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Silicon Valley:Firmengründer, Blumenkinder

Adrian Daub untersucht in "Was das Valley denken nennt", welche Ideologie unter den Benutzeroberflächen der Tech-Branche liegt. Und er zeigt, warum Scheitern darin so unmöglich ist wie eine Kritik des Erfolgs.

Von Ulrich van Loyen

Unser Mann in Stanford heißt jetzt Adrian Daub. Vor kurzem noch hieß er Hans Ulrich Gumbrecht und schrieb über Football, Kino und Airforce als Paradigmen einer amerikanischen Spiritualität. Jetzt geht es um die Technologien des Selbst im Silicon Valley. In beiden Fällen besteht das Anliegen darin, deutsche - und amerikanische - Leser über kulturelle Kurzschlüsse aufzuklären. Und in beiden Fällen verführt die exzentrische Position den deutschen Literaturwissenschaftler zum Posieren.

Das Buch "Was das Valley denken nennt" ist eine exemplarische Einführung in die ideengeschichtlichen Hintergründe von Apple, Google und anderen Vertretern der weltweit erfolgreichsten Technologiebranche. Wobei man vielleicht doch eher von ideengeschichtlichen Abgründen sprechen müsste. Diese tun sich an einem geografisch fest umrissenen Ort auf: tief im Westen der Vereinigten Staaten. Viele Angestellte der genannten Firmen teilen einen großen Teil ihrer sozialen Erfahrungen. Wer im Silicon Valley Karriere macht, war zuvor oft Student an einer Ivy-League-Universität: Harvard, Yale oder, wie es sich wegen der räumlichen Nähe anbietet, Stanford.

Hippies finden Technologie interessant, nicht aber den Staat

Nach Generationen betrachtet, bewegen sich die Firmengründer in der Post-Hippie-Ära, ihre Erfahrungen sind nicht die der Blumenkinder, sondern deren Enttäuschungen. Anlass für das Buch ist der schwindelerregende Erfolg der Tech-Branche. Und zugleich - aber im Text leider etwas zu kurz kommend - die Art dieses Erfolgs: neben tatsächlichen Erfindungen (Apple) steht die opportunistische Aneignung von Gesetzeslücken (Uber), verbunden mit Programmen zur optimierten Selbstausbeutung (die in Wahrheit eine Ausbeutung zugunsten anderer ist).

Nahezu sämtliche im Buch angeführte Unternehmen stellen Plattformen und Benutzeroberflächen her: Ihre Leistung besteht mehr in der Verknüpfung von Inhalten als in deren Erzeugung. Entsprechend kann man sie als Medienunternehmen bezeichnen und darunter selbst die Technologieproduzenten im geläufigen Sinn einreihen (so wie bei Tesla, dem Unternehmen, in dem das Auto als Medium zu Ende geträumt wird).

Dass in (kalifornischen) Medienunternehmen auch (kalifornische) Medientheorie steckt, verwundert nicht. Das "Medium ist die Botschaft" schrieb der kanadische Denker Marshall McLuhan (1911 bis 1980). Er meinte damit, dass Botschaften durch ihre Mobilisierung wirken, nicht durch das, worauf sie verweisen (McLuhans Beispiel war die Leuchtreklame in der Nacht der großen Städte).

Daub zitiert McLuhan, als wäre dieser eine Art Onkel des Silicon Valley, der von den Hippies geschätzt wurde, weil er Technologie interessant fand, nicht aber den Staat. Und weil die Hippies selbst Medienforschung betrieben, und sei es durch die Einnahme von Drogen.

Die Tech-Milliardäre haben einen Hang zum Studienabbruch

Als esoterischeren Paten der Techkultur macht das Buch den Kulturtheoretiker René Girard (1923 bis 2015) aus, einen französischen Erzkatholiken. Daub zieht ihn hier gerade heran, um das reaktionäre Potenzial der Medienunternehmer zu veranschaulichen. Denn Girard ist Autor einer "mimetischen Theorie", die besagt, dass die Menschen einander nur nachahmen, im Begehren wie im Handeln. Die dafür angegebenen Gründe seien nur Sublimierungen.

Daub kann nachweisen, wie viel Girard-Rezeption in den Ansichten des Facebook-Finanziers Peter Thiel und anderer "rechter" Valley-Milliardäre steckt. Er interpretiert sie als Verbeugungen gegenüber einem Denker, der dem Wissen der Werber - "die Kunden wollen doch immer das Gleiche" - das Siegel eines arkanen Wissens aufdrückt. Wenn Neid und Missgunst sie ereilen, dürfen sie sich wie Jesus fühlen.

Geheimes Wissen ist für ältere Konservative, was "reizbare geistige Gesten" (so der Literaturkritiker Lionel Trilling) für jüngere sind. Am stärksten ist Daubs Buch, wo es die Theorien der Tech-Unternehmer mit den Lebensläufen ihrer noch jungen Protagonisten verschränkt. Etwa mit deren Hang zum Studienabbruch (von Steve Jobs bis Mark Zuckerberg) und zur Attitüde des Nonkonformisten (Elon Musk).

Immer wieder stößt man auf eine Heldin studentischer Lektüren, auf die russischstämmige Schriftstellerin Ayn Rand (1905 bis 1982) mit ihren philosophischen Romanen, die gegen den Konformismus des New Deal antraten und Kapitalismus als Selbstverwirklichung feierten. Zu Recht betont Daub, dass die kalifornische Gegenkultur der Fünfziger und Sechziger zwar staatsskeptisch ausgerichtet war, aber die Bastionen des Eigeninteresses, die Unternehmen und die Wirtschaft, unangetastet ließ. Es waren gerade die scheinbare Dezentriertheit und Durchlässigkeit der Ökonomie, die sie als ein Refugium erscheinen ließen. Ein ähnlicher Glaube an den guten Kapitalismus lässt sich hierzulande vielleicht an der Green Economy in ihrer schwäbischen Variante aufzeigen.

Das letzte Kapitel widmet sich dem "Scheitern". Nach dem Studienabbruch ist dies vielleicht der größte Mythos des Silicon Valley. Denn "Scheitern" ist, wie Daub unter Rückgriff auf Samuel Beckett zeigt, gegen Scheitern immun. Der Milliardär, der vor seinem großen Erfolg zehn Startups in den Sand setzte, ist der Traumheld der gering bezahlten und schlecht abgesicherten Mitarbeiter, die überall "Erfahrung sammeln".

Die Gedankenwelt ist attraktiv und katastrophenanfällig

Ihr und sein Scheitern sind unablässig beschworene Schritte auf demselben Weg zum ebenso unausweichlichen Erfolg. Doch wenn immer nur die verblüffend Erfolgreichen übrig bleiben, die dann als Kreditgeber ihre Nachfolger finanzieren, wird eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Scheitern ausbleiben - und damit auch eine Kritik des Erfolgs. Das Silicon Valley, dessen Vertreter sich geradezu verbissen um eine philosophische Rechtfertigung ihrer Positionen bemühen, wird aus sich heraus nichts über sich lernen können. Selbst das Post-It "Gott bewahre mich vor der Verwirklichung meiner Wünsche" ist längst Teil des Systems.

Daubs Buch porträtiert eine Gedankenwelt, die ebenso attraktiv wie katastrophenanfällig ist, eben weil sie sich gegen Fragen nach Gründen immunisiert. Sie ist nicht konsistent im Sinne einer Theorie, sondern überbelichtet bestimmte Aspekte und lässt andere im Dunkeln. Außerdem: Indem das Silicon Valley große Ideen verkörpern will, wirkt es daran mit, sie zu mythologisieren. Das ist selten gut gegangen.

Daubs Text ist selbst nicht frei von Eklektizismus. Dass er zwischen College-Nerdigkeit und Beamtensprache hin- und herschwankt, mag der unentschiedenen Übersetzung geschuldet sein. Der Umstand, dass etwas kurzatmig Ideen- und Sozialgeschichte verrechnet werden, ist ein Kollateralschaden der essayistischen Form. Und wer das soziokulturelle Ferment des Silicon Valley verstehen will, dem sei außerdem Fred Turners schon im Jahr 2006 erschienenes einschlägiges Buch "From Counterculture to Cyberculture" empfohlen. Dennoch lohnt es sich wieder, Nachrichten aus Stanford zu lesen.

Adrian Daub: Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 160 Seiten, 16 Euro.

© SZ vom 16.11.2020
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