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Skandinavische Literatur:Die Jahreszeit des Nordens

Karl Ove Knausgårds "Im Winter"und Tove Janssons "Winterbuch" handeln von den harten Gesetzen der Natur und den zwischenmenschlichen Konflikten.

Von Nicolas Freund

Landschaft auf den Lofoten in Norwegen im Winter McPGER McPGER

Winterliche Landschaft auf den Lofoten: Die harten Gesetze der skandinavischen Natur wirken bei Jansson und Knausgård bis ins Zwischenmenschliche.

(Foto: imago)

Es gibt viele Arten, den Winter zu beschreiben. Er ist zugleich dunkel und weiß, die kahlen Bäume erinnern, wenn Schnee liegt, an schwer entzifferbare Schrift auf Papier. Er ist nass und kalt, vielleicht auch melancholisch, aber in den Gedanken an die Kälte liegt immer schon deren Gegenmittel, das knisternde Feuer oder wenigstens die aufgedrehte Heizung. Er ist auch die Jahreszeit der Kinder, nicht nur weil Christi Geburt im Winter gefeiert wird, auch weil an dieses Fest die Erwartung künftiger schöner Kindheitserinnerungen geknüpft ist. Der Winter hat eine eindeutige Himmelsrichtung, den Norden. Der Winter ist ein undurchsichtiges Gestöber kulturell geprägter Assoziationen.

Obwohl ihm einiger Spott entgegenschlug, war es geschickt vom norwegischen Bestsellerautor Karl Ove Knausgård, nach der Fertigstellung seiner 4500-seitigen Autobiografie über jede Jahreszeit ein Buch zu schreiben. Wie es der Rhythmus der Jahreszeiten aus Werden und Vergehen nahelegt, hat er die Reihe seiner zum Zeitpunkt ihres Entstehens noch ungeborenen Tochter gewidmet. Es sind kurze Texte über den Mond und die Ohren, die Unordnung oder den Otter, kleine Meditationen über das Wesen der Dinge und ihren Platz in der Welt, eine Art Gebrauchsanweisung für das Leben am Beispiel des Winters. Das ist weniger ratgeberhaft als anekdotisch und assoziativ, manchmal etwas raunend und banal.

So schreibt er über den Stuhl: "Der Stuhl dient uns zum Sitzen. Er besteht aus vier Beinen, auf denen eine Platte liegt, von deren hinterem Ende eine Rückenlehne aufsteigt. Die einzelnen Bestandteile können unterschiedlich ausgeführt sein". Ähnlich hätte es wahrscheinlich das Kreisverwaltungsreferat ausgedrückt. Von den Dingen lässt sich Knausgård weitertragen, im Falle des Stuhls, etwas willkürlich, zu Ingmar Bergmans "Fanny und Alexander", wo am Weihnachtsabend ein scheinbar ganz normales Sitzmöbel vom Familienvater mit einer fantastischen Geschichte ausgestattet wird. Knausgård schließt das Kapitel über den Stuhl mit der Bewunderung für diesen Vater, "dass er einer dieser seltenen Menschen war, die die Welt öffneten, und sie nicht schlossen."

Im Elternhaus gibt es einen Zwischenraum, "in den man sich hineinstellen und hassen kann"

Beim Anblick des Mondes fantasiert Knausgård über die Evolutionstheorie, ob sie nicht hätte bewirken können, dass sich in Urzeiten von der Erde kommende fliegende Wesen dort ansiedelten und dann, getrennt von der irdischen Welt, eine ganz eigene Entwicklung durchmachten? Wäre das nicht tröstlich? Denn so, wie der Mond in einer kalten Nacht am Himmel hängt, fühlt sich Knausgård an den Tod erinnert. "Nicht einmal Wind wirbelt dort etwas hoch; auf dem Mond herrscht Stille und Reglosigkeit, er ist wie ein ewiges Bild von einer Welt vor dem Leben oder einer Welt nach dem Leben."

Später beobachtet Knausgård, wie auf einer Insel, auf die er sich zum Schreiben zurückgezogen hat, ein in der Nacht Verstorbener mit dem Schiff abgeholt wird. Sehr subtil sind diese kleinen Texte mit einem Motivgewebe der Kindheit, des Sterbens und der Geburt, des Stillstands und der Bewegung durchzogen. Zwischen den für sich genommen oft etwas flachen Texten blitzen oft kleine, neue, unerwartete Verbindungen auf.

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Auch das ist eine Eigenschaft des Winters, er führt zusammen, er zwingt in enge Räume. Darin trifft sich Knausgårds naive Welterkundung mit den Texten aus dem "Winterbuch" der Finnlandschwedin Tove Jansson, der Erfinderin der nilpferdartigen Mumin-Fabelwesen. Neben ihren Kinderbüchern schrieb die 2001 verstorbene Autorin auch Romane und Erzählungen für Erwachsene aus denen Ausschnitte zu einem "Winterbuch" versammelt wurden. (Es gibt auch ein bereits 2014 auf Deutsch erschienenes "Sommerbuch".) Wo Knausgård nach innen schaut und das Selbst am Maßstab der Welt vermisst, blickt Jansson mit sezierendem Blick auf ihre Lebenswelt, die im Winter eine doppelte ist, auf die Natur, mit der es sich zu arrangieren gilt, und die warme, hölzerne Enge in finnischen Wohnhütten, wo die Kälte zusammentreibt, was sich den Sommer über aus dem Weg gehen konnte.

In der Nahsicht legt Jansson den faulen Kern zwischen zwei Menschen offen und blickt nie weg. Über das Haus ihrer Eltern an Weihnachten schreibt sie: "Direkt zwischen den Türen, wo man mit knapper Not gerade noch hineinpasst, ist ein winziger Zwischenraum, in den man sich hineinstellen und hassen kann." Ein Drang zur unbedingten Ehrlichkeit durchzieht ihre Texte, und so beeindruckend und unangenehm dieses Umwühlen der Seele manchmal ist, gelingen Jansson auch immer wieder kleine Momente von eigenartiger Schönheit, wie die Beschreibung der routinierten Tätigkeiten - Licht anmachen, lesen, lauschen, Tee aufsetzen, Licht ausmachen - einer Frau, die in einer Winternacht keinen Schlaf finden kann.

Die Winterwelt folgt bei beiden Autoren strengen Gesetzen

Die Winterwelt folgt bei Knausgård wie bei Jansson strengen, aber schwer zu erkennenden und verstehenden Gesetzmäßigkeiten. "Da draußen zu leben", schreibt Knausgård über seine Auszeit auf der Insel, "wurde zu einer Übung darin, keine Antwort, keine Reaktion zu erwarten und stattdessen zu akzeptieren, dass alles für sich allein existierte und nur rein mechanisch interagierte." Die nistenden Vögel in Janssons Erzählung lassen sich von keiner menschlichen oder natürlichen Ungerechtigkeit von ihren Zielen abbringen.

Es ist ein fast barockes Weltbild der beiden kunstaffinen Autoren, in denen, einem göttlichen Plan folgend, das Kleinste bis ins Größte führen kann. "Und natürlich war das alles hübsch anzuschauen, und natürlich konnten die Kinder im Schnee spielen", sinniert Knausgård über den ersten Schnee, "aber etwas Würdevolles war nirgendwo zu erkennen. Glich der Winter nicht eher einem abgerissenen, leicht versoffenen Zirkusdirektor"? Auch so kann man den Winter beschreiben.

Karl Ove Knausgård: Im Winter. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Mit Bildern von Lars Lerin. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 320 Seiten, 22 Euro. E-Book 17,99 Euro.Tove Jansson: Das Winterbuch. Aus dem Finnlandschwedischen von Birgitta Kicherer. Bastei Lübbe Verlag, Köln 2017. 223 Seiten, 12 Euro. E-Book 9,99 Euro.

Leseprobe

Auszüge aus "Im Winter" und "Das Winterbuch" von Tove Jansson stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

© SZ vom 23.12.2017/doer
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