ufa-Filmschule, wo sie neben der ungleich ehrgeizigeren Hildegard Knef für den Dienst an der Volksgemeinschaft präpariert wurde. Hans Deppe, der Regisseur von "Schwarzwaldmädel", verfügte ebenfalls über seine Erfahrungen aus dem Unterhaltungsreich von Joseph Goebbels. Drei Mal war die Operette bereits verfilmt worden, aber noch nie so prächtig wie 1950, in Agfacolor-Farben. Die im Namen leicht überdeterminierte Bollenhutträgerin Bärbele Riederle verliebt sich in den Maler Hans Hauser (Rudolf Prack), gewinnt ein Cabrio in der Tombola und kriegt, nach den üblichen Hindernissen, ihren Liebsten.

Im Jahr darauf durfte Ziemann ihren Prack gleich nochmal heiraten. Da hieß der Vorwand "Grün ist die Heide", in dem ein Versöhnungshochamt für die zeitgenössischen Flüchtlinge und die Alteingesessenen gefeiert wird, wie es nur der deutsche Wald stiften kann. Jede dieser beiden Träumereien zog 17 Millionen Zuschauer ins Kino, aber wer wollte es den Überlebenden verübeln, dass sie die Trümmer und Ruinen, für die sie gemeinsam gesorgt hatten, nicht mehr sehen konnten?

"Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen, den öffentlichen Gebäuden und Brücken, die es gar nicht mehr gibt", beobachtete Hannah Arendt 1950 bei ihrer ersten Rückkehr nach Deutschland. Für sie wurde der "allgemeine Gefühlsmangel", die "offensichtliche Herzlosigkeit mit billiger Rührseligkeit" kaschiert. Dazu gehörte neben dem Heimatkitsch die Sentimentalisierung der Paarung Ziemann-Prack, hirnfrei verkürzt zu "Zieprack", aber mit dem klassischen Innstetten-Altersunterschied: gesetzter Mann und junges Ding, das noch viel zu lernen hat, aber dafür hübsch ist.

Im Adenauer-Deutschland hatte die Frau zu schweigen, nur das Kino gestattete ihr kleine Aufstiegsphantasien. In der "Privatsekretärin" (1953) findet, wie könnt es auch anders ein, wieder Herz zum Herzen, das arme Büromädel aber auch zum Bankkonto des Chefs. Wie ungleich eleganter und ironischer war da die amerikanische Komödie "Wie angelt man sich einen Millionär?" mit Lauren Bacall und Marilyn Monroe aus dem gleichen Jahr!

Sonja Ziemann wollte verständlicherweise nicht ewig an der Heimatnachkriegsfront dienen. Sie drehte Film um Film, zwischendurch auch mit Helmut Käutner ("Die Zürcher Verlobung") und Frank Wisbar ("Nacht fiel über Gotenhafen"). Sie zierte weiter manchen Kaiser- und Opernball, spielte aber auch neben Richard Widmark ("Geheime Wege", 1961) und wirkte in einer frühen deutsch-polnischen Co-Produktion mit ("Der achte Wochentag, 1958). In den sechziger Jahren wandte sie sich verstärkt dem Theater zu, trat als "My Fair Lady" auf (wozu hatte sie schließlich Gesang und Tanz studiert) und als Frank Wedekinds Lulu und ging mit ihrem dritten Ehemann Charles Regnier auf Theatertournee.

In einer Filmliste von knapp hundert Titeln fallen die Heimatschnulzen vom Anfang der Fünfziger kaum ins Gewicht, und doch boten sie reinstes deutsches Gemüt. Am Montag ist das ewige Schwarzwaldmädel Sonja Ziemann 94-jährig in München gestorben.

© SZ vom 20.02.2020

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