Macht und Digitalisierung Technik ist Opium für das Volk

Die brasilianische Regierung "träumt" davon, dass bald Drohnen von Amazon das Austragen der nationalen Post übernehmen.

(Foto: dpa)

Die Innovationen des Silicon Valley stützen die Mächtigen, von Bolsonaro bis zu Trumps Republikanern. Wir brauchen endlich menschliche Technik - für Rebellen.

Von Evgeny Morozov

Da Facebook sich einer Form von Datensucht nun fast schuldig bekennt, seine Online-Sünden eingesteht und sich als datenschutzbewusster Bewohner eines globalen Dorfes neu zu erfinden versucht, scheinen die Grundlagen einer kulturellen Hegemonie von Big Tech plötzlich unsicher. Ferner erscheinen sie nicht in Europa oder Lateinamerika, sondern in den Vereinigten Staaten, der Heimat des Silicon Valley, am schwächsten.

In Zeiten politischer Polarisierung und riskanter Handelskriege schließt sich die nationalistische Rechte Amerikas - verkörpert in Trumps Ausbrüchen gegen eine Zensur durch Social-Media-Plattformen - nun der Linken von Elizabeth Warren und Bernie Sanders an, indem sie Big Tech als Bedrohung für Amerika präsentiert.

Kümmert das aber die Silicon-Valley-Mogule? Wahrscheinlich nicht. Die jüngste Entscheidung von Warren Buffet, einem der erfolgreichsten, konservativsten Investoren Amerikas, seine Zurückhaltung zu überwinden und in ausgefallene Technologieaktien zu investieren - er entschied sich für Amazon -, ist ein besserer Indikator dafür, was die Technologieriesen mittelfristig erwartet: üppigere Börsengänge, mehr saudisches Geld und mehr Versprechen, künstliche Intelligenz einzusetzen, um jene Probleme zu lösen, die durch künstliche Intelligenz entstehen werden.

Leider hat sich die Debatte über Big Tech mehr als ein Jahr nach dem Cambridge-Analytica-Skandal nicht von den Kategorien befreit, in denen sie ursprünglich geführt wurde: Markteffizienz, Steuerhinterziehung und abscheuliche Geschäftsmodelle, die eine Internetabhängigkeit "absichtlich" herbeiführen. Diese Kategorien, die zwar für Wähler attraktiv sind, helfen wenig dabei, eine alternative Zukunft zu gestalten, in der die Bürger die Möglichkeit haben, eine Vorliebe für andere soziale Institutionen zu entwickeln als die Fabrik und den Supermarkt.

Wenn sich die Lage verschlechtert, wird Survival Tech gedeihen

Die beiden politischen Lager sind sich trotz ihrer vermeintlichen Übereinstimmung in dieser Frage natürlich nicht einig. Diejenigen auf der rechten Seite, die behaupten, Big Tech zu hassen, erklären nicht sehr lautstark, wie genau sie die Dinge ändern wollen, geschweige denn, warum sich jemand überhaupt die Mühe machen sollte. In dem Maße, wie sie sich nach der Rückkehr einer konservativen und korporatistischen Gesellschaft sehnen, die von Kräften regiert wird, die außerhalb der gewählten Institutionen sitzen, ist das Silicon Valley mit seiner digitalen Infrastruktur für "Soft Governance" ihr Verbündeter.

Im internationalen Kontext bekommt das Beharren auf Erlösung durch Big Tech eine zusätzliche Wendung, da es so viel mehr Erlösung und nationale Entwicklung zu bewirtschaften gibt. Dies beflügelt einige populistische Führer zu der Fantasie, ihr ganzes Land in effizient geführte Lehen eines Big-Tech-Oberherren zu verwandeln. So hat die brasilianische Regierung von Bolsonaro angekündigt, dass sie davon "träumt", dass Google oder Amazon die nationale Post übernehmen solle.

Das krisenanfällige Brasilien verweist auf eine weitere wichtige, aber kaum wahrnehmbare politische Dimension unserer Abhängigkeit von den Technologieriesen: deren Bereitschaft, den Status quo durch revolutionäre und disruptive Lösungen zu festigen. Nirgendwo wird dies deutlicher als bei der Nutzung digitaler Technologien zur Bewältigung der brennendsten sozialen Probleme.

Als dort die Kriminalitätsraten in die Höhe schnellten, ist etwa Brasilien zu einer Brutstätte für Innovationen in einem Bereich geworden, den wir "Survival Tech" nennen. Oftmals bedeutet dies nichts anderes, als mit den vorhandenen Instrumenten die Sicherheit bestimmter Straßen und Viertel zu überprüfen oder eine Gemeinschaftsaktion zu koordinieren.

So informiert Waze, eine beliebte, von Google betriebene Navigations-App, diejenigen, die in Großstädten wie Sao Paulo oder Rio de Janeiro unterwegs sind, darüber, ob sie einen riskanten Stadtteil betreten. Die Herkunft der Daten, die solche Empfehlungen liefern, ist bestenfalls trüb. Ebenso nutzen Bewohner, die sich mit der Kriminalitätsrate in ihrer eigenen Nachbarschaft beschäftigen, Tools wie Whatsapp, um Hinweise auf verdächtige Aktivitäten in der Umgebung zu auszutauschen.

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Wenn sich die Lage verschlechtert, nicht nur in Brasilien, wird Survival Tech gedeihen. Denn es ermöglicht den Bürgern, angesichts sämtlicher Widrigkeiten zurechtzukommen, ohne Verbesserungen ihrer sozialen Verhältnisse zu fordern. Tatsächlich lässt sich der gesamte Technologieboom nach der Finanzkrise besser aus dieser Sicht erklären. Erst kamen Risikokapitalgeber, später dann Staatsfonds, beide subventionieren die Massenproduktion von Survival Tech für die enteigneten und unzufriedenen Massen vorübergehend.

Natürlich hat das niemand so genannt. Stattdessen diskutierten wir über die "Sharing Economy" mit Start-ups, die den Armen helfen zu überleben, indem sie unsichere Arbeitsplätze annehmen oder ihren Besitz vermieten. Wie reden von "Smart Cities", den Städten, die ihre technologische Souveränität im Austausch für vorübergehend kostenlose Dienste an die digitalen Riesen abgeben. Man spricht von "Fin Tech", von Kleinkrediten der nächsten Generation, die auf Benutzerdaten basieren und als Revolution in der "finanziellen Integration" vermarktet werden.

Heute werden progressive Slogans von deprimierend konservativen Standpunkten aus formuliert

Wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verbessern, werden die Regierungen ihr unausgesprochenes Bündnis mit der Technologieindustrie fortsetzen: Nur so können die Massen, die mit den massiven Steuer- und Verhaltensaufopferungen zunehmend unzufrieden sind, zumindest ein Minimum an Sicherheit und Wohlstand erhalten, wenn auch nur kurzfristig. Die Aussicht auf höhere Umweltsteuern hatte ja bereits zu Unruhen in Europa geführt.

Damit kommen wir zu dem paradoxen Ergebnis, dass 99 Prozent der sogenannten "disruptiven", technologischen Störungen nur dazu dienen, sicherzustellen, dass nichts Substanzielles gestört wird. Die Pathologie aber bleibt bestehen: Wir passen uns einfach nur besser an, mit Sensoren, Karten, KI und Quantencomputern. Das wahre Prinzip heutiger Big Tech, von Regierungen sanktioniert und gefeiert, ist Innovation um der Erhaltung willen.

Solche Programme mögen unter dem Banner der "digitalen Transformation" gestartet und gefeiert werden, aber in Wirklichkeit implizieren sie sehr wenig bewusste und gesteuerte soziale Transformation. Vielmehr ist das, was unter diesem Label verkauft wird, genau das Gegenteil. Es ist die Vorstellung, dass Einzelpersonen und Institutionen sich an die technologische Welt um sie herum anpassen, sie jedoch nicht mehr verändern müssen.

Die Visionen der heutigen Progressiven, die Auflösung von Big Tech oder sogar die Umverteilung der gesammelten Daten, könnte einige echte Probleme lösen.

Aber es ist schwer zu erkennen, dass solche Maßnahmen die Dominanz von Survival Tech tatsächlich brechen werden. Schließlich können Hunderte von Start-ups eine solche virtuelle Ausrüstung besorgen, nicht nur Microsoft oder Amazon.

Im Gegensatz dazu können wir uns jedoch eine alternative Zukunftswelt von Rebel Tech vorstellen, das soziale Bedingungen eben nicht als in Stein gemeißelt hinnimmt, die man trotz modernster Technologien akzeptieren muss. Stattdessen setzt Rebel Tech maßgeschneiderte Technologien ein, um zu verändern, zu gestalten und um gegen festgefahrene soziale Bedingungen zu rebellieren.

Die Unterschiede zwischen Survival Tech und Rebel Tech sind massiv, nicht bloß philosophisch; eine kluge Politik kann uns mehr von letzterem und weniger von ersterem bringen.

Wenn die Menschen sich an die Welt anpassen, muss sie ja nicht mehr verändert werden

Es ist notwendig, die technologischen Giganten zu zerschlagen, sie einen angemessenen Teil der Steuern zahlen zu lassen und ihre Daten zu nutzen. Das ist aber leider nicht die Voraussetzung für eine effektive soziale Transformation. Heute werden ja die nominell progressiven Slogans oft von deprimierend konservativen Standpunkten aus formuliert. Sie implizieren, dass wir, solange die Technologieindustrie ihre Verantwortung als im besten Fall umweltfreundlicher Motor des Wirtschaftswachstums wahrnimmt, irgendwann in die komfortable und prosperierende, eigentlich sozialdemokratische Welt der Sechziger- und Siebzigerjahre zurückkehren können.

So ansprechend diese Vision auch erscheint, sie tarnt lediglich das Fehlen strategischen Denkens auf Seiten jener der fortschrittlichen oder auch sozialdemokratischen Kräfte, die sie unterstützen. Der Aufstieg von Big Tech ist eine Folge und nicht die Ursache unserer politischen und wirtschaftlichen Krisen; wir werden sie nicht lösen, wenn wir Big Tech loswerden oder ihre Operationen einschränken.

Small und Humane Tech könnten hilfreich sein. Ohne eine übergreifende Vision und einen konkreten Plan für die Abschaffung von Survival Tech und die Aufnahme von Rebel Tech haben progressive Kräfte jedoch nicht viel über Technologie zu sagen - und damit leider auch nicht über die zeitgenössische Politik. Small Tech kann es sich nicht leisten, so kleinlich zu sein.

Aus dem Englischen von Maximilian Senff.

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