"Das Haus" im Kino:Tür auf, Tür zu

"Das Haus" im Kino: Der Journalist Johann hat Angst, dass man ihn für einen Dissidenten halten könnte. Tobias Moretti in "Das Haus".

Der Journalist Johann hat Angst, dass man ihn für einen Dissidenten halten könnte. Tobias Moretti in "Das Haus".

(Foto: Not Sold Verleih/Andreas Schlieter)

Tobias Moretti kämpft gegen Faschisten und ein durchgedrehtes Smart Home. Was will uns der Film "Das Haus" über die Gegenwart sagen?

Von Nicolas Freund

Kurz sieht es so aus, als würde der selbstfahrende Koffer in den Fjord plumpsen. Passiert aber nicht. Er ist ja smart, er könnte auch eine Nebenrolle als Androide in "Star Wars" übernehmen, er weiß genau, wo er hin muss, nämlich wie ein treuer Hund stets an die Seite seines Herrchen, Johann. Hat er sicher gelernt, das können Maschinen ja heute schon. Und Johann wird passenderweise gespielt von Tobias Moretti, dem seit "Kommissar Rex" wahrscheinlich bekanntesten Herrchen der deutschsprachigen Filmgeschichte. Dieser Johann ist Journalist und nach einem kritischen Artikel über die rechtspopulistische Regierung, die 2029 in Deutschland an der Macht ist, bekommt er Berufsverbot und muss untertauchen. Ein Glück, dass seine Lebensgefährtin Lucia (Valery Tscheplanowa) reiche Juristin ist und eine schicke Designer-Villa auf einer schwedischen Insel besitzt.

In dieser nahen Zukunft ist nicht nur der Rollkoffer, sondern so ziemlich alles smart: Vom autonomen Wassertaxi über die Armbanduhr bis zur Villa. Alles steuert sich selbst oder auf Sprachkommando. Tür auf, Tür zu, wie von Geisterhand. Praktisch. Zum Willkommen ertönt Klaviermusik. Wie angenehm. Aber der Spuk wird schnell etwas zu viel: Einmal lässt sich die Haustür nicht mehr öffnen und Johann muss mit Lucia draußen am Strand übernachten, neben seinem ersten selbstentfachten Lagerfeuer. Dann bestellt der Kühlschrank viel zu viel Essen. Und richtig gruselig wird es, als das Haus Johann mit einem Piepsgeräusch zu der Maschinenpistole im Keller lotst. Woher weiß es, dass die da liegt? Und warum ist die dort überhaupt versteckt? Im Serverraum des Hauses glüht ein rotes Maschinenauge, wie von dem durchgedrehten Computer HAL aus Stanley Kubricks "2001". Ein wenig subtiler hätte der Hinweis doch sein dürfen, dass hier das berühmteste Hundeherrchen und der bekanntesten Killercomputer der Filmgeschichte aufeinander losgelassen werden.

Der Film packt alle großen Fragen der Gegenwart in das Haus in den Schären

Die Vorlage für "Das Haus" ist eine Kurzgeschichte des Journalisten Dirk Kurbjuweit, und der hat aber natürlich keinen Horrorschocker, sondern als Spiegel-Redakteur im Berliner Hauptstadtbüro einen Polit-Thriller geschrieben. Mit der Ruhe in der Schären-Villa ist es bald vorbei: Zu dem nervigen KI-Spuk kommen zwei junge Menschen, Lucias Schützling Layla (Lisa Vicari) und ihr grobschlächtiger Freund Alex (Max von der Groeben) quartieren sich für ein paar Tage ein. Haben die beiden etwas mit dem Anschlag zu tun, von dem gerade die Nachrichten voll sind?

"Das Haus" im Kino: Zu allem bereit? Layla (Lisa Vicari) und Alex (Max von der Groeben) wollen manches anders machen als die ältere Generation.

Zu allem bereit? Layla (Lisa Vicari) und Alex (Max von der Groeben) wollen manches anders machen als die ältere Generation.

(Foto: Andreas Schlieter/Not Sold Verleih)

Alle Anwesenden haben etwas gegen die rechtsextreme Regierung. Wie es sich in den gutbürgerlichen Kreisen gehört, werden bei Weißwein, Abendbrot und mit Blick auf den Fjord die Positionen ausgetauscht. Johann vertraut noch immer der Demokratie, Layla und Alex sehen das anders. Sie wollen sich notfalls wehren. "Wenn wir schießen, treffen wir die richtigen." "Und wer entscheidet das? Die Richtigen? Entscheidest du das?", erwidert Johann. Hitler umzubringen, das wäre ja auch in Ordnung gewesen, findet Layla. Immerhin den mehrmals angedeuteten Vergleich mit 1933 verfolgt der Film nicht weiter als bis zu dieser Assoziation.

Der Film packt alle großen Fragen der Gegenwart in das Haus in den Schären: Die Legitimationskrise der Demokratie, die Probleme im Umgang mit künstlicher Intelligenz und dazu auch noch einen handfesten Beziehungsstreit: Das Haus hat ein ganzes Archiv an Homesexvideos gesammelt und spielt natürlich genau das falsche ab. Lucia, die große Teile des Films nackt bestreiten muss, hat nämlich eine Affäre mit Johanns Chef. Ups, war das jetzt so smart? Sollte das Haus nicht den Menschen dienen, anstatt sie gegeneinander aufzubringen? Immer enger führt der Film Demokratie und KI zusammen, das Haus und seine Probleme werden zur Gesellschaftsmetapher.

Ein Smart Home als Bild für die gefährdete Demokratie? Klar, beides sind letztlich Werkzeuge, die einen verantwortungsvollen Gebrauch durch ihre Nutzer voraussetzen, und in beiden läuft gerade etwas falsch. Es stimmt, dass Algorithmen vor allem in der Form sozialer Netzwerke gerade viel daransetzen, unsere Gesellschaft zu zersetzen. Und Menschen wie Johann entscheiden grundsätzlich etwas zu viel. Auch der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl diagnostizierte mit ähnlicher Geste in seinem aktuellen Buch im Zusammenspiel von Digitalkonzernen, Kapitalmarkt und demokratischen Gesellschaften "das Ferment einer neuen Vorkriegszeit". Das ist alles richtig, wirkt in dem Film mit Bildern wie aus der Uhren-Werbung und als Kammerspiel aber zu konstruiert und gewollt, zu skizzenhaft und lebensfern. Die richtigen Beobachtungen kommen über sich selbst nicht hinaus. Denn Demokratie ist am Ende eben doch kein Rollkoffer, egal, wie smart er ist.

Das Haus, D 2021. Regie: Rick Ostermann. Buch: Patrick Brunken, Rick Ostermann, Dirk Kurbjuweit. Kamera: Stefan Ciupek. Mit: Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari. Not Sold Verleih, 90 Minuten.

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