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"Sommer" von Karl Ove Knausgård:Wenn im Garten sanft der Rasensprenger winkt

Deutlich entspannter: Knausgård überlässt sich dem natürlichen Rhythmus seiner neuen Heimat im ländlichen Südschweden.

(Foto: imago)

In "Sommer", dem dritten Band seiner Jahreszeiten-Reihe, tritt Karl Ove Knausgård im gewiss nicht verfrühten Alter von fast 50 Jahren auf die Seite der Erwachsenen über.

Von Burkhard Müller

Berühmt geworden ist Karl Ove Knausgård mit den sechs Bänden der Reihe "Min Kamp", in denen er minutiös sein Leben erzählt. Das Werk hat er vor geraumer Zeit abgeschlossen und eine etwas kleinere Reihe begonnen, die ihren Takt statt aus dem Leben des Autors aus dem Gang des Jahres nimmt. Nach den Bänden "Im Herbst", "Im Winter" und "Im Frühling" ist jetzt "Im Sommer" erschienen. Es ist dicker als die vorangegangenen, wie ja auch in die langen skandinavischen Sommertage mehr hineinpasst als in die Tage der anderen Jahreszeiten.

Schon in deren ersten Bänden war es, auch wenn man die Aufrichtigkeit und Gründlichkeit von "Min Kamp" zu schätzen wusste, doch wohltuend, wie der Autor nicht mehr nur mit sich selbst rang, sondern sich, deutlich entspannter, dem natürlichen Rhythmus seiner neuen Heimat im ländlichen Südschweden überließ. Immer noch sind es die unscheinbaren Dinge, die ihn faszinieren; doch fasst er sie nunmehr in ihrem Gattungscharakter auf. Die Textstücke heißen jetzt "Rasensprenger", "Haut", "Marienkäfer", "Schaum" oder "Spielplätze". Und immer wieder leitet ihn die Verblüffung, dass es all dies schon lang gibt, aber er es erst jetzt richtig wahrnimmt.

"Mir ist nie wirklich bewusst gewesen", so fängt das Buch an, "dass ich einen Rasensprenger besitze (...)". Nicht der Rasensprenger an sich weckt das Erstaunen, den er vielmehr seit seiner Kindheit als Inbegriff des Sommers kennt, sondern dessen Besitz; und wenn er der Tätigkeit dieses einfachen Geräts zuschaut, wie der Wasserstrahl glitzernd in der Sonne aufsteigt und gleich darauf bald nach der einen, bald nach der anderen Seite wehend herabsinkt, wie eine winkende menschliche Hand, dann bedenkt er in seiner Beziehung zu dem archetypischen Ding seine veränderte Stellung im Leben. "Die Tatsache, dass ich heute selbst Herr über einen Rasensprenger bin und ihn anschließe und an verschiedenen Stellen in meinem eigenen Garten aufstelle, sollte mir deshalb etwas bedeuten, nicht unbedingt viel, aber doch ein bisschen, da das Leben, das ich damals nur beobachtete - das Leben der erwachsenen Männer und Frauen -, nun zu meinem eigenen geworden ist, zu etwas, das ich nicht länger von außen betrachte, sondern von innen ausfülle." Das tausendfach in identischer Form produzierte Gartenutensil ist in diesem einen Exemplar seins und macht ihm klar, im gewiss nicht verfrühten Alter von fast fünfzig Jahren, dass er auf die andere, die erwachsene Seite übergetreten ist.

Ein Kosmos, in dem alles kraft bloßer Existenz einander zugeneigt ist

Knausgård ist niemals absichtlich poetisch; die poetischen Qualitäten seines Schreibens ergeben sich als Neben-, geradezu als Abfallprodukt der Genauigkeit seines Schauens und Grübelns. Birken stellen in Skandinavien ja nun nicht gerade eine Rarität dar. Aber Knausgård behandelt sie als etwas Besonderes, mit kreatürlicher Höflichkeit. "Im monochromen Reich des Waldes, in dem fast alles grün ist oder das Grün betont, wie etwa der gräuliche Farbton der Fichtenrinde, stechen die Birken mit ihrer weißen Borke heraus, und so kommt einem leicht der Gedanke, dass sie einer feineren Art angehören, einer Art Adel der Bäume, stramm und elegant, nervös und schön." Er meint, sie gleichen mehr einem Pferd als einem Baum, und wenn der Wind in ihre Blätter fährt, einem Schwan oder Segel. Obwohl Knausgård Linné und Darwin anführt und er die harten Fakten der Wissenschaft also anerkennt, hegt er zärtliche Empfindungen für das eigentlich Unbeseelte: Erschließt sich doch auf diese Weise ein Kosmos, in dem alles kraft bloßer Existenz einander zugeneigt ist.

Das Birken-Kapitel, vier Seiten lang, beginnt mit den Birken im Allgemeinen, geht dann über zu jener speziellen Birke, die vor seinem Haus steht und unter der er seinen Wagen parkt, und führt ihn schließlich zu den Birken seiner Kindheit und Jugend, deren süßen abgezapften Saft er und seine Kumpel tranken, auf die sie aber nie kletterten, weil der Stamm so glatt war und sich erst so hoch verzweigte - vielleicht auch aus Ehrfurcht vor der makellosen Rinde. Dann schweift der Gedanke vom bloß Persönlichen zur hohen Lebensdauer des Baums und zuletzt zur Stammesgeschichte der Gattung, die nach Millionen Jahren zählt. Und so geht es mit allen Dingen und Wesen, die in ihrer knappen emblematischen Kontur aufgerufen werden: den Wölfen; den Tränen; dem Küchenmixer.

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