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Sexismus im Pop:Kay One und die "Hottentotten-Venus"

Kay One Senorita

Der Urlaubsflirt als gefährliches Abenteuer in fernen Ländern: Pietro Lombardi und Kay One im Video zu "Señorita".

(Foto: Princekayone GmbH)
  • In Songs wie "Bella Donna", "Señorita" oder "Coco Mama" besingen deutsche Rapper den immergleichen Frauentyp der wilden Nixe mit dunklem Teint.
  • Dieser Blick auf Frauen erinnert stark an rassistische Literatur aus der Kolonialzeit, in der weiße Eroberer "unzähmbare" Frauen aus fernen Ländern verführen.

Eines lässt sich gleich festhalten: Pietro Lombardi gehört zu den ganz Großen im Fummeln auf Luxusyachten. An die Reling gelehnt tätschelt er im Video zu seiner aktuellen Single "Bella Donna" so gekonnt an einer jungen, braungebrannten Frau herum, dass man Flavio Briatore ohne Sorgen in den Ruhestand verabschieden kann. Von oben brutzelt die Mittagssonne, von unten branden türkisblaue Wellen an den Schiffsrumpf. Am Bug flackert eine schwarz-rot-goldene Fahne im Wind und beim Engtanz auf dem Vorderdeck schwärmt der Latinlover in die Kamera: "Hey Bella Donna! Du bist heißer als der Sommer."

Dazu sieht der Zuschauer Nahaufnahmen von Alyssa Andrea, der Bella Donna. Während Mixing, Mastering, Produktion, Kamera und Schnitt bei Youtube unter dem Video namentlich genannt werden, fehlt sie in den Credits. Zusammen mit Meer und Insel ist sie nur die Kulisse. Im Interview mit RTL beschreibt der Sänger sie kurz und knapp: "Der Vorteil ist: Sie ist keine Deutsche. Sie versteht mich gar nicht. Ich kann theoretisch alles sagen."

Der Clip landete auf Rang eins in den Youtube-Trends. Mittlerweile haben ihn etwa zehn Millionen Menschen gesehen. "Bella Donna" stieg auf Platz drei der deutschen Single-Charts ein. Trotzdem kein Aufschrei, kein Diskurs, kein Wort über das Frauenbild, das darin transportiert wird. Sommerhits existieren 2019 weiterhin in einem anarchischen Raum. In den heißen Tagen gilt für die Political Correctness im Pop, was für die Kleiderordnung im Büro gilt: Laisser-faire - ein unausgesprochenes Abkommen, nicht so genau hinzusehen. Schwitzen und schwitzen lassen. Zur Urlaubszeit wird sich allgemein eben mal lockergemacht.

Sommerhit heißt nämlich meistens: Männer singen über Frauen. Und dass nicht wie Romeo über Julia, sondern wie Mickey Krause über Friseusen. Was genauer bedeutet, dass Kerle mit aufgeknöpften Hawaiihemden, Tanktops und Pilotenbrillen, die von den Öffnungen und Rundungen ihrer Chicas und Señoritas fantasieren. In der langen Liste der Beispiele gehört Pietro Lombardi da noch zu den Harmloseren: "Despacito" von Luis Fonsi, "079" von Lo & Leduc, "Mambo No.5" von Lou Bega, "Hamma" von Culcha Candela, "I know you want me" und die aktuelle Single von Daddy Yankee "Con Calme" haben da deutlich mehr zu bieten. Vor allem Männer, die auf Frauenkörper starren. "Ich mag deinen Arsch, Girl! Sachte, ich will sehen, wie sie ihn wackelt. Beweg diesen Arsch, Girl!" (Daddy Yankee, Con Calme) Auf einen bestimmten Typ von Frauen(körpern), die sich in quasi allen Sommerhits findet: die Strandschönheit. Sie ist braungebrannt, exotisch, offen, jung, spontan, neckisch, lasziv, sexuell freizügig und immer bereit, alle Fesseln der Zivilisation über Bord zu werfen. Man sieht sie in "Bentley" und "Señorita" (2018) von Kay One, in "Coco Mama" von Dardan und in "Bella Donna" von Pietro Lombardi. Überall Nixen mit dunklem Teint, die die Männer verrückt machen, die etwas Geheimnisvolles, Dunkles, Wildes an sich haben. Frauen, die magisch in ihren Bann ziehen - mit "Mokka"-Haut", die nach "Kokos riecht" - und die auch ansonsten "süß wie Chocolatta" und animalisch wie eine "Kobra" sind. Der Urlaubsflirt als gefährliches Abenteuer in fernen Ländern.

"Lieb' deine braun'n Augen, lieb' deine braune Haut. Ganz egal, wo du bist, Leute hör'n nicht auf zu staun'n." (Kay One, Senorita)

Das erinnert an einen Topos aus der Kolonialliteratur. Der Germanist und Literaturwissenschaftler Marcel Krings von der Universität Heidelberg sieht Parallelen zwischen Sommerhits und Romanen aus jener Zeit: "Frauenfiguren stellen in der deutschen Kolonialliteratur eine Form des kolonialen Begehrens dar. (...) Indigene Frauen werden mit Begriffen wie dämonisch, teuflisch, verführerisch, leidenschaftlich beschrieben. Die Frauenfiguren der Sommerhits scheinen mir eine recht oberflächliche Umkodierung der exotischen Frau nach dem Muster 'fremd = geil' zu sein."

Die Charakterzüge, mit denen Kay One und Pietro Lombardi Frauen in ihren Songs versehen, tauchen auch in den Werken von Schriftstellern dieser Epoche wie Rudyard Kipling, Frida von Bülow und Joseph Conrad auf:

"Sie war wild und stolz, prunkvoll, mit lohenden Blicken; etwas Schicksalhaftes, Feierliches lag in ihren langsamen Schritten, und in dem Schweigen, das sich plötzlich über das ganze Land hingesenkt hatte, schien die ungeheure Wildnis, der Riesenleib des fruchtbaren, geheimnisvollen Lebens nachdenklich nach ihr zu schauen, wie nach dem Abbild der eigenen leidenschaftlichen und düsteren Seele." (Das Herz der Finsternis, Joseph Conrad)

Das Dämonische, Teuflische der indigenen Frauen, die diese Romane bevölkern, ist darin oft an ein sexuelles Verlangen der weißen Eroberer gekoppelt. Marcel Krings beschreibt das so: "Die fremde Frau stellt nun zugleich Verlockung des Exotischen und Gefahr des Selbstverlusts dar. Je nach Autor kann die Frauenfigur also als wollüstige Verführerin oder als verabscheute Primitive erscheinen."

Dieses Begehren findet sich in den Sommerhits dieses Jahres ebenfalls. Auch im neuen Song von Rapper Olexesh "Feuer", der bereits nach drei Tagen auf Youtube eine halbe Million Klicks gesammelt hat, taucht diese Frauenfigur auf:

"Jeder sagt zu mir, 'Sie ist wie Diablo!' Ich krieg' Paranoia (...) Man sagt, ich tanz' mit dem Teufel (Teufel, Teufel) Vielleicht ist sie zu gefährlich und böse, doch ich bin am Start." (Olexesh - Feuer)

Besonders ein Körperteil der Frauen brachte die weißen Kolonialherren damals übrigens durcheinander: der Hintern. Das ging sogar so weit, dass ein britischer Arzt eine Frau 1810 aus der Kapkolonie, dem heutigen Südafrika, mit nach London nahm, um sie wie einen Jahrmarktsschreck auszustellen. Sarah "Saartje" Baartmans "Fettsteiß", ein Begriff aus dieser Zeit, wurde zum Spektakel für die feinen Leute. Als "Hottentotten-Venus" wurde ihr Körper nach ihrem Tod 1815 in Paris sogar für die Nachwelt konserviert. Nun haben Sommerhits deshalb nichts mit Sklaverei zu tun - mit dieser zweihundert Jahre alten Fixierung aber dafür umso mehr:

"Ich lieb' dein'n Arsch, wenn du Jogger trägst. Ja, und deine Hautfarbe nenn' ich Mokka, Babe!" (Kay One, Bentley)

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