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Skandalbuch von Sylvain Gouguenheim:"Indizien sind nicht überzeugend"

Zwar nimmt er hier nicht zu den von Kintzinger und König im Kommentar vorgebrachten, gelinde gesagt fundamentalen Kritiken Stellung, sondern zu den ebenfalls höchst begründeten, aber nur sehr punktuellen Fehlerlisten, die zwei international überaus anerkannte Spezialisten der mittelalterlichen Philosophie zu seinem Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel publiziert haben. Hier, ganz am Ende seines Buches, räumt er also ein: "Die Abtei von Saint-Michel war demnach kein Übersetzungszentrum, wie ich dachte: Die Indizien dafür sind nicht überzeugend."

Das ist zweifellos richtig. Die normannische Abtei war kein Übersetzungszentrum, und so hat, könnte man vergnügt zu schließen versucht sein, Gouguenheims Mont-Saint-Michel also nur eine Maus geboren, und die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat sich den Scherz erlaubt, ein Buch zu publizieren, von dem selbst sein Autor im Nachhinein einräumt, dass die Demonstration der These nicht gelungen ist. Ganz so lustig verhält es sich dennoch nicht. Nicht weil das Buch, trotz der Veröffentlichung entsprechender Fehlerlisten durch andere Wissenschaftler, nach wie vor von Fehlern strotzt.

So liest zum Beispiel noch immer ein unbescholtener Autor nach seinem Tod die Metaphysik des Aristoteles und trägt die entsprechenden Lesefrüchte posthum in sein Werk ein; Jakob von Venedig wird weiterhin für die Übersetzung aristotelischer Schriften gelobt, die er nachweislich nicht übersetzt hat. Das Fachpublikum weiß bereits um die gründliche Fehlleistung, und den interessierten Laien werden die historischen Irrtümer hoffentlich nicht allzu sehr im Gedächtnis haften bleiben - als Korrektiv bietet sich zum Beispiel das jüngst erschienene, ausgewogene Buch von Jim al-Khalili über die Geschichte der arabischen Wissenschaften an ("Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur", siehe SZ vom 4. Juli).

Versuch einer retrospektiven Radikalisierung

Nein, kategorisch zurückzuweisen ist vielmehr der Versuch, uns glauben zu machen, es sei zulässig, das Verhältnis zwischen Christen und Arabern im Mittelalter so darzustellen, dass dabei "eine radikale, als unerbittlich empfundene Feindschaft", wie Gouguenheim sich ausdrückt, herauskommt. Dass es tatsächlich Menschen und auch Gruppen gibt, die eine solche Feindschaft leben, lehrt unsere Gegenwart in erschreckender Weise.

Aus dem Verhalten solcher Menschen und Gruppen auf die Gepflogenheiten ganzer Kulturen zurückzuschließen, ist weder methodisch noch ethisch statthaft. Ihre verblendete Wahrnehmung von Gegenwart und Vergangenheit auf unsere Geschichte zu übertragen, ist menschenverachtend. Wer mittelalterliche Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte wie Gouguenheim in dieser Perspektive betreibt, dessen Thesen sind für das Fach schlicht unbrauchbar und den Soziologen und Politologen zur weiteren Analyse zu überstellen.

Entsprechend wenig sinnvoll ist es, die von Gouguenheim in einer eigenen Mischung aus Halbwahrheit und Unterschlagung im großen Stil betriebene Quellenmanipulation Seite für Seite kritisch zu durchleuchten. Hingegen ist grundsätzlich darauf hinzuweisen, dass viele der lateinischen Gelehrten, die Gouguenheim als die wahren Helden seines wissenschaftshistorischen Kreuzzuges porträtiert, die wissenschaftlichen Kompetenzen in der Welt jenseits des Mittelmeers ausdrücklich positiv würdigten.

Johannes von Salisbury zum Beispiel, der Gouguenheims Darstellung zufolge in seinem "Metalogicon" als erster Europäer die aristotelische "Analytica posteriora" kommentierte, ist der erste lateinische Autor seit der Spätantike, der um 1159 die beiden kurz zuvor entstandenen, neuen lateinischen Übersetzungen der Zweiten Analytik des Aristoteles zitiert. Johannes ist sich dieses Umstandes auch bewusst und geht in einem eigenen Kapitel des "Metalogicon" der Frage nach, wie es kommt, dass die Lateiner diesen Text nicht benutzen.

Gezielte Auslassung

Seinen Erläuterungen zufolge beschäftigt sich kaum jemand mit dieser Schrift, weil die in ihr dargestellte Art der Beweisführung nur von Fachleuten der Mathematik und der Geometrie praktiziert wird. Diese Disziplinen seien bei uns aber nicht besonders bekannt, außer vielleicht in Spanien oder an der Grenze Afrikas. Die Völker dieser Regionen, so John von Salisbury, würden aufgrund ihres Interesses für die Astronomie mehr Geometrie betreiben als die anderen. Ebenso verhalte es sich in Ägypten und bei nicht wenigen Völkern Arabiens.

Es versteht sich von selbst, dass Gouguenheim diese Ausführungen des späteren Bischof von Chartres nicht anführt. Er erwähnt diese und viele vergleichbare Stellen bei anderen lateinischen Autoren nicht, weil sie aufgrund ihrer Anerkennung der Kompetenzen arabischer Gelehrsamkeit schlicht nicht in seine auf eine unerbitterliche Konfrontation der Kulturen angelegte Geschichte passen. So kommt es dann, dass es sich mit seinem Buch wie mit den Zweiten Analytiken verhält, die Johannes von Salisbury verstehen möchte und doch nur feststellen kann, dass sie in der ihm vorliegenden Gestalt beinahe so viele Stolpersteine wie Kapitel enthalten.

Wer sich dennoch auf "Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel" einlassen will, tut deshalb gut daran, sich mit einer Benutzerkarte einer guten wissenschaftlichen Bibliothek auszurüsten, um Beleg für Beleg zu überprüfen. Er wird umgehend auf neugierige Menschen und interessante Gedanken stoßen und auf deutlich zukunftsträchtigere Geschichten der kulturellen Auseinandersetzung, als Sylvain Gouguenheim sie erzählt.

SYLVAIN GOUGUENHEIM: Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes. Aus dem Französischen von Jochen Grube. Mit einem Kommentar von Martin Kintzinger und Daniel König. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011. 265 Seiten, 29,90 Euro.

© SZ vom 24.08.2011/jj/pak
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