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"So wie Du mich willst" im Kino:Gefährliche Liebschaften

So wie du mich willst

Eine ältere Frau, mit schwarzer Brille, strengem Blick und einer Portion Lebensenttäuschung im Gesicht. Juliette Binoche in "So wie Du mich willst".

(Foto: Alamode)

Juliette Binoche spielt im Melodram "So wie du mich willst" eine Frau, die der Verführungskraft des Online-Datings verfällt. Sie legt sich eine Fake-Identität zu, um wieder jung zu sein.

Wirst du jetzt auch zum Cougar, zur Silberlöwin, frotzeln Claires Freunde, als diese von ihrem neuen, deutlich jüngeren Lover erzählt. Wie das denn bei einem Mann heiße, wenn er eine jüngere Geliebte habe, fragt eine der Frauen kritisch. "Bei einem Mann", lautet die Antwort, "heißt es einfach ,Mann'."

Größer noch als der Gender Pay Gap, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, ist, ab einem gewissen Alter, der Unterschied auf dem Liebesmarkt. Claire ist Anfang fünfzig, eine gut aussehende Literaturdozentin, die von der schönen Juliette Binoche gespielt wird. Dass sich die Männer nicht reihenweise in Claire verlieben, ist deshalb nicht leicht zu verstehen.

Andererseits gibt sich Binoche Mühe, wie eine ältere Frau auszusehen, mit schwarzer Brille, strengem Blick und einer Portion Lebensenttäuschung im Gesicht. Der junge Mann, mit dem sie schläft am Anfang des Films, demütigt sie, als sie mehr von ihm will als schnellen Sex: Ob sie ihn ihren Söhnen vorstellen wolle, fragt er, die seien ja ungefähr in seinem Alter.

Claire ist verletzt, und um ihren Freund auszuspionieren, legt sie sich einen falschen Facebook-Account zu. Sie nennt sich Clara, lädt das Bild einer hübschen jungen Frau hoch und scrollt durch die Geburtsjahrgänge. Ein Klick - und Clara ist 24. Die junge Blonde ist ein Köder, aber nicht Claires Lover, sondern dessen bester Freund Alex (François Civil) beißt an. Er verliebt sich in die rätselhafte junge Frau, die manchmal viel zu erwachsen wirkt für ihr Alter und ihn außerdem zappeln lässt, ihm ein Date im echten Leben immer wieder verweigert. Und Claire? Die verliebt sich in Alex, aber eben nicht als Claire, sondern als Clara, die beim Telefonieren mit Alex girliehaft ins Handy haucht.

"Bist du bei Insta?", fragt Alex. Und Claire muss erst mal googeln, was das bloß sein soll

Juliette Binoche ist großartig in der Rolle, die fast eine Doppelrolle ist, so unterschiedlich sind ihre Stimme, Mimik und Gestik als Clara oder Claire. Schön ihr Aufblühen und ihre Leidenschaft, als Alex sie begehrt, mit ihr Telefonsex hat im Auto. Claires Betrug hat ja auch etwas Emanzipatorisches. Und ist immer wieder auch sehr komisch: Einmal fährt Claire vor den Augen ihrer Kinder, die sie von der Schule abholen will, mit dem Auto immerzu im Kreis herum, weil sie ein Telefonat mit Alex nicht unterbrechen will. Sehr lustig auch, wenn die Literaturdozentin beim Chatten nach Formulierungen sucht, die eine 24-Jährige wohl gebrauchen würde, oder auf Wissenslücken stößt: "Bist du bei Insta?", fragt Alex einmal. Claires Blick, als sie das liest und erst einmal googeln muss, was gemeint ist, ist unbezahlbar.

"Catfishing" heißt das, wenn sich jemand im Netz als jemand anderer ausgibt. Dass dieses Spiel mit der Identität auch für Claire gefährlich ist, sie Opfer ihrer eigenen Erfindungen geworden ist, legt schon die Rahmenhandlung nahe. Claire ist da als Patientin einer psychiatrischen Klinik zu sehen, ihre Liebesgeschichte mit Alex inszeniert Regisseur Safy Nebbou als Abfolge von Rückblenden. Claires Gegenüber, dem sie von der Facebook-Affäre erzählt, ist eine Ärztin, die wie eine Spiegelung von Claire erscheint, ähnlich alt, ähnlich klug und ähnlich unglücklich. Was natürlich eine Projektion ist, schließlich darf die Psychiaterin in der Therapie nichts von sich erzählen. Aber um Projektionen geht es schließlich, auch Alex und Claire verlieben sich in Wunsch- und Trugbilder. Als sie einander schließlich real gegenüberstehen, erkennt Alex Claire/Clara nicht, weil sie als ältere Frau für ihn unsichtbar ist.

Der Film basiert auf einem Roman von Camille Laurens. Aus dem Stoff hätte eine romantische Komödie werden können in der Tradition von "E-Mail für Dich" oder ein Thriller. "So wie du mich willst" ist weder das eine noch das andere, der Film setzt das Verwirrspiel auch dramaturgisch fort. Literarischer Pate ist Choderlos de Laclos' Briefroman "Gefährliche Liebschaften", über den die Literaturdozentin Claire in einer Vorlesung spricht. Auch im Buch sind es geschriebene Worte, die die Menschen manipulieren, sie am Ende in den Tod treiben. Leider wirkt gerade vor diesem Hintergrund Claires literarische Fantasie - sie schreibt über die Affäre mit Alex einen Roman - besonders klischeehaft. Dass die kluge Claire so eine Liebe erleben will, mag man gern glauben - dass sie ihre Sehnsüchte in dieser Form aufschreibt, niemals. Und die verschachtelte Erzählstruktur des Films passt zwar zur fragmentierten Kommunikation via Smartphone, wirkt aber konstruiert.

Am besten ist "So wie du mich willst", wenn er sich mit Claire ganz der Verführung durch die sozialen Medien hingibt, wenn sie in diesem virtuellen Raum echte Lust und Freiheit findet. Claire beschreibt ihrer Psychiaterin, wie es war, als Clara verliebt zu sein: Süchtig sei sie gewesen nach dem kleinen grünen Licht, das anzeigt, der andere ist online.

Celle que vous croyez , F 2019 - Regie: Safy Nebbou. Buch: S. Nebbou, Julie Peyr nach einer Vorlage von Camille Laurens. Kamera: Gilles Porte. Schnitt: Stèphane Pereira. Verleih: Alamode, 101 Minuten.