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"Snowpiercer":Wirkliche Internationalität

Bong wiederum hat nun mit "Snowpiercer" zwar seinen ersten englischsprachigen, starbesetzten Film gedreht , mit Tilda Swinton, Chris Evans und John Hurt. Und in der Produktion, die mit 40 Millionen Dollar Budget weit über den Möglichkeiten der koreanischen Filmindustrie liegt, stecken amerikanische Gelder.

Ihm geht es aber um wirkliche Internationalität. Seine Crew aus Korea, Großbritannien, den USA und Tschechien reflektiert das ebenso wie die höchste Mash-Up-Kunst seines Erzählens: "Snowpiercer" ist von asiatischer Splatter-Gewalt genauso beeinflusst wie vom europäischen Autorenfilm und von den Überwältigungsmechanismen des amerikanischen Blockbusterkinos.

Während Bong von all diesen Vorbildern schwärmt, muss er selber lachen, weil er so schnell so viel erzählen will, dass die Dolmetscherin nicht mehr mitkommt - die er genau deshalb aber dabeihaben wollte: Natürlich spricht er Englisch, aber wenn's ums Kino geht, dann soll durch kein Sprachwirrwar etwas verloren gehen. "Ich kümmere mich beim Schreiben eines Drehbuchs nie um Genres, sondern lege einfach los - so fließt die Erfahrung eines ganzen Lebens als Kinoratte automatisch mit ein."

In Opposition zum üblichen Hollywood-Arbeitsmodus

Durch seine letzten beiden Filme hat er sich in der Branche einen solchen Namen erarbeitet, dass für "Snowpiercer" sowohl die Stars als auch die Geldgeber auf ihn zukamen - und nicht umgekehrt: In "The Host" (2006) mischte er aus der Tradition des asiatischen Monsterfilms und der amerikanischen Filmeffektkunst eine fiese Horrorkomödie, die in Korea zum erfolgreichsten Film aller Zeiten wurde. 2010 drehte er mit "Mother" einen Übermutter-Thriller im südkoreanischen Hinterland, der selbst Hitchcock die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

Mit Hitchcock verbindet Bong außerdem, dass er, im Gegensatz zum üblichen Hollywood-Arbeitsmodus, keine Szene in dutzendfacher Variation dreht. "Beim Schreiben habe ich den Film schon fertig im Kopf - und wenn ich ihn dann genau so drehe, kann ich wie Hitchcock vermeiden, dass mir die Produzenten in mein Werk hineinpfuschen."

Spricht's und grinst schelmisch. Denn das Produzenten-Urvieh Harvey Weinstein, der für den angloamerikanischen Markt die Rechte an "Snowpiercer" besitzt, wollte genau das: den Film umschneiden, um ihm das Einheitstempo aller amerikanischen Actionfilme zu verpassen.

Spiel mit Licht und Schatten

Den Streit hat Bong gewonnen, weil mittlerweile auch Weinstein eingesehen hat, dass Bongs große Kunst eben genau in abrupten Tempiwechsel besteht. "Für einen Regisseur ist doch der Rhythmus das wichtigste Merkmal seiner Handschrift, und ich liebe es, schnelle Szenen plötzlich zu bremsen und langsame zu beschleunigen."

Das macht er in "Snowpiercer" so gekonnt wie noch nie, während seine Protagonisten sich aus den grauen Lagern am Ende des Zuges durch die immer bunteren und dekadenteren Zugabteile nach vorne kämpfen, durch Gewächshaus-, Disco und Aquariumswagen, um den Mächtigen in der ersten Klasse ordentlich einzuheizen.

Selbst im heftigsten Kampfgefecht drosselt Bong dann das Tempo, spielt mit Licht und Schatten oder verlegt eine Kampfszene komplett ins Dunkle, um sich nur auf die dumpfe Tonspur zu konzentrieren. Ein ziemlich irres Jump'n'Run-Spektakel, als wäre man in einem manisch-depressiven Arcadespiel gelandet.

Ein Zauber, den der Regisseur gerne einmal so entfesseln wollte, mit diesem Budget, mit diesen Schauspielern. "Aber künftig bitte wieder kleiner, daheim in Südkorea. Noch einmal will ich mir das nicht antun." Das ist zwar vermutlich schelmisches Understatement, passt aber perfekt zu seinen Filmen, wo er die Verzauberung des Zuschauers genauso gut beherrscht wie die Entzauberung. Weshalb das, was die Revolutionäre dann im ersten Wagen des "Snowpiercer" finden, auch weniger mit einem klassischen Action-Endgegner zu tun hat als mit dem Zauberer von Oz.

Snowpiercer , Südkorea/USA/GB/Tschechien 2013 - Regie: Bong Joon-ho. Buch: Kelly Masterson, Bong Joon-ho. Kamera: Hong Kyong-pyo. Mit: Chris Evans, Tilda Swinton, John Hurt. MFA, 126 Minuten.