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"Spare Ribs" von den Sleaford Mods:"Nun ja, immerhin waren wir am Leben"

Sleaford Mods

"Du stellst dich vors Hochhaus, spielst den Gangster. Wenn ich nur dran denke, schüttelt's mich": die "Sleaford Mods" - aus Nottingham.

(Foto: Alasdair McLellan)

Die "Sleaford Mods", die Tarnjacken-und-Dosenbier-Brigade der Mietskasernen und verpinkelten Bahnhofsunterführungen, haben ein neues, wunderbar bollerndes Album.

Von Joachim Hentschel

Okay, das hier könnte es nun wirklich sein: das erste durch und durch konsequente Lockdown-Musikalbum. Also vorausgesetzt, man versteht unter Lockdown, diesem schwach definierten Modewort, das buchstäbliche Eingesperrtsein an zu kleinen, zu engen Orten, womöglich auch noch mit zu vielen Menschen. Und nicht nur, dass Künstlerinnen und Künstler mit Laptops im zerknüllten Bettchen liegen und seufzen, weil wieder ein Fest abgesagt wurde. Oder dass kinderlose Kreative beginnen, sich Sorgen um ihren Body-Mass-Index zu machen, weil sie im Heimbüro zu viele Bananenchips essen.

"Spare Ribs", das neue Album des englischen Punk-Rap-Duos Sleaford Mods, mag zwar grundsätzlich in derselben Welt spielen, aber in anderen Stadtteilen, anderen Stockwerken. Seine Settings sind die Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen, die nicht für tagelange Sitzungen konzipiert sind, in denen sich Familien gefährlich nahe kommen. Die Orte, wo Kinder quengeln, wo das Wlan bröckelt, Homeschooling noch schlimmer ist als Schule und ganz sicher kein ansonsten unbenötigtes Geld für FFP2-Masken herumliegt.

Dass dieses Milieu, in dem der industrielle Wandel und die Pandemie besonders hart zuschlagen, dazu noch von Mittelklasse-Hip-Hoppern und Modevolk kulturell verklärt wird, macht den Zynismus komplett. "Du stellst dich vors Hochhaus, spielst den Gangster", skandiert Sleaford-Mods-Sänger Jason Williamson im blechscheppernden Stampfer "Nudge It". "Wenn ich nur dran denke, schüttelt's mich."

Bühnenshow: Laptop bewachen, abwechselnd auf "Play" und "Stop" drücken - und dazwischen Bier trinken

Jetzt könnte man freilich sagen, dass die Kunst der Band selbst immens von der Sozialklassen-Romantik lebt, die sie hier kritisiert. Seit die Sleaford Mods vor 14 Jahren auf der Bildfläche erschienen, aus dem Kellerkneipen-Underground der Stadt Nottingham heraus, positionieren sie sich als Tarnjacken-und-Dosenbier-Brigade, als Stimme der Mietskasernen, 99-Cent-Läden und verpinkelten Bahnhofsunterführungen. Williamsons Texte sind ein einziges, eng gelegtes Scrabble aus Schimpfwörtern für Zustände, Schnösel, Politiker. Die - in der Praxis bestechend unterhaltsame - Bühnenshow besteht darin, dass er in Jogginghose und T-Shirt die Sprechgesänge abschießt, während Partner Andrew Fearn den auf Getränkekisten aufgebahrten Laptop bewacht, abwechselnd auf "Play" und "Stop" drückt und dazwischen Bier trinkt.

Stilistisch hängt die Musik zwischen pleistozänem Hip-Hop, Großbritannien-Punkrock und literarischer Slam-Poetry. Der Erfolg wächst seit Jahren beständig. Ihr letztes Album "Eton Alive" erreichte 2019 die britischen Top Ten, schon davor hatte die über das Duo gedrehte Doku "Bunch of Kunst" großes Arthaus-Aufsehen erregt.

Sleaford Mods: "Spare Ribs"

(Foto: (Rough Trade / Beggars Group / Indigo))

Vor Kurzem lieferte sich Sänger Williamson eine erheiternde öffentliche Debatte mit der englischen Rockband Idles, in der es um die Frage ging, ob auch Kinder von Besserverdienenden Songs über die Not der Arbeiterklasse singen dürften (Williamson meinte: Nein). Man könnte anmerken, dass die Sleaford Mods wiederum mit einem künstlerisch radikalen Album wie "Spare Ribs" und ihren Straßenschlucht-Videos vor allem auf den Schlüsselreizen ihrer Middle-Class-Hörerschaft herumorgeln. Was Williamsons These nicht widerspricht, aber seinen Ruf nach authentisch besiegelten Kommunikationsmodellen doch ein wenig relativiert.

Was die zwei im Vergleich zu ähnlich operierenden deutschen Rappern unbedingt auszeichnet, ist das hohe Maß an Verantwortung, das Williamson und Fearn für ihre bollernde, kachelnde, blökende, mitunter auch fiepende Musik übernehmen. Rassistisches oder Misogynes findet man nie bei ihnen. Im Gegenteil: Auf "Spare Ribs" mischen unter anderen Amy Taylor und Billy Nomates als Gastsängerinnen den Laden zusätzlich auf. Ansonsten wird geflucht - bis zur Selbstaufgabe, aber stets mit einem Minimum an Eleganz. "Ich wünschte, ich hätte genug Zeit, um ein Arschloch wie du zu werden", blafft Jason Williamson in "Elocution". Es geht ihm dabei um Social-Media-Etikette.

Wenn sich der Ärger nicht mehr ausreichend über Biertheken, Spielsalontische oder Drückbänke verteilt, explodiert er irgendwann

Überhaupt weist dieses bei aller Derbheit poetisch extrem ausgefuchste Album auf ein Pandemieproblem hin, unter dem wenige Kolumnisten leiden und das daher eher selten behandelt wird. Denn wenn sich der angestaute Ärger nicht mehr ausreichend über Biertheken, Spielsalontische oder Drückbänke im Fitnessstudio verteilen kann, wird er womöglich irgendwann explodieren. Nicht notwendigerweise durch Möchtegern-Erstürmungen, sondern durch viel stärker zielgerichtete, persönlichere Arten von Gewalt.

Für die Formulierung positiver Visionen haben sich die Sleaford Mods dabei noch nie zuständig gefühlt. Immerhin, nachdem man sich knapp 40 Minuten lang vom bösen Mann hat anschreien lassen, folgt mit "Fishcakes" ein leicht sentimentales Schlusslied. "Nun ja, immerhin waren wir am Leben", säuselt Williamson da. Es klingt bitterer als alles, was davor kam.

© SZ/biaz
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