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Songwriter Bill Callahan:Keine Sorge, ich bin hier der Dichter

Bill Callahan Performs In Berlin

„Aber Klarheit ist sowieso überwertet.“ – Bill Callahan bei einem Auftritt am 8. Oktober 2019 in Berlin.

(Foto: Redferns)

Rätselhaft, ergreifend, zutiefst tröstlich: 2019 war das große Jahr des 53-jährigen amerikanischen Sängers und Songwriters Bill Callahan.

"Schöne Lampen haben Sie hier!", sagt der Sänger Bill Callahan, als er von der Bühne aus in die weinrote Runde schaut, in das auf allen Balkonen voll besetzte Art-déco-Theater, den Berliner Admiralspalast: "Schöne Lampen. Sehen aus wie in Zellophan verschweißte Götterspeise." Nette Begrüßung, man hört förmlich das Rattern in den Zuschauerhirnen, während Callahan die Wandergitarre nachstimmt, als wolle er kurz die Zündkerzen checken. "Ach ja", meint er noch, "Götterspeise in Folie, das war mein Spitzname in der Highschool." Dann kommt der Song.

Und bevor jemand fragt: Ja, man muss ihn kennen, unbedingt. Auch wenn Callahans Kopf, akkurat grauhaarig und bubenhaft, im Pub-Quiz kaum zu erraten wäre, und obwohl man seinen Namen gern klauen würde, um ihn einem lustigen Rinderdieb in einem Kinder-Cowboybuch zu geben. Doch Callahan ist nicht nur längst ein moderner Klassiker, einer der bis heute nachhaltigsten Charaktere der von Schnapsideen und kreativem Furor getriebenen Neunziger-Underground-Popszene der USA. Er hat zudem, nach einer längeren Pause, ein triumphales Jahr 2019 erlebt. Mit einer großen USA- und Europatournee und einer Platte, die zum Besten gehört, was er in rund 30 Jahren Musikkarriere leicht schludrig vollendet hat.

"Ein Journalist hat geschrieben, ihre Musik sei furchterregend und unwiderstehlich. Stimmt das?", wird er 2002 von einem Moderator gefragt, als er morgens um sieben im Rahmenprogramm der "Chicago Morning News" auftritt. "Hmm ...", murmelt Callahan, blass, nicht bloß um die Nase. "Eigentlich nur furchterregend." Auch dann kommt ein Song, der alles und nichts erklärt. "River Guard", über einen Bademeister, der Häftlinge beim Schwimmen im Fluss beaufsichtigt und dabei fundamentale Zweifel an der Freiheit des Menschen bekommt.

Natürlich ist Callahan - 53, gebürtig aus Maryland an der Ostküste, Sänger, Songwriter und One-Man-Show - ein Posterboy der linientreuen Independent-Musik-Community. Man hätte ihn ja nicht schöner zusammenbasteln können: den knarzigen Melancholiker, der lakonisch und oft extra-stoffelig auf Nettigkeiten und öffentliche Vereinnahmung reagiert. Gutaussehend, aber unmodisch. Präsent, aber unnahbar. All die schönen Gegensatzpaare des gut verträglich Subversiven. Einer, der das alte, große Pop-Erbgut (Leonard Cohen, Nick Drake, Johnny Cash) zum Wetterleuchten bringt, ohne dabei nur entfernt wie ein Manierist zu klingen.

Ungezählt die Netflix- und Amazon-Abgesandten, die seine Songs für ihre Abspänne kaufen wollen

Dass Callahan privat mit zweien der grandiosesten Musikerinnen der Gegenwart liiert war, Joanna Newsom und Chan Marshall alias Cat Power, ist künstlerisch wohl unbedeutend, aber am Ende bleibt auch solcher Klatsch und Tratsch positiv hängen. Im Hauptquartier des Labels Drag City in Chicago, das seit 1992 seine Platten verlegt, musste wahrscheinlich längst ein eigenes Wartezimmer eingerichtet werden, nur für die ganzen Netflix- und Amazon-Abgesandten, die Callahan-Songs für ihre Abspänne kaufen wollen.

Dabei könnte man ihn, wie er beim einzigen Deutschlandkonzert im Admiralspalast so auf der Bühne steht, auch für einen der vielen austauschbaren Murmler halten, die beim romantisch anfälligen Publikum zuletzt so bestürzend viel Erfolg hatten. Callahan hat die Gitarre in Hillbilly-Art direkt vor die Brust geschnallt. Er trägt das bleichbunte Karohemd, das man von vielen seiner Waldspaziergangsfotos kennt. Eine kleine Band ist dabei, drei versunkene Typen an E-Gitarre, Bass und Schlagzeug. Aber dann kommt es eben, nach ein paar einleitenden Akkorden. Das heilige Ding. Der Faktor. Das im Kern wirklich vollkommen uncoole, diskursferne Totschlagargument dafür, dass Bill Callahan ein solcher Solitär ist. Dass man mitunter auch sehr wertvolle Objekte fallen lässt, wenn irgendwo plötzlich seine Musik läuft, weil man zuhören muss. Der Grund ist, nun ja: seine Stimme.

Callahans Singstimme ist, rein technisch gesehen, ein Bariton, also das Mittelding zwischen Hoch und Tief. Eine Frequenz, die jede Art von Musik oder Geräusch durchdringt, die immer ihren Weg findet, wie die Handsäge eines existenzialistischen Zimmermanns. Sie ist bodenlos traurig, trocken, desillusioniert - aber trotzdem schwingt in ihr immer ein seltsamer väterlicher Trost mit: Keine Sorge, ich bin hier der Dichter, und solange ich singe, kann alles gar nicht so schlimm sein. Die Stimme klingt nicht wie ein Instrument, ihre Substanz sind die Wörter, in sattschwarzer Serifenschrift: "Met a woman in a bar / I told her I was hard to get to know / and near impossible to forget." Oder: "I've got the woman of my dreams / And an imitation Eames." Kontaktprobleme, Lebensglück, Inneneinrichtung. Wie versprochen, die existenziellen Themen.

Callahans Stimme ist über Jahrzehnte konstant geblieben, während der Typ, in dem sie steckt, sich vielfach gehäutet hat. Im Chicago der späten Achtziger begann er als ungekämmter Avantgardist mit Kassettenrekorder und Schrottinstrumenten, nannte sich Smog. Fügte dem Projektnamen später noch Parenthese-Klammern hinzu, um zu zeigen, wie unerwünscht jede Assoziation zwischen Songtext-Ich und Künstleridentität war. Callahan wollte das scheinbar Unmögliche: eine intime Musik, die ihre Bedeutung nicht daraus bezog, dass man sie als bekenntnishafte Gefühlsäußerung ihres Urhebers verstand. Natürlich wuchs gerade dadurch das Interesse an seiner Person noch mehr.

"Dress Sexy At My Funeral", "Butterflies Drowned In Wine" oder "Prince Alone In The Studio" nannte er die Smog-Songs, die mit den Jahren immer melodischer, lichtdurchlässiger, für todesmutige Füße sogar tanzbarer wurden.

Das insgesamt zwölfte Album erschien 2007 dann unter seinem echten Namen. Die Zeiten, in denen er Interviews nur via Faxgerät führte, waren wohl vorbei. "Shepherd in a Sheepskin Vest" (also "Schäfer im Schafspelz"), die schon erwähnte Platte von 2019, ist nun ein neuer Höhepunkt dieser Entwicklung - und gehört zum Rätselhaftesten, Ergreifendsten, Wortmächtigsten und am Ende eben auch zutiefst Tröstlichsten, was es in den vergangenen Jahren an Singer-Songwriter-Musik so zu hören gab.

Dieses Mal muss man tief ins Biografische greifen, um den Hintergrund zu erklären. 2014 heiratete Callahan die Fotografin und Regisseurin Hanly Banks, die davor eine Dokumentation über ihn gedreht hatte. Ein Jahr später kam der gemeinsame Sohn zur Welt. Sein erstes Kind, mit 48. In der Regel kann dem Publikum ja nichts Garstigeres passieren, als dass (vor allem männliche) Musiker über ihr frisches Elternglück singen. Callahan hat es zu 19 relativ kurzen, prägnanten Liedern inspiriert, in denen Gedanken über den sozialen Familienalltag, den Wert und die brutale Zerbrechlichkeit des Lebens auf gewaltige Naturbilder treffen, auf ein bisschen mythologisch-philosophischen Bimbam sowie die buchstäblich geile Lust, nach fast fünf Jahren Babypause endlich wieder zu spüren, wie die Verse fließen.

Schön geschliffen ist auf "Shepherd in a Sheepskin Vest" gar nichts. Die Musik klingt, als würde ein vierschrötiges Jazzquartett mit aller Beherrschung versuchen, eine sanfte Countryplatte einzuspielen, und darüber schwebt die Stimme, die berühmte Stimme. Wie der Off-Kommentar in einer Dokumentation übers Familienleben im dunklen, unerschlossenen Gebirge: "We turn darkness into morning / We turn belief into evening." Verstörend idyllischer könnte es nicht mal Werner Herzog sagen.

Auch im Konzert konzentriert sich Callahan, der neu gekrönte, große Chef-Pastoraldichter des Indierock, auf die fantastischen Songs seiner aktuellen Erkenntnisphase. Erst zum Schluss gibt es eine kurze Erinnerung, einen kleinen Gruß an die wilde Vergangenheit, als die Band das Theaterpublikum mit einem langen, kakofonischen Dröhnen endgültig nach Hause schickt. "Das Wetter in Berlin wird aufklaren, sobald wir das Land verlassen", hat Callahan davor in einer Ansage prophezeit, bewährt rätselhaft. "Aber Klarheit ist sowieso überbewertet." Man sollte es nicht vergessen, auch wenn man seine neue Platte zum Einschlafen hört.