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Skandal im Zoo:"Das ist kein ´afrikanisches Dorf´, sondern ein ´African Village´!

In Augsburg ist man auf die Idee gekommen, Afrikaner im örlichen Zoo Exoten-Flair versprühen zu lassen. Wilde Tiere, Käfige - und Afrikaner: das war keine glückliche Idee. Es war eine verheerende. Man läuft Sturm dagegen.

Es geht um die deutsche Vergangenheit, die heikle. Um Rassismusvorwürfe, um eine unbelehrbare Zoodirektorin, eine beratungsresistente Stadt und um den verblüffenden Mobilisierungserfolg einer sensiblen Minderheit. Es geht um eine Veranstaltung, deren größter Skandal in ihrer Ankündigung liegt. Um Watussi-Rinder und Menschen, und warum beide nebeneinander mehr sein können als nur Watussi-Rinder und Menschen, nämlich: eine Beleidigung. Das klingt kompliziert. Dabei ist der Sachverhalt ganz einfach.

Immer fantastischer wurden die Vorwürfe, bis es schien, der Tierpark wecke nicht Erinnerungen an die Völkerschauen, er veranstalte selber eine.

(Foto: Foto: ddp)

Am gestrigen Mittwoch eröffnete im Augsburger Zoo eine Veranstaltung mit dem Titel "African Village". "Für vier Tage", so die Ankündigung, entstehe im Tierpark "ein afrikanisches Dorf". Um eine "einmalige afrikanische Steppenlandschaft gruppieren sich Silberschmiede, Korbflechter, Zöpfchenflechter" (SZ vom 30. Mai). "Informationen über die vielfältige afrikanische Kultur und Natur sowie Reisetipps wecken die Reiselust". Ein afrikanisches Dorf. Im Zoo. Wilde Tiere, Käfige - und Afrikaner: das war keine glückliche Assoziationskette. Es war eine verheerende. Sie weckte Erinnerungen an finsterste Zeiten, an die Völkerschauen im Kaiserreich, in denen Menschen wie Freaks ausgestellt wurden, die trommelnden Duala aus Kamerun, die Ogalala-Sioux oder die "wilden Patagonier", mit denen etwa der Hamburger Völkerschau-Impresario Hagenbeck Tausende in seinen Zoo lockte. So waren die Zeiten. So war der Blick.

Heute sind die Zeiten anders, aber in Augsburg, kritisiert die "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" (ISD), ist die Perspektive geblieben: "Die Reproduktion kolonialer Blick-Verhältnisse, in denen Schwarze Menschen als exotische Objekte, als Un- oder Untermenschen in trauter Einheit mit der Tierwelt in einer offenbar zeitlosen Dörflichkeit betrachtet werden können, ist wohl kaum als gleichberechtigte kulturelle Begegnung zu verstehen." Natürlich gebe es afrikanische Feste inzwischen allüberall, so Tahir Della vom ISD-Vorstand, aber eben nicht im Zoo: "Der Ort ist belastet. Völkerschauen gab es auch in Augsburg." Die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer nannte die Veranstaltung im Tagesspiegel "unglaublich". Die eher unbekannte Initiative "Ecoterra" erhob Strafanzeige gegen die Zoodirektorin. Wissenschaftler und Organisationen aus aller Welt meldeten sich zu Wort. Immer fantastischer wurden die Vorwürfe, bis es schien, der Tierpark wecke nicht Erinnerungen an die Völkerschauen, er veranstalte selber eine.

Und Augsburg? Wiegelte ab, verbunkerte sich, spielte trotzig die Missverstandene - und bot eine Steilvorlage nach der anderen. Der Augsburger Oberbürgermeister Paul Wengert erklärte, gerade für afrikanische Vereine sei es "bekanntlich schwer", wahrgenommen zu werden. Da sei der Zoo - als Besuchermagnet - genau der richtige Ort. Und Zoodirektorin Barbara Jantschke erklärt inzwischen, dass der Titel unglücklich gewählt ist und ihre ersten Reaktionen etwas "flapsig" waren. Einem alarmierten Schweizer Bürger hatte sie pampig geantwortet, er solle sich mal genauer informieren, es handele sich nicht um ein "afrikanisches Dorf", sondern um ein "African Village". Im übrigen sei der Zoo bestens geeignet, um "die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln".

Den Titel zu ändern, die Veranstaltung zu verlegen, kommt für sie bis heute nicht in Frage: "Man muss doch mal sagen, gut, das ist passiert vor 80 Jahren, aber jetzt kann man so etwas wieder völlig unbedarft anbieten." Schließlich sei das keine Völkerschau: "Da kommen Afrikaner, die können mit den Kindern ganz normal reden." Der ISD plane ja selbst einen "Afrikanischen Markt". Wo sei da der Unterschied? Dass sich ein Dialoganspruch nur schwer aufrechterhalten lässt, wenn ein Teil der Gesprächspartner alle Umstände dieses Dialogs als Zumutung empfindet, dass zu ihrem schönen Zoo die nicht so schönen Seiten so untrennbar gehören wie der Raubtiergeruch, diese Gedanken sind der Direktorin fremd.

Bis Mittwochmorgen erklärten beide Konfliktparteien, das Gespräch gesucht und nicht gefunden zu haben, schuld sei jeweils der andere. Eine Berliner Anwaltskanzlei hatte sogar versucht, die Eröffnung durch einen Eilantrag zu verhindern. Und dann öffnete es doch, das African Village - begleitet von einer Handvoll Protestierer und vielen Journalisten. Und man sah, was man schon oft gesehen hat, wenn auch nicht vor Antilopen: Kunsthandwerk und Ethno-Nippes, Ledertaschen, Perlenketten, geschnitzte Warzenschweine und Glückskarten, Zelte für Wasserpfeifen und südafrikanische Weine. Neben den Watussi-Rindern trommelt ein blonder Rastafari, überhaupt sind drei Viertel der Standbesitzer keine Afrikaner: ein eher dünnes Dialogpotenzial. Niemand begreift die Aufregung, der deutsche Vertreter einer Tierschutzorganisation nennt den Völkerschau-Vergleich sogar "hirnkrank".

Neben den Giraffen verkauft die Senegalesin Marieme Dia Flaschenkorken mit gläsernen Nilpferden aus Swasiland. "Ich stelle meine Waren aus, nicht mich", sagt sie, "ich fühle mich nicht als Objekt." Und überhaupt: "Wir müssen doch auch etwas verdienen." Früher hatte sie mal einen Laden in Berlin-Weißensee. Heute sind da kaum noch Afrikaner, dafür viele Glatzen: "Glauben Sie mir: Manchmal ist es besser, unter Tieren zu leben als unter Menschen."

© SZ v. 10.06.2005
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