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Slapstick und Kunst:Immer schön drauf

Szenenfoto Safety Last, 1923

Eine Szene aus dem Film "Safety Last" von 1923 (USA, Regie: Fred C. Newmeyer & Sam Taylor, Produzent: Hal Roach).

(Foto: Harold Lloyd Entertainment)

Tortenschlachten, Bananenschalen, gekochte Schuhe. Von Buster Keaton bis Jackass ist die Kombination aus Akrobatik, Schmerz und Schadenfreude ein konstanter Kulturfaktor geblieben. Die Wolfsburger Schau "Slapstick!" zeigt nun Wirkungen auf die zeitgenössische Kunst. Und bietet die seltene Gelegenheit, in einer Ausstellung zu lachen.

Von Till Briegleb

Er war einer der ersten Special-Effects der darstellenden Kunst. Schlug man mit dem Batacchio zu, dann knallte es laut, aber der Geschlagene merkte kaum etwas davon. Aus dieser Klatsche oder Narrenpritsche, die in der Commedia dell'Arte erfunden wurde, entwickelte sich eine Kunstform, die immer wieder erneuert bis heute spontane Lachkrämpfe verursacht. Der Slapstick, wie die englische Übersetzung des falschen Schlagstocks lautet, wurde in den Zwanzigern aus dem Vaudeville-Theater in den Stummfilm übertragen und begeistert als lustige Gewalt seither das Kino. Die modernen Erben von Buster Keaton, Stan & Ollie, Charlie Chaplin und Harold Lloyd heißen zwar eher Jackass, Jack Sparrow, Minions oder Psy, aber die Kombination aus Akrobatik, Schmerz und Schadenfreude ist ein so konstanter Kulturfaktor geblieben, dass man vom Slapstick als Mutter aller Körperkomik sprechen muss.

Als Kunstmuseum will man in Wolfsburg natürlich nicht die ganze Geschichte der Missgeschicksathletik erzählen, wie sie im Theater begann und dort bei Regisseuren wie Herbert Fritsch, Christoph Marthaler oder René Pollesch als hysterische Pannenshow noch immer ein geheiligtes Gut darstellt. Auf Slapstick in der zeitgenössischen Kunst begrenzt die Kuratorin Uta Ruhkamp das Thema dieser Kabinettausstellung, in der einige Schlüsselszenen der Stummfilmzeit mit ihrem künstlerischen Nachhall konfrontiert werden.

Dabei ist die Nachbarschaft immer recht unmittelbar gewählt. Zu Stan & Ollies "Battle of the Century", der größten Tortenschlacht der Stummfilmzeit, gesellt sich ein Video der Tortenschlacht, die Alexej Koschkarow 2003 im Düsseldorfer "Malkasten" veranstaltet hat, sowie 32 giftfarbige Kunsttorten im Stadium des Einsinkens von Vincent Olinet (ein Schelm, wer hier an Dieter Roth denkt!). Den Nabel der Slapstickkomik, die ausgelegte Bananenschale, reproduziert Wilfredo Prieto als kleine seifige Skulptur im Zentrum eines Raums. Und Buster Keatons berühmte Szene aus "Steamboat Bill Jr.", als eine Hausfassade auf den Helden stürzt und er genau im Fenster unversehrt stehen bleibt, hat Steve McQueen 1997 mit einem schwarzen Mann als Kunstvideo wiederholt (wie es auch schon mancher Theaterregisseur live auf der Bühne gewagt hat).

"Nur Nieten gegen Keaton"

Aus diesem Handshake zwischen den Epochen entwickelt sich nur selten ein komplexerer Dialog. Etwa wenn Chaplins Gekochte-Schuh-Mahlzeit aus "Goldrush" auf John Bocks "Zezziminnegesang" trifft, weil Bock Chaplins extrem fokussierten Slapstick gekonnt in seinen barocken Abfallirrsinn überträgt.

Wenn Bock als Kunst-Messie eine Dose Ravioli mit einem Löffel zu essen versucht, der an einem Sesselbein befestigt ist, dann erzählt Slapstick doch noch einmal eine neue Geschichte des absurden Verlorenseins mit den Mitteln des Körpers. Oder wenn Szymon Kobylarz' "Fressenpolierer", eine Selbstprügelmaschine nach einer Zeichnung von Roland Topor, neben dem Video steht, in dem Steamboat Bill Jr. lernt, wozu man eine Faust benötigt, dann besteht hier immerhin die Chance, die Frage praktisch zu erleben, warum wir so leicht über Brutalität lachen, wenn sie übertrieben daherkommt.

Aber wirklich analytisch will diese Themenausstellung nicht sein. Weder, was das Phänomen Schadenfreude oder den Kippmoment von Gewalt in Komik betrifft, noch was die besondere Figur des Slapstickhelden eigentlich ausmacht, der als Tollpatsch, Versager oder Naivling auftritt und trotzdem so fulminant Sympathien gewinnt, dass Kulturkritiker dicke Bücher über sie schreiben und Matrosen sich den Tramp auf den Körper tätowieren lassen. "Slapstick!" zeichnet lieber eine unmittelbare Inspirationsgeschichte an einigen Beispielen nach und schafft ansonsten die seltene Gelegenheit, in einer Ausstellung zu lachen. Vor allem ist diese Ausstellung eine Verbeugung vor dem Genie einiger komischer Männer, die das Stehaufmännchen zur lebensphilosophischen Größe gebracht haben - und die man mit der Zeile aus dem alten Friedrich-Hollaender-Schlager verlassen kann: "Alle Männer sind nur Nieten gegen Keaton."

Slapstick! Kunstmuseum Wolfsburg, bis 2. Februar 2014, www.kunstmuseum-wolfsburg.de.

© SZ vom 02.08.2013/ihe/pak
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