Sofi Oksanen über Putins Diktatur:Ideologisch geschlossen

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Sofi Oksanen über Putins Diktatur: Die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen debütierte 2003 mit dem Roman "Stalins Kühe". Zuletzt ist ihr Buch "Hundepark" bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen debütierte 2003 mit dem Roman "Stalins Kühe". Zuletzt ist ihr Buch "Hundepark" bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

(Foto: Balazs Mohai/picture alliance / dpa)

Putins Russland macht alle, die sich seiner Macht nicht unterwerfen, zu "Faschisten" und rechtfertigt den Krieg in der Ukraine mit einem schrägen Geschichtsbild. Warum glauben so viele Menschen daran?

Gastbeitrag von Sofi Oksanen

Wladimir Putin hat nicht den Verstand verloren. Er hat wahrscheinlich auch keinen Gehirntumor, obwohl das in letzter Zeit einige vermutet haben und Psychiater und Lehnstuhl-Psychologen den Geisteszustand des Diktators in den Nachrichten kommentieren. Allerdings lenken diese Spekulationen von dem grundlegenden Umstand ab, dass das aktuelle Vorgehen dieses Tyrannen aus einer russischen Sicht Teil eines größeren logischen Zusammenhangs ist.

Für das Publikum russischer Medien wirken die jüngsten Ereignisse vollkommen akzeptabel. Den russischen Nachrichten zufolge befreien ihre Truppen die Ukraine vom Joch eines Naziregimes und retten die Bewohner des Donbass vor einem Genozid, der von den Ukrainern verübt wird. Nach Angaben des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada haben 68 Prozent der Russen und Russinnen eine positive Einstellung zur "Spezialoperation", und wer würde das nicht so sehen, im Glauben, dass die eigenen Jungs für eine so bedeutende Sache kämpfen? Die Mehrheit unter ihnen bezieht ihre Informationen schließlich von staatlich kontrollierten Medien.

Mehr zur Person

Die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen debütierte 2003 mit dem Roman "Stalins Kühe". Zuletzt ist ihr Buch "Hundepark" bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Aus dem Englischen von Miryam Schellbach.

Mir kommt das alles bekannt vor. Meine Mutter und meine Großeltern lebten in der Sowjetunion genau in dieser Märchenwelt. Aber für meine Familie waren diese Geschichten ein Problem, denn wir waren und sind Esten. Als die sowjetische Besatzungsmacht damals Menschen aus Russland in das Land meiner Großeltern brachte, bezeichneten die Neuankömmlinge die Hiesigen als Faschisten, als wäre das Wort ein Synonym für "estnisch". In der Welt der Sowjetunion galten Esten als Banditen und Nationalisten, genauso wie Ukrainer heutzutage in den russischen Medien. Wenn Regierung, Schulen, Medien und Justiz über Generationen hinweg immer die gleichen Lügen erzählen, werden diese Lügen irgendwann zur anerkannten Wahrheit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es in Russland keine Aufarbeitung der Vergangenheit, wie es sie in Deutschland gab, also lebten die alten Ansichten weiter. Und es war leicht, sie wiederzubeleben und das Feindbild zu schaffen, mit dem Putin seine Kriege rechtfertigt. Zu diesem Zweck manipuliert man auch die Erinnerung an den Holocaust.

Der Westen hat die russischen Desinformationskampagnen erst langsam erkannt

Ich selbst kam mit dieser Strategie in Berührung, als Estland 2007 das Ziel eines Hybridangriffs wurde. Diejenigen von uns, die über die Geschichte der Besetzung Estlands publizieren, mussten sich daran gewöhnen, dass Bilder von uns im Internet zirkulieren, auf denen wir als Nazis oder Faschisten bezeichnet werden, oder daran, dass Putinanhänger auf Kundgebungen Plakate mit unseren Gesichtern und Hakenkreuzen oder SS-Symbolen hochhalten. In Finnland erklärten Putinanhänger das Ende der estnischen Unabhängigkeit, leugneten die Massendeportationen in der Sowjet-Ära und organisierten anti-estnische Ausschreitungen. Sie nutzen dafür sehr rege die Sozialen Medien, veröffentlichten aber auch Bücher und luden zu Diskussionsveranstaltungen ein, ihre Bildsprache bezog sich mit Stacheldraht und Gefangenenbaracken auf den Holocaust. Das Ergebnis dieser Kampagne war, dass internationale Lügen über Estlands angebliche Apartheidpolitik kursierten. In jedem Pro-Putin Forum wiederholten Internettrolls die Nachricht, dass Estland dabei sei, Konzentrationslager für alle zu bauen, die Russisch sprechen.

Während estnische und finnische Journalisten die Anschuldigungen dieser Demagogen als vollkommen unrealistisch zurückwiesen, hatten die russischen Medien keine Skrupel, Interviews mit ihnen zu führen. Allerdings setzten sich die Lügen anfänglich auch in unseren eigenen Massenmedien durch, weil der Westen die russischen Desinformationskampagnen als solche noch nicht erkannt hatte, und die Neuauflage des sowjetischen Narrativs im 21. Jahrhundert den Finnen noch unbekannt war.

Nur wenige verurteilten diese Aktionen der Anhänger Putins, obwohl die Verleugnung des Genozids, der an den Esten verübt wurde und auch der Deportationen, vergleichbar damit ist, den Holocaust zu verleugnen. Estland hat keine nationalsozialistische Tradition. In der ersten Republik Estland war die Situation der Juden noch gut, aber zwischen den Phasen sowjetischer Herrschaft wurde Estland auch von Nazi-Deutschland besetzt. Norwegen, Dänemark und Frankreich sind vermutlich die einzigen Länder, die einmal von Hitler besetzt wurden, deren Einwohner in Putins Russland nicht als faschistische Nazis gelten.

Sofi Oksanen über Putins Diktatur: Kampf um die Erinnerung: In der Auseinandersetzung um dieses sowjetische Denkmal für im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten in der estnischen Hauptstadt Tallinn kam es 2007 zu Ausschreitungen.

Kampf um die Erinnerung: In der Auseinandersetzung um dieses sowjetische Denkmal für im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten in der estnischen Hauptstadt Tallinn kam es 2007 zu Ausschreitungen.

(Foto: imago/Xinhua)

In den Baltischen Staaten konnte Russland die Reaktionen der westlichen Nationen austesten. Das Ergebnis war, dass die Instrumentalisierung des Völkermords für politische Zwecke im Westen nur die Osteuropäer ernsthaft beunruhigte. Kann es also noch jemanden verwundern, dass Putin davon ausging, dass dieselben Lügen 2022 auch in der Ukraine funktionieren würden? Mit seiner Indifferenz brachte der Westen Putin zu der Überzeugung, diese Rhetorik würde auf Akzeptanz stoßen. Ende Februar hat die Ukraine eine Beschwerde beim Internationalen Gerichtshof eingereicht, um Russland dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass es die Erinnerung an den Holocaust manipuliert, um einen militärischen Einsatz zu rechtfertigen.

Im Westen mag es viele geben, die über die abwegigen Behauptungen der russischen Führung lachen. Meine Verwandten konnten das nicht, denn die Lügen des Staates zu korrigieren, stellte in der Sowjetunion, genau wie jetzt in Putins Russland, eine strafbare Handlung dar. Estnischer Patriotismus galt als konterrevolutionär, er wurde kriminalisiert. Wer dafür festgenommen wurde, konnte auch gegen seinen Willen psychiatrischen Behandlungen unterworfen werden oder bekam "stagnierende Schizophrenie" diagnostiziert. Dafür genügte es schon, wenn man sich der Forderung nach der Unabhängigkeit abgewickelter Staaten angeschlossen hatte, ihre Symbole, etwa ihre Flaggen zeigte, die Legitimität der sowjetischen Besatzung infrage stellte oder Informationen über das Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts verbreitete. Der einzige Patriotismus, der als normal galt, war die Liebe zur Sowjetunion. Putins Propaganda stellt den ukrainischen Patriotismus für Staat, Sprache und Unabhängigkeit als etwas dar, von dem der Messias Putin alle heilen muss, damit sie ihre Rolle als vollwertiges Mitglied der slawischen Familie wieder einnehmen können.

Den Rassismus als solchen zu zerstören, war noch nie das Ziel Russlands

Die Ukrainer als Nationalisten zu bezeichnen ist wichtig für Putins Russland, weil das Wort in Russland so unbeliebt ist wie die Neo-Nazis in den Nordischen Ländern. Eine solche verleumderische Sprache nimmt denen, auf die sie zielt, ihre Menschlichkeit, und das macht das Töten einfacher, die Zerstörung ihrer Häuser und die Besetzung ihres Landes stellt kein moralisches Problem mehr dar - ganz im Gegenteil, die Zielpersonen verdienen genau diese Behandlung. Der Keim der Verfolgung geht immer durch die Entmenschlichung einer bestimmten Gruppe zu Untermenschen auf.

Den Rassismus als solchen zu zerstören, war noch nie das Ziel Russlands, und es hat in der Vergangenheit auch nichts dafür getan. Die Sowjetunion war erklärtermaßen anti-rassistisch - Rassismus war für die USA reserviert. Eine gewisse rassistische Herablassung der Ukraine gegenüber mag in diesem Krieg jedoch sogar zu deren Vorteil gewesen sein. Russland hat keinen ernsthaften Widerstand erwartet. Es ist aber anders gekommen.

Die Sowjetunion hat die messianische Mission des byzantinischen Russland geerbt und die Besetzung der Baltischen Staaten damit gerechtfertigt, dass man das Baltikum aus den Schlingen der Faschisten befreien würde, obwohl das Schicksal der Region schon mit dem Hitler-Stalin-Pakt besiegelt worden war. Das Ammenmärchen von der Befreiung kam auch 1939 zum Einsatz, um die Entschlossenheit der Soldaten an der finnischen Grenze zu stärken. Mit dem Winterkrieg sollte Finnland aus der Gewalt der weißen faschistischen Usurpatoren befreit werden.

Putin hat an seine eigenen Lügen geglaubt

Und jetzt predigt Putins Russland, das Stalins Kriegsdoktrinen nachfolgt, dieselbe Befreiung. Stalin zufolge geht es in einem legitimen Krieg nicht um Eroberung, sondern um Befreiung. In der Sowjetunion stellten die Schulen sicher, dass ganze Generationen in dem Glauben erzogen wurden, dass die Angriffe und Besetzungen, die von ihrem Land ausgingen, gerechtfertigt waren. In den 1990er-Jahren waren kurzzeitig auch andere Stimmen vernehmbar, aber die Putin-Ära hat die Erziehung wieder auf die patriotische Linie gebracht und die politische Geschichtsschreibung eingeschränkt. Die offizielle Sicht des Krieges gegen die deutsche Angriffsmacht im Zweiten Weltkrieg infrage zu stellen, wurde unter Strafe gestellt, und Anfang März entschied die russische Duma darüber, wie man Journalisten erlauben würde, über die Kampfhandlungen in der Ukraine zu schreiben. Der Gebrauch der Wörter "Krieg" oder "Angriff" kann bis zu 15 Jahre Gefängnis bedeuten. Medien dürfen zudem nur offizielle Quellen verwenden.

Die Lerninhalte und damit die Kontrolle über die historischen Narrative in der Sowjetunion waren absolut unzweideutig. Ständig wurden neue Propagandabilder produziert, und jahrzehntelang überreichten Kinder den Mitgliedern der Sowjetarmee dankbar Blumen. Als Russland die Krim eroberte, gab es eine ganze Flut solcher Fotos. Es ist also nicht überraschend, dass Putin erwartete, von der Ukraine ähnlich empfangen zu werden, womit er in die selbst gelegten Sprengfallen tappte: Seine eigenen Lügen waren für ihn zur Wahrheit geworden.

Obwohl die digitalen Nachrichtenströme vor dem Krieg noch verhältnismäßig frei flossen, veränderten sie nicht, wie die Russen die Ukraine wahrnahmen. Für die jüngeren Leute war das Internet die Hauptnachrichtenquelle, aber dem Lewada-Meinungsforschungsinstitut zufolge, unterscheidet sich die Wortwahl in Antworten auf offene Fragen nicht abhängig vom Alter. Warum schienen die Jüngeren, die vor dem Krieg noch Zugang zu freien Informationen hatten, die Staatspropaganda nicht infrage zu stellen?

Wieder einmal gilt Stalin als Superstar

Wenn es gefährlich ist, online nach Informationen zu suchen, und es einem nur Probleme bringt, die dominante Erzählung zu hinterfragen, werden nur die mutigsten Eltern ihre Kinder dazu ermutigen, Fragen zu stellen. Da das Bildungssystem der Staatslinie folgt, könnte das aber nur zu Hause gelernt werden. Westliche Konzepte von Wahrheit haben natürlich keine Bedeutung in einem Land, das zur Memokratie geworden ist (zur Herrschaft, die sich auf kollektive Erinnerung stützt, Anm. d. Red.), in dem der Staat sowjetische Dogmen zu Fakten gemacht hat.

Selbst wenn Putins Macht abnehmen sollte, reicht das nicht aus, um die Narrative zerfallen zu lassen, die Russlands Identität bilden. Die Werte und Machtstrukturen in diesem Staat hängen nicht von einem einzigen Mann ab. Ändern sich diese Machtstrukturen nicht, wird Russland seine Expansionsbestrebungen weiter verfolgen. Anders wäre es, wenn die militante Memokratie Russlands mit ihren kolonialen Verbrechen konfrontiert würde, aber nur eine schwindende Minderheit in Russland sieht in Stalins Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Problem. Wieder einmal gilt Stalin als Superstar.

Wenn man darüber nachdenkt, wie lange und mit welcher Intensität der Westen über seine Kolonialvergangenheit Rechenschaft ablegt, lässt sich erahnen, welches Ausmaß diese Angelegenheit für Russland annehmen würde. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass sich die Russische Föderation selbst auflöst, bevor diese Aufarbeitung möglich ist.

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