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Skandal beim NDR:Eine Frau mit vielen Talenten

Neue Hinweise im NDR-Skandal: Fernsehfilm-Chefin Doris Heinze soll selbst Drehbücher geschrieben und anschließend eingekauft haben.

In den Fernsehkrimis des Norddeutschen Rundfunks (NDR) klärt sich innerhalb von höchstens neunzig Minuten in der Regel alles auf; noch vor den Tagesthemen siegt das Gute. Im wirklichen Leben geht es nicht so fix. Vor gut zwei Wochen hatte die SZ die Zuständigen beim Sender gefragt, wer eigentlich die Autorin "Marie Funder" sei, die angeblich Filme wie Die Freundin der Tochter und Dienstage mit Antoine geschrieben hatte. Bis zur Antwort vergingen ein paar Tage. Dann kam eine knappe Mail: Es handele sich um ein Pseudonym. Dahinter verberge sich die "Filmautorin" Inga Pudenz, die sich "direkt mit Ihnen in Verbindung setzen wird".

Was wurde gespielt? Der NDR-Film "Die Freundin der Tochter" (mit Petra Zieser und Katrin Saß) läuft im September in der ARD. Im Programmvermerk steht: "Buch: Marie Funder".

(Foto: Foto: NDR)

Funder kennt niemand, Pudenz kennen viele. Sie ist eine bekannte Agentin, hat unter anderem die Fernsehfilm-Chefin des NDR, Doris J. Heinze, betreut, lebt in München und ist sehr umtriebig. Aber kann sie Drehbücher schreiben?

Diverse Mauscheleien mit Drehbüchern

Die SZ hat in der vorigen Woche vergeblich versucht, von der Münchnerin eine Stellungnahme zu ihren Schreibtalenten zu erhalten. Weitere Anfragen beim NDR, ob Heinze möglicherweise Funder sei und wohin Gelder einer Produktionsfirma geflossen seien, brachten keine Klärung. Darüber könne "nur die Agentur bzw. Frau Pudenz Auskunft geben", erklärte ein Senderverantwortlicher.

Am Montagmorgen dann kam ein Hinweis, der beim Sender für viel Aufregung sorgte. Bei Funder handele es sich definitiv um die vorige Woche wegen diverser Mauscheleien mit Drehbüchern fristlos entlassene Heinze. Die Fernsehspielchefin hätte demnach unter anderem Namen eigene Drehbücher verfilmen lassen und ihre Agentin hätte mitgemacht.

Das interessiert nicht nur die steril aufgeregte Medienbranche, sondern womöglich auch den Staatsanwalt: Wenn Heinze offen den eigenen Film ins Programm hätte heben lassen, wären nach Haustarif fünfzig Prozent Abzug fällig gewesen. "Der NDR geht deshalb nunmehr davon aus, dass ihm auch ein materieller Schaden entstanden ist", erklärte am Montagnachmittag der Sender. Schadenersatzforderungen gegen Doris Heinze würden geprüft, zudem stehe der Sender selbst "in enger Verbindung mit der Staatsanwaltschaft Hamburg". Doris Heinze bestreitet die neuen Vorwürfe. Der Anwalt von Frau Pudenz hat erklärt, seine Mandantin wolle sich derzeit nicht äußern.

Aber bereits jetzt zeigt sich, dass die Affäre größere Ausmaße hat, als mancher bislang vermutete. Nachdem auch herauskam, dass es sich bei dem mit seinen Drehbüchern oft ins Programm beförderten Autoren "Niklas Becker" entweder um Heinzes Ehemann Claus Strobel oder womöglich um die ehemalige Filmchefin selbst handelte, gibt es immer neue verdächtige Namen.

Es wimmelt in diesem Fall von Phantomen

Kann die angebliche Autorin Monika von Lüdinghausen schreiben oder ist sie auch ein Phantom? Bei Anfragen der SZ fällt ihr immer wieder der Hörer aus der Hand oder sie verweist auf ihren Anwalt, der leider verhindert ist. Vieles spricht dafür, dass der Autor Markus Benz ein weiteres Synonym ist. Es wimmelt in diesem Fall von Phantomen.

Klar ist, dass beim Sender die Kontrolle versagt hat oder sich leicht aushebeln ließ. Selbstbedienung und Nepotismus gehören zum System. Und die Affäre geht weiter. Die Agentin Pudenz, die nicht reden mag, war mal Leiterin der Abteilung Eigenproduktion bei Pro Sieben. Sie trat dann als Produzentin in Erscheinung und ist eine der Geschäftsführerinnen der Münchner Agentur Scenario, die rund sechzig Schauspieler, Autoren und Regisseure vertritt. Sie ist als Vertreterin eines Mitglieds im Vergabesausschuss der Bayerischen Film- und Fernsehförderung. Warum macht eine so vielseitige Frau so fatale Sachen?

Am 24. 5. 2007 unterzeichnete der NDR einen Drehbuchvertrag für den Funder-Film Dienstage mit Antoine. Das Projekt sei Anfang 2009 vom Sender storniert worden wegen "zu starker inhaltlicher Ähnlichkeit mit den Stoffen von jüngst ausgestrahlten Filmen bei Wettbewerbern (Doubletten)", erklärt der NDR. Für diesen Film, der wegen Ähnlichkeit mit anderen Filmen nicht zu sehen sein wird, wurden insgesamt vier Rechnungen über mehr als fünfzigtausend Euro ausgestellt. Das Buch kostete den NDR 27 800 Euro, zudem zahlte die inzwischen ebenfalls suspendierte ehemalige Geschäftsführerin der Produktionsfirma AllMedia für einen Verzicht der Pseudo-Autorin auf Wiederholungshonorar weitere 24 000 Euro. Früher nannte man das "Landschaftspflege".

Auf der Webseite der Agentur Scenario ist seit kurzem in der Rubrik "Autoren" der Name Heinze übrigens verschwunden.