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Black Lives Matter:Protestieren fürs Image

Black Lives Matter Demonstrations In UK Continue Into The Weekend

Selfie in Schwarz: Ein Zeichen der Anteilnahme?

(Foto: Getty Images)

Seit dem Tod George Floyds protestieren weltweit Tausende gegen Rassismus und Diskriminierung. Influencer und Marken dagegen nutzen die Stimmung, um sich und ihre Produkte selbst besser zu vermarkten.

Von Michael Moorstedt

Der Mord an George Floyd wurde aus mindestens sechs verschiedenen Perspektiven gefilmt. In den Wochen danach hörte die Bilderflut nicht auf. An jedem neuen Tag und in jeder weiteren Stadt ein weiterer Skandal und ein weiterer Beweis für die Brutalität des Systems. Jeder neue Ausnahmezustand wird noch ausgiebiger und sorgfältiger dokumentiert als der davor. Denn mit jedem Mal sind mehr aufnahmebereite Kameras in der Welt.

In solchen Zeiten lohnt es sich einmal mehr, über die Produktion und Rezeption von Bildern nachzudenken und welche Besonderheiten damit im Netz einhergehen. Zwei Fälle aus der vergangenen Woche: Aus Solidarität mit Floyd und den entstandenen Protesten begannen am letzten Dienstag Prominente, Lifestyle-Marken und natürlich auch Privatpersonen, auf Instagram gänzlich schwarze Bilder zu posten. War man auf der Suche nach dem Begriff Black Lives Matter oder dessen Abkürzung BLM, war bald die gesamte Plattform, die sonst ja hauptsächlich mit pastellfarbenen Bildbeweisen für die Schönheit des Daseins ausgekleidet ist, schwarz gefärbt. Das gilt natürlich nur, wenn man sich in einem entsprechend empathischen Teil des Netzwerks bewegt.

Wie die eigentliche Sache ausgeblendet wird

Der Nutzen des wohlmeinenden, aber vor allem sehr bequemen Protests - Slacktivism lautet der englische Fachbegriff hierfür - war schon immer fraglich. Ist das Posten eines schwarzen Quadrats nicht vielmehr Beweis für die eigenen Privilegien? Man beschäftigt sich schnell mit den Belangen einer diskriminierten Bevölkerungsgruppe und kurz darauf wieder mit Naturwein und schönen Schälchen. Inzwischen ist der Protest via Smartphone aber auch aktiv schädlich für die Sache, für die man vermeintlich eintreten will. Denn durch die schwarzen Bildkacheln wurden tatsächlich wichtige Informationen über das Live-Geschehen der Proteste, Spendenaufrufe und weitere Dokumentationen von Polizeigewalt komplett überdeckt.

Die Bilderwelten des Internet sind bei Weitem fragmentierter, als es sich die postmodernen Theoretiker in ihren kühnsten Fieberträumen ausmalen konnten. Schon längst nicht mehr geht es nur um Motiv, Medium und Betrachter. In die lange gültigen Wahrnehmungsmodelle der Kommunikationstheoretiker hat sich ein weiterer Akteur hineingeschmuggelt: Die Algorithmen, die Bilder und deren Metainformationen sortieren.

Doch es sind nicht nur die für den Nutzer undurchschaubaren Gewerke, die für Verwirrung sorgen. Es geht auch um die Frage der Motivation bei der Bildproduktion. So schminken sich etwa professionelle Influencer seit Tagen die Black-Power-Faust auf die makellosen Wangen und Tränen unter die Augenlider, posten die Fotos und Videos auf Instagram - und verweisen auf die verwendeten Schönheitsprodukte. Andere stellen sich mit eilig geschriebenen Schildern in die Reihen der Protestierenden, aber nicht ohne dabei wunderschön auszusehen, permanent fotografiert zu werden und neue Kaufanreize zu setzen.

Heldenpose vor dem geplünderten Einkaufszentrum

Besonders konsequent durchgezogen hat dieses Verhalten der Youtube-Star Jake Paul, der auf der Plattform immerhin knapp 20 Millionen Menschen erreicht. Er gehört zu jener Elite professioneller Social-Media-Influencer, die sich sogar ein eigenes Kamerateam leistet, das sie - zumindest in halbwegs normalen Zeiten - bei der Verrichtung ihres Alltags filmt.

Kürzlich ließ sich Paul dabei aufnehmen, wie er nach einem Protestmarsch in einem Einkaufszentrum in Arizona Plünderungen beiwohnte, während der Mob hinter ihm damit begann, Scheiben einzuschmeißen. Eine Erklärung oder gar Einordnung des Geschehens suchte man vergeblich. Jeglicher gesellschaftliche Anlass, und sei er noch so ernst, dient allein als Gelegenheit zur Produktion von klickbaren Inhalten. Das Medium ist nicht mehr die Message, weil es keine mehr gibt. Das Medium ist.

© SZ vom 08.06.2020/magi
June 6, 2020, Munich, Bavaria, Germany: Demonstrators in Munich, Germany take a knee against racism. Showing solidarity

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