Skandalfilm "Welcome to New York" Monster in uns

Braucht Monsieur Devereaux wirklich zwei noch ausgedehntere Sexorgien, bevor es dann zum Drama mit dem Zimmermädchen kommt? Gérard Depardieu mit Damen in "Welcome to New York".

(Foto: Wild Bunch)

In Frankreich ist Dominique Strauss-Kahn nach dem Vergewaltigungsvorwurf vor drei Jahren inzwischen nahezu rehabilitiert. Trotzdem will das Filmfestival in Cannes Abel Ferraras Film über den Fall nicht zeigen. Dabei spielt Gérard Depardieu den früheren IWF-Direktor so lachhaft, dass das wie ein heimliches Friedensangebot wirkt.

Von Tobias Kniebe

Der Weg auf die dunkle Seite dauert nur ein paar Minuten, aber dann ist man doch gleich Welten entfernt vom offiziösen Glanz der Goldenen Palmen. Es geht hinunter an den Strand, zu den dröhnenden Nobeldisco-Zelten, ins streng bewachte Refugium der Reichen, Bauchfreien und Geschmacklosen.

Die französischen Kinorebellen von Wild Bunch haben eingeladen, die ihren Namen völlig zu Recht tragen, weil sie gleichermaßen höchste Filmkunst machen wie auch eine sehr französische Mischung aus Sex, Gewalt und Libertinage.

Eine provisorische Videoleinwand ist aufgebaut, auf der nun Bilder der neuesten Wild-Bunch-Provokation laufen, Abel Ferraras "Welcome to New York". Der Ton der Vorführung kämpft gegen die Basslinien aus dem Zelt nebenan. Was hier passiert, ist schmutzig und unperfekt, es passiert ohne Wissen und Zustimmung des Festivals und ganz sicher ohne den Segen der französischen Kulturministerin von den Sozialisten, die das Festival zum Teil finanziert.

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Und Mannomann, es geht auch gleich gut los. Bilder von Washington zu dem Song "America, The Beautiful", dann ein Gebäude, das nur die Zentrale des Internationalen Währungsfonds sein kann.

Drinnen herrscht ein Franzose, Monsieur Devereaux. Schnaubend und röchelnd sitzt er hinterm Schreibtisch der Macht, die Hände über der gewaltigen Wampe verschränkt, im Gesicht ein breites Grinsen und ein Ausdruck von Gier. Seine aufgebrezelten Assistentinnen bieten jedem männlichen Gast als Erstes einen Blowjob an.

Aber so wie Gérard Depardieu, der 900-Pfund-Gorilla unter den Filmlegenden und der berühmteste Russe des Filmgeschäfts, das spielt, soll das nun wirklich Dominique Strauss-Kahn sein, der französische Sozialist, ehemalige Währungsfonds-Direktor und Beinahe-Präsident der Franzosen, der 2011 wegen sexueller Nötigung eines Zimmermädchens in New York verhaftet wurde, was seine Karriere ruinierte, der dann aber mit der Einstellung des Verfahrens und einem zivilrechtlichen Vergleich davonkam?

Wie ein heimliches Friedensangebot

Einerseits ja. Der Film wird die ganze böse Geschichte erzählen, einschließlich einer Spekulation, was mit dem Zimmermädchen wirklich geschah - der Fachterminus "unfreiwillige Gesichtsbesamung" könnte das zusammenfassen. Andererseits aber sind schon die ersten Bilder so lachhaft over the top, dass sie wie ein heimliches Friedensangebot wirken: Keine Sorge, wir machen hier bloß absurdes Theater.

Und ja, auch Verzweiflung schwingt darin mit. Depardieu und sein amerikanischer Regisseur Abel Ferrara sind ja beide selbst längst der fortgesetzten, karrierezersetzenden Völlerei überführt, beim Essen, bei den Drogen, beim Steuersparen und anderen Lastern, und die Frage steht im Raum, ob man ihnen überhaupt noch einmal Wiedereinlass in den offiziellen Palast der Filmkunst gewähren wird. Was sie hier machen, ist ganz klar eine Trotzreaktion - auf die ängstlichen Zeiten und zugleich auf die eigenen schwindenden Kräfte.

Braucht Monsieur Devereaux aber wirklich zwei noch ausgedehntere Sexorgien, bevor es dann zum Drama mit dem Zimmermädchen kommt? Und muss sich Depardieu dann wirklich splitternackt entblößen, die gewaltige Wampe im Rampenlicht, in einer echten New Yorker Gefängniszelle, wo er von echten New Yorker Gefängniswärtern gefilzt wird? So will es Ferrara, so funktioniert sein Kino spätestens seit "Bad Lieutenant". Und sein Star ist voll dabei.