Skandinavien Perfekte Kontrolle

"Der Andere" von Anton Svensson über das vermeintlich perfekte Verbrechen, das aber schrecklich schiefgeht. Intelligent und sensibel erzählt der Roman von einer kriminellen Familie und Gewalt als Kommunikationsmittel.

Von Meike Fessmann

Im Hinterhof von L.A. lag die "Main Street", die übelste Straße der Stadt, mit ihren zahlreichen Tattoo-Studios, hier um 1943.

(Foto: Jim Heimann: Dark City. The Real Los Angeles Noir)

Ein Junge wischt das Blut seiner Mutter auf. Der Vater hat sie beinahe totgeschlagen. Er beruhigt seine kleinen Brüder, beseitigt die Spuren. Leo ist 14 und weiß, was er will: einen guten Eindruck machen. Gleich wird die Sozialarbeiterin kommen. Sie soll glauben, dass alles in Ordnung ist. Er und seine beiden Brüder werden alleine zurechtkommen, zumindest für eine gewisse Zeit. Der Vater ist im Gefängnis vorerst gut aufgehoben. Die Mutter, selbst Krankenschwester, wird im Krankenhaus sicher wieder aufgepäppelt. Leo weiß, wie man Dinge geregelt kriegt. Gute Planung und kühlen Kopf bewahren, das hilft - und lässt sich ausbauen.

Tarnung, Ablenkung, wissen, was der Gegner erwartet, und im entscheidenden Moment zuschlagen, damit kommt man überall durch - in Familien, im Knast und beim größten Coup des Jahrhunderts.

"Der Andere" ist die Fortsetzung von "Der Vater". Auch dieser Thriller, der auf das für Schweden-Krimis typische Rezept einer aus den Nebeln der Gemütlichkeit aufsteigenden Gewalt setzt, beruht auf einer wahren Geschichte. Unter dem Pseudonym Anton Svensson firmiert das Autoren-Duo Anders Roslund und Stefan Thunberg. Der Journalist Anders Roslund hat in den 1990er-Jahren über eine Serie von Raubüberfällen berichtet, in die Stefan Thunbergs Familie verwickelt war. Thunberg, zweiter von vier Söhnen eines kriminellen Vaters, wurde zum Drehbuchautor, während seine drei Brüder Überfälle begingen. Er schrieb mehrere Folgen von Mankells "Wallander".

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Leo Duvnjac, die zentrale Figur des Thrillers, wird von starken Partnern und Gegenspielern flankiert. Indem das Autoren-Duo zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springt, ködert es unsere Sympathien für den vierzehnjährigen Kleinkriminellen, der seine Brüder durchbringen will, um sie auf der Gegenwartsebene in das ausgeklügelte System eines Kriminellen einzuspeisen, der den größten Raubüberfall des Jahrhunderts plant und Militärwaffen bunkert, mit denen man ganze Städte auslöschen könnte.

Leo ist einunddreißig, als er nach sechsjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen wird. Seine Brüder, die er gegen ihren Willen zu Komplizen machte, sind schon länger frei. Man konnte dem Trio ohnehin nicht alle Raubüberfälle nachweisen. Es ist fast eine Film-Szene, wenn sich das Gefängnistor öffnet und die Familie auf ihn wartet - allerdings nicht in der Besetzung, die Leo erhofft. Vincent, der jüngste Bruder, hat sich geweigert mitzukommen. Stattdessen ist neben der Mutter und Felix, dem mittleren Bruder, auch der Vater erschienen. Auf ihn hätten alle gern verzichtet, auch wenn er behauptet, sich geändert zu haben. Seit zwei Jahren trinkt er keinen Alkohol mehr.

Leo hat bereits den genauen Plan für den bevorstehenden "Heist" im Kopf und im Gefängnis neue Komplizen gefunden, den einundvierzigjährigen Sam Larsen, dem er vertraut wie einem Bruder, und einen Auftragskriminellen, der für seine Verschwiegenheit bekannt ist. Doch schon beim ersten Raubüberfall, der den eigentlichen Coup vorbereiten soll, gibt es Komplikationen und einen Toten. In panischer Liebe verfolgt Leos Mutter in den Nachrichten, ob es sich um einen ihrer Söhne handelt. John Brocks wiederum, der Kommissar, der Leo ins Gefängnis brachte, hat persönliche Gründe, ihn möglichst schnell wieder einzusperren.

Die beiden beginnen einen Zweikampf, den Brocks junge Kollegin Elisa Cuesta erst allmählich begreift. Anders als Brocks verabscheut sie Intuition, setzt auf Fakten, Planung, System. Auch Leo will alles berechnen, die Gedanken und Reaktionen anderer vorhersehen, sie austricksen, indem er ihre Aufmerksamkeit auf Nebenschauplätze lenkt. Es geht in diesem Thriller auch um die Wiedergewinnung von Kontrolle nach einer Gewalterfahrung und um die perfekte Kontrolle als Verlockung und Wahnsystem.

Anton Svensson: Der Andere. Thriller. Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Goldmann Verlag, München 2017. 510 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

(Foto: Goldmann Verlag)

Intelligenz und Sensibilität verbinden sich auf packende Weise. Die Autoren finden starke Bilder für die Wirkungen brutaler Gewalt. Vincent, Leos jüngster, damals siebenjähriger Bruder, wickelt sich nach dem Abtransport der Eltern von Kopf bis Fuß in Mullbinden ein. Mumiengleich schottet er sich ab vom Schmerz und weigert sich, seine Schutzhülle zu verlassen. Dass seelischer Schmerz "schwarze Löcher" reißt und schlimmer sein kann als körperliche Wunden, inszeniert "Der Andere" in zwei ähnlichen Familien-Konstellationen. Auch Leos Knast-Komplize Sam hat als ältester Sohn auf väterliche Gewalt reagiert. Obwohl er mit Gewalt "nichts anfangen" kann, tötete er seinen Vater, um den jüngeren Bruder zu schützen.

Während die Mütter versuchen, den Laden zusammenzuhalten, klopfen die Väter blöde Sprüche und schlagen zu, wenn ihnen die Worte ausgehen. Dass auch Konflikte Beziehungen stiften und Nähe erzeugen können, weiß die junge Kommissarin. Ihr Kollege John Brocks vermutet, Gewalt sei für Leo Duvnjac eine "Art der Kommunikation". Allerdings will er sie nur gegen Sachen anwenden, niemals gegen Menschen. Am Ende aber kommt es anders, die Gewalt eskaliert.