"Solo: A Star Wars Story" in Cannes Nullnummer im Weltraum

Alden Ehrenreich versucht, den schelmischen Charme und das Lächeln des Ur-Solos Harrison Ford zu kopieren.

(Foto: Disney)

Viel wurde gelästert über den neuen "Star Wars"-Ableger "Solo". Bei der Premiere in Cannes zeigt sich: Hauptproblem ist Darsteller Alden Ehrenreich, der die mimische Bandbreite eines Faultiers besitzt.

Von David Steinitz

Schadenvorfreude ist wohl das richtige Wort, um zu beschreiben, wie in Cannes die Europapremiere des neuen "Star Wars"-Films erwartet wurde. Kein anderer Blockbuster sorgt schon seit Monaten so zuverlässig für Geläster in der Branche wie "Solo: A Star Wars Story".

Der Ableger der offiziellen Sternenkriegsreihe erzählt von den Abenteuern des jungen Weltraumpiloten Han Solo, der in den Originalfilmen von Harrison Ford gespielt wurde. Für Aufregung sorgt aber weniger der Inhalt des Films als seine wilde Produktionsgeschichte.

Mitten in den Dreharbeiten hatte die Produzentin Kathleen Kennedy, die für das Disney-Studio die "Star Wars"-Fließbandproduktion überwacht, die Regisseure des Films gefeuert. Phil Lord und Chris Miller waren ursprünglich engagiert worden, um ihren anarchischen Humor, den sie mit Filmen wie "21 Jump Street" bewiesen hatten, ins eher biedere "Star Wars"-Universum zu bringen. Das scheint aber nicht so gut funktioniert zu haben, denn wenn eine Produzentin mitten im Dreh den Notstecker zieht, muss die Lage ernst sein. So ernst auf jeden Fall, dass Kennedy den 64-jährigen Hollywoodveteranen Ron Howard ("Apollo 13") rekrutierte, um die Sache zu Ende zu bringen.

Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

mehr...

Für die Produzentin war die Affäre insofern besonders peinlich, als sie bereits bei den letzten "Star Wars"-Filmen aufgrund "künstlerischer Differenzen" Ärger mit ihren Regisseuren hatte. Hilfreich war in dieser Situation vermutlich auch nicht, dass diverse Branchenblätter in Hollywood berichteten, der Schauspieler Alden Ehrenreich, der als junger Han Solo besetzt worden war, habe sich am Set als so miserabler Darsteller erwiesen, dass er ständig einen Schauspielcoach an seiner Seite brauchte, um sich halbwegs würdevoll durch seine Szenen zu wurschteln.

Was nützen spektakuläre Actionsequenzen, wenn man sich für keine der Figuren interessiert?

Viel Gesprächsstoff also in der langen Schlange vor dem Premierenkino. Wobei man das Marketingteam von Disney schon zu dem Coup beglückwünschen kann, einen Film, von dem alle vermuten, er sei miserabel, ins Programm des wichtigsten Filmfestivals der Welt zu schmuggeln. Zwar nicht in den Wettbewerb, aber eben immerhin als "Special Screening". Was natürlich zu einer ungeheuerlichen Überlegung führt, die man kaum auszusprechen wagt: Der Film wird doch nicht etwa gut sein?

Als man einem französischen Kollegen in der Schlange diese These unterbreitet, schaut er einen an, als habe man eine erneute Besatzung Frankreichs durch Deutschland vorgeschlagen - und wendet sich angewidert ab.

Und wie sehen die Stars des Films die Sache? Noch kurz vor der Premiere hat die britische Schauspielerin Emilia Clarke, die durch ihr Rolle der Drachenmutter Daenerys Targaryen in der Serie "Game of Thrones" berühmt wurde, zum Gespräch im kleinen Kreis in einem Hotel gegenüber des Festivalpalasts geladen.

Sie spielt die weibliche Hauptrolle in "Solo" und antwortet auf die Frage nach dem chaotischen Regiewechsel: "Die Berichte darüber klangen alle viel dramatischer, als es eigentlich war. Am Anfang war uns Schauspielern nicht richtig klar, wo das Ganze künstlerisch hingehen soll. Aber als dann Ron Howard ans Set kam, waren wir alle ziemlich erleichtert."

Während sie das sagt, setzt die 31-Jährige eine möglichst neutrale Miene auf und zupft sich dezent den weißen Rock zurecht, als habe sie die Antwort bereits mehrfach mit den PR-Strategen des Disney-Konzerns vor dem Spiegel geübt. Ohnehin würde sie viel lieber über die Rolle der Frauen in der Filmindustrie sprechen, sagt sie. Zum Beispiel über ihr persönliches Glück, bei "Game of Thrones" immer genauso wie ihre männlichen Kollegen bezahlt worden zu sein, aber auch über die Tatsache, dass gleiche Honorare für Frauen in der Filmindustrie leider immer noch die Ausnahme seien. Doch da meldet sich schon wieder ein Herr, dessen "Star Wars"-T-Shirt über dem Bauch spannt, um die nächste Nerd-Frage zu stellen.

Man kann sich sehr gut vorstellen, dass Clarke sich jetzt zurück ans Set der achten und letzten "Game of Thrones"-Staffel wünscht, die sie gerade dreht, um mit dem "Star Wars"-Theater abzuschließen. Denn hat man an diesem Abend schließlich den fertigen Film gesehen, muss man leider attestieren, dass alles Wünschen nichts geholfen hat: "Solo" ist eine ziemliche Nullnummer geworden.

Die Geschichte um die Jugendjahre des Han Solo, wie er Weltraumpilot wird und seinen besten Kumpel Chewbacca kennenlernt, wie er sich das erste Mal verliebt (in Emilia Clarke) und es mit ein paar üblen Gangstern zu tun bekommt, ist fad und vorhersehbar. Natürlich sehen die Actionszenen und Verfolgungsjagden spektakulär aus. Aber was nützt es, wenn man sich für keine der Figuren interessiert, weil sie alle so blass bleiben?

Das Hauptproblem ist tatsächlich der Solo-Darsteller Alden Ehrenreich, der die mimische Bandbreite eines Faultiers besitzt. Er versucht, den schelmischen Charme und das Lächeln des Ur-Solos Harrison Ford zu kopieren, sieht dabei aber so aus, als habe man ihm Mundwinkel und Augenbrauen in der entsprechenden Position festgetackert. Wenn man ihn denn überhaupt von vorne sieht. Für einen Hauptdarsteller ist Ehrenreich nämlich erstaunlich oft von der Seite oder von hinten zu sehen. Es stellt sich die Frage, ob Ron Howard allein dafür geholt wurde, um den Mann möglichst gut zu verstecken.

Das Feuerwerk bei der Premierenparty hinterher, in einer überfüllten Strandbar gleich neben dem Festivalpalast, war jedenfalls die deutlich eindrucksvollere Show. Oben bunte Lichtfontänen, unten lästernde Gäste.

Kino Ein saubrutales Stück Kino

Filmfestival Cannes

Ein saubrutales Stück Kino

Nach sieben Jahren Verbannung ist Lars von Trier zurück in Cannes. Und beweist: Im Genre der unterhaltsamen bis schockierenden Totaldepression ist er immer noch ein unerreichter Meister.   Von David Steinitz