Simons Ravens "Säbelschwadron":Spukhaftes Deutschland

Simons Ravens "Säbelschwadron": Der englische Schriftsteller Simon Raven.

Der englische Schriftsteller Simon Raven.

(Foto: Elfenbein Verlag)

Und schwere Reizstoffe: Simon Ravens "Säbelschwadron".

Von Gustav Seibt

Die "Almosen fürs Vergessen", der zehnbändige Romanzyklus des britischen Autors Simon Raven (1927 bis 2001), der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wird, geht weiter. In England war er von 1964 bis 1976 erschienen, im vergangenen Jahr hatte der Elfenbein-Verlag einen ersten Band auf Deutsch vorgelegt (SZ vom 7. Juli 2019). Klugerweise folgt man nicht den Erscheinungsdaten der Romane, die unabhängig voneinander lesbar sind, sondern lässt sich von Chronologie und Schauplätzen der Handlungen leiten.

Nach England 1945 ("Fielding Gray") folgt nun Deutschland 1952. Dort ist in Göttingen, dem Ort großer Wissenschaft, in der britischen Besatzungszone, nahe am Grenzgebiet zur DDR, unterhalb des aus Goethes "Faust" (Walpurgisnacht!) bekannten Harzgebirges die titelgebende Säbelschwadron stationiert. Und dort forscht Daniel Mond, ein junger, höchstbegabter Mathematiker aus Cambridge, im Nachlass eines deutschen Gelehrten.

Der Showdown ist garantiert, der nächste Band schon angekündigt

Mond ist Jude und hat allergrößte Schwierigkeiten mit dem kuriosen Gastland - klug hat Raven eine Beobachterposition konstruiert, die ein ebenso witziges wie tiefenscharfes Bild von Nachkriegswestdeutschland eröffnet. Außerdem, "Faust" winkt aus der Kulisse, enthält der Nachlass womöglich Berechnungen zum Kern der Materie, die unfassbare Zerstörungsmöglichkeiten eröffnen. Wir sind in der Frühzeit der Atombewaffnung, und darum interessieren sich auch die Geheimdienste brennend für Monds Forschungen.

Spukhaftes Post-Nazideutschland, möglicher Weltuntergang, Schattenkampf der Agenten, eine Szenerie von Militärübungen zum Atomkrieg zwischen Kassel und Baden-Baden, ein schaudernder Blick auf die bewaffnete Grenze des Ostblocks: Die Reizstoffe, die Raven für den nicht langen Roman auffährt, sind beträchtlich, fast als wolle er mit der schweren deutschen Küche wetteifern, die er keineswegs ohne Sympathie schildert.

Der ängstliche und keusche Mond - ist er schwul? - flüchtet sich vor den geheimdienstlichen Nachstellungen in die Männergesellschaft der britischen Panzerfahrer und trifft dort auf Fielding Gray, den glamourösen Helden des zuerst übersetzten Romans. Ein Showdown ist garantiert, der nächste Band des Zyklus ist schon angekündigt, eine deutsche Raven-Gemeinde längst etabliert.

Simon Raven: Die Säbelschwadron. Roman (Almosen fürs Vergessen, Band 3). Aus dem Englischen von Sabine Franke. Elfenbein Verlag, Berlin 2020. 280 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB