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Sommerhaus, früher:Abtauchen ins Elend der anderen

In den Fünfzigern zog es die amerikanischen Beat-Dichter, allen voran William S. Burroughs, immer wieder nach Tanger. Zum Schreiben suchten sie die Fremde und die Drogen. Ihr liebstes Quartier war das Hotel El-Muniria.

Von Nicolas Freund

Auf der anderen Straßenseite in der Ruine hausen die Junkies und Dealer. Handy am Ohr, Nase in der Plastiktüte. Farbe und Klebstoff schnüffeln, billiger gibt es keinen Rausch. Einer grölt immer, ständig muss einer eilig irgendwohin verschwinden. Wenn ihnen langweilig wird, werfen sie mit Steinen nacheinander. Aus Holzpaletten und Plastikplanen haben sie sich eine Hütte gebaut. Keiner sieht älter aus als 18 Jahre.

Touristen verirren sich normalerweise nicht hierher, in die Rue Magellan in Tanger, zwei Querstraßen von den Boulevards mit den französischen Restaurants und Luxushotels entfernt. Nur ein paar Backpacker und Literatur-Nerds checken hier regelmäßig in dem unscheinbaren Hotel El-Muniria an der steilen Straße ein, denn dort bezogen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und andere Beat-Autoren ihr Quartier, wenn sie, von wilden Träumen getrieben, mal wieder in der unwirklichen Stadt zwischen Mittelmeer und Atlantik, Meer und Wüste nach Erfüllungen aller Art suchten. Auch Truman Capote und Tennessee Williams kamen zu Besuch, blieben aber den Entgleisungen der Beatniks gegenüber reserviert. Sie rauchten und tranken lieber mit Paul Bowles. Burroughs, wenn er nicht mit Kiffen oder den arabischen Jungs beschäftigt war, schrieb hier an "Naked Lunch", seiner cartoonhaften, pornografischen und gehässigen Generalabrechnung mit der amerikanischen Gesellschaft, ein albtraumhafter, in beliebiger Reihenfolge lesbarer Roman von zweifelhaftem literarischen und bedeutendem zeitgeschichtlichen Wert, voller Spuren und Anspielungen auf diese Jahre.

Tanger war von 1923 bis 1956 eine internationale Sonderverwaltungszone unter wechselnder spanischer, portugiesischer, französischer, niederländischer und belgischer Administration. Hierher kamen vor allem nach dem Krieg alle, die nicht wussten, wo sie sonst hinsollten: Kriegsflüchtlinge und Kriegsverbrecher gleichermaßen, Staatenlose, aber auch Drogensüchtige und Homosexuelle wie Burroughs, denn auf den Straßen Tangers war kaum etwas so leicht zu bekommen wie Haschisch und Strichjungen.

Die Strafen waren niedrig, und Amerikaner konnten sich noch dazu darauf verlassen, im schlimmsten Fall vor ein amerikanisches Gericht gestellt zu werden. Dazu kam, dass der amerikanische Autor und Komponist Paul Bowles 1948 auf einer Reise durch Algerien, inspiriert von der Wüste und der latent bedrohlichen Atmosphäre, den von den Beats verehrten Bestseller "The Sheltering Sky" ("Himmel über der Wüste") heruntergeschrieben hatte und seitdem in Tanger lebte.

Im Januar 1954 flüchtete Burroughs das erste Mal nach Marokko. Im Jahr zuvor hatte er in Mexiko-Stadt aus Versehen seine Frau Joan erschossen. Weil aber tote Frauen in Mexiko nicht viel Aufsehen erregen, entging er einer Strafe. Das Land verließ er trotzdem, doch viele Möglichkeiten zur Flucht boten sich ihm nicht. Die Beziehung zu den führenden Köpfen der Beatniks in New York, Jack Kerouac und Allen Ginsberg, war wegen Burroughs' Exzentrik belastet, auch weil Ginsberg nicht auf seine Annäherungen einging. William S. Burroughs, Sohn einer großbürgerlichen Familie aus St. Louis, der in Harvard alles Mögliche, aber nichts zu Ende studiert hatte, war für die Beats vor allem ein lustiger Irrer, der bitte mehr von dem verrückten Zeug schreiben sollte, das er ihnen aus aller Welt per Post zusandte.

Nach kurzen Aufenthalten in Europa landete Burroughs den Strömen der Abenteurer und Fliehenden folgend schließlich in Marokko. In der Medina, der Altstadt, mietete er sich über einem Bordell ein und widmete sich ganz seiner Sucht. "In Tanger zu laufen ist wie Fallen, Abtauchen hinab in dunkle Schächte von Straßen, an Ecken, Hauseingängen Halt suchend", heißt es in einem seiner Texte aus dieser Zeit. Der Literaturwissenschaftler Oliver Harris hat in den Achtzigerjahren versucht, den genauen Standort von Burroughs' erstem Zimmer in Tanger zu bestimmen, aber die nach dem Ende der Kolonialherrschaft geänderten Straßennamen und ständig umgebauten Gebäude haben dieses Stück amerikanischer Literaturgeschichte überschrieben.

Sicher ist nur, dass es nicht weit vom Petit Socco, dem kleinen Platz im Herzen der Altstadt mit dem Café Central, das auch heute noch existiert, entfernt gewesen sein kann. In einem Text beschreibt Burroughs die Aussteiger, Pechvögel und Prostituierten, die sich in den Fünfzigern dort trafen. Noch heute hetzt an dem Platz täglich halb Tanger vorbei: Touristen in Gruppen und ein paar mutigere alleine, Stoffverkäufer, Henna-Malerinnen, Dealer, die im Vorbeigehen "Hasch-hasch" zischen, Bettler, verschleierte Marokkanerinnen mit glitzernden Handys und Gucci-Sonnenbrillen, Kinder, die Taschentücher verkaufen. Männer trinken hier Minztee und diskutieren stundenlang. Ein Amerikaner oder Europäer mit weißem Vollbart und Dutt starrt über einer Zigarette und einer Tasse Kaffee ins Leere. Ein dänisches Paar tut so, als wäre es in Italien. Ältere Europäerinnen mit Flechtfrisuren wie aus einem Ulrich-Seidl-Film haben das Gothic-Töchterchen und die schwarzafrikanischen Lover im Schlepptau.

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Wer hier alleine sitzt, wird früher oder später von jemandem angesprochen, der sich dann zum Beispiel "Richard" nennt. Richard ist mindestens 60 Jahre alt, hat rote und pinke Flecken auf der engen Jeans und trägt einen violetten Turban zum Schal gebunden über dem gestreiften Hemd. Seinen Beruf beschreibt er als "Maler, abstrakt". William Burroughs kennt er natürlich. Er hat drei Bücher zu Hause, die er manchmal seiner Frau vorliest. Zu welcher Gelegenheit bleibt offen. Ob man die Rolling Stones kennt? Mick Jagger? Oder den Maler René Magritte? Die kamen ja auch immer nach Tanger. Gerade war Leonardo DiCaprio da. Richard hat ein Foto mit ihm gemacht. "Cool guy. Very nice." Richard muss noch Arganöl für seine Frau und Schals für sich kaufen. Ob man nicht mit will? Er weiß, wo die guten Geschäfte sind, wo die Einheimischen einkaufen. "Eine Dunstglocke des Verdachts und Snobismus hängt über dem europäischen Viertel von Tanger", schrieb Burroughs, "jeder mustert dich und sucht dabei nach dem Preisschild."

Als Burroughs 1956 das zweite Mal nach Tanger kam, mietete er ein Zimmer in der Pension El-Muniria. Er blieb zwei Jahre, streifte tagsüber mit einem Regenmantel bekleidet durch die Stadt und kaufte Drogen, nachmittags schrieb oder schlief er, abends bestellte er sich einen Jungen aufs Zimmer. Essen konnte man schon damals in den französischen Restaurants an den nahen Boulevards. Ein Drei-Gänge-Menü kostete einen Dollar. Burroughs bekam 200 Dollar monatlich von seiner Familie.

Burroughs hatte ganz Afrika im Rücken, doch das interessierte ihn nicht

Auch Paul Bowles hat wahrscheinlich, als er Ende der Vierzigerjahre in die Stadt kam, in der Pension gewohnt. Zumindest ist der Blick aus seinem ersten Zimmer, den ein Foto zeigt, das heute in der American Legation, dem Museum in der ehemaligen amerikanischen Botschaft in Tanger hängt, derselbe wie aus dem Zimmer Nummer 4 im El-Muniria. Burroughs bewohnte das Zimmer 9, heute eine Privatwohnung und die einzige Einheit mit Zugang zu dem kleinen Garten. Kerouac wohnte, wenn er zu Besuch war, ganz oben, wo man auf die große Dachterrasse kommt. Im Flur hängen noch Fotos von Burroughs und den anderen Beats, aber mit dem Ruhm dieser Autoren schmücken sich heute viele Orte in Tanger, von den großen Hotels mit den Wachen und Metalldetektoren am Eingang weiter oben in der Stadt bis zu dem kleinen Nachtclub "The Tanger Inn" direkt unter dem El-Muniria, wo nachts zwischen Burroughs-Graffiti und Paul-Bowles-Zitaten junge Männer über Laptops gebeugt an ihren elektronischen Tracks schrauben und junge Frauen mit offenen Haaren zwischen ihren Freunden sitzen und feiern, als gäbe es draußen keine Kopftücher und kein islamisches Alkoholverbot.

Tagsüber kann man von der Dachterrasse des El-Muniria aus manchmal bis nach Spanien sehen. Burroughs schrieb mit dem Blick aus seinem Fenster nach Europa, den ganzen afrikanischen Kontinent im Rücken, der ihn nicht interessierte. In Briefen an Ginsberg faselte er irgendwas von dem großen Tanger-Roman, an dem er arbeite. Als Ginsberg und Kerouac zu Besuch kamen, fanden sie in Burroughs' Zimmer nur eine angeblich bis heute nicht ganz gesichtete Sammlung loser Zettel mit Beschreibungen bizarrer Sexszenen, kurzen Theaterstücken oder Fernsehskripten und autobiografischen Texten vor. Wochenlang sichteten und bearbeiteten sie diese Fragmente in endlosen Café-Sitzungen und stellten daraus die erste Fassung eines Textes fertig, der später "Naked Lunch" werden sollte.

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William S. Burroughs kehrte von Tanger in die USA zurück.

(Foto: United Archives International/imago)

Tanger-Romane haben andere geschrieben, in "Naked Lunch" werden oft in einem einzelnen Absatz die USA mit Europa und Tanger zur "Interzone" überblendet, einer fiktionalisierten Version der Internationalen Zone von Tanger, die Burroughs als Kulisse für seine gnadenlos überspitzte Karikatur der amerikanischen Moral, Medien und Gesellschaft nahm. Die Stadt kam ihm dabei entgegen, denn in der Zeit, als Burroughs durch ihre Gassen trieb, wollte sich dort niemand auf irgendetwas festlegen, sondern am besten einfach verschwinden. Europa, Afrika, Orient, USA: Noch heute sieht hier jeder, was er will und findet dann, was er sucht oder glaubte zu suchen. "Lee trifft dieselben Leute, wo immer er auch hingeht", schrieb Burroughs über sein Alter Ego Bill Lee, unter dem er seine ersten Bücher veröffentlicht hatte. Burroughs hat die Stadt und ihre Bewohner verachtet, wie er in seiner universellen Abwehrhaltung alles verachtet hat, bei ihm selbst angefangen.

Am Abend haben die Straßenjungs, die heute beim El-Muniria wohnen, ihre Hütte mit großem Geschrei abgerissen und bauen sie jetzt die ganze Nacht wieder auf. Vom nahen Minarett ruft der Muezzin. Regelmäßig kommt mit großem Geknatter ein Motorroller vorbei. Burroughs hätte sich vielleicht auch dafür interessiert, was diese Kinder im Angebot haben.

© SZ vom 05.09.2017

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