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Silbermond:Dranbleiben, zusammenrücken

Silbermond

Bloß nicht wegsehen: Thomas Stolle, Andreas Nowak, Stefanie Kloß und Johannes Stolle (von links) spielten schon auf Konzerten gegen rechts, als ihre Band noch nicht Silbermond hieß.

(Foto: Jens Koch)

Mit der Bautzener Band "Silbermond" kam Ende der Neunzigerjahre die Neue Deutsche Welle zurück. Ihr aktuelles Album stemmt sich gegen den rauen Ungeist von rechts. Am Samstag spielen sie in der Olympiahalle

Die deutschen Album-Charts werden dominiert von den Rüpel-Rappern Berlins. Mit deutschsprachiger Musik an die Spitze - die 1998 gegründete Bautzener Band Silbermond hat das vorgemacht. Auch ihr sechstes Album "Schritte" landete auf Platz eins. Es ist poetisch, politisch, persönlich, so stark wie zart, ein Gegenmittel zum gängigen Umgangston. Ein Gespräch mit Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak.

SZ: Schon 2006 hat Sie die Gema in München mit dem "Fred Jay Preis" für Ihre textdichterische Qualität geehrt, erstaunlich für eine damals so junge Band.

Stefanie Kloß: Fanden wir auch! Unsere ersten Alben waren eher geprägt von "zuerst die Musik, dann der Text". Wir haben das mit der deutschen Sprache als große Herausforderung angesehen. Auf der anderen Seite war es immer ein Geschenk, dass wir in der Muttersprache texten dürfen. Weil wir da die Möglichkeit haben, Dinge sehr direkt zu sagen, aber auch die Poesie zu nutzen. Aber gerade jetzt mit der neuen Platte, und auch schon bei "Leichtes Gepäck" zuvor, hat sich der Fokus verschoben. Da sind wir mehr vom Wort gekommen. Und je mehr der Text im Fokus stand, desto wichtiger war es, dass die Musik den Text atmen lässt, ihn nicht zukleistert.

Gibt es noch Jam-Momente, bei denen Sie es im Probenraum laufen lassen?

Kloß: Das ist ausschlaggebend seit dem Album "Leichtes Gepäck". Davor gab es Momente, wo wir uns verloren hatten, in der Technik und vor dem Computer. Wir mussten zurück zu uns vieren, den Instrumenten, in den Probenraum, zur Wurzel. Daher fühlt es sich auch so homogen an, wenn wir die Songs jetzt für die Tour vorbereiten. Wir spielen, und es bringt sofort Bock.

"Ein schöner Schluss" lässt an die deutsche Liedermachertradition - Burg Waldeck, Wader, Mey - denken.

Andreas Nowak: Danke, das ist schön. Es sind halt echte Gitarren, es ist nichts zerschnitten und begradigt, das macht es so zerbrechlich und hat diese Songwriter-Mentalität. Oder der End-Part bei "Was Freiheit ist": Der war so nicht geplant, wir haben das einfach gefühlt.

Sie waren Teil einer neuen Neuen Deutschen Welle mit "Wir sind Helden", "Juli", "Mia". Haben Sie 2004 etwas losgetreten?

Kloß: Deutschsprachige Musik gab's ja schon immer, die Toten Hosen, die Ärzte. Oder Echt, die uns in unserer Jugend total geprägt haben. Aber Fakt ist das Selbstverständnis, als junge deutsche Band so einfach in Muttersprache zu singen, das war neu. Als wir 2001 unsere ersten deutschen Songs schrieben, da hörten wir aus unserem Freundeskreis eher: "Könnt ihr nicht mehr Coversongs spielen, bitte." Wir haben aber auf unseren Bauch gehört und gesagt: Für uns fühlt sich das überhaupt nicht befremdlich an, für uns ist es eher komisch, mit dem Englischen zu hantieren.

Und wie geht es Ihnen als Überlebende dieser Deutsch-Rock-Pop-Welle in der akuten Deutsch-Rap-Lawine?

Nowak: Man merkt: Als Band mit einer Frau ist man schon eigen. Ich finde es schade, dass es immer weniger wird, dieser Band-Sound ist nicht mehr en vogue.

Kloß: Wir haben uns vor den letzten Platten immer selbst verortet: Was wollen wir? Wo stehen wir gerade, zwischen dem Deutsch-Rap, den neuen jungen Künstlern, die teilweise abgefahrenes cooles Zeug machen? Müssen wir jetzt Auto-Tune benutzen, um nicht aus der Zeit zu fallen? Aber nein, wir waren bisher immer am besten, wenn wir auf das vertraut haben, was ganz natürlich aus uns herauskommt. Und das war zurück zur Band, zu den Instrumenten. So haben wir einen modernen Retro-Sound hinbekommen. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang hat oft etwas Altbackenes, unser Add-on sind diesmal die eine oder andere Mandoline, Ukulele und Akustikgitarre.

Seit "Leichtes Gepäck" steigen sie tiefer in die Reflexion ein. Führt das zu noch mehr Gedankenballast - oder klärt das?

Kloß: Wir hatten das alles in der Schreibphase. Je mehr man Sachen hinterfragt und hin und her wendet, verschlimmbessert man auch und denkt: Es war vorher konkreter und berührender. Auf der anderen Seite sind die Zeiten nicht einfach, und dann braucht man auch mal ein Wort mehr, um klarer zu machen, was man denkt. Ein Song wie "Für Amy", der braucht nicht mehr als das, was er ist. "Träum ja nur (Hippies)", der hat mehr Schleifen im Kopf gedreht, weil wir das Thema auf den Punkt bringen wollten: Klimawandel, Krieg, Rassismus, Homophobie.

Bei "Mein Osten", das unabhängig vor dem Album erschien, singen Sie über Ihre Heimat. Wie schwierig war es, eine Linie zwischen den Fronten zu finden?

Kloß: Der Song hat zwei Jahre gebraucht. Er hat unzählige Versionen hinter sich. Weil es uns sehr am Herzen lag. Es ist ein kritisches Liebeslied über unsere Heimat. Die Zeiten sind halt nicht mehr schwarz-weiß, entweder oder, es ist alles emotional aufgeladen. Können wir nicht mehr miteinander reden, ohne dass das Blut hochkocht? Klar, man muss die verschiedenen Meinungen hören. Aber wenn jemand beispielsweise sagt: "Den Holocaust hat es nicht gegeben und die Demokratie gehört abgeschafft." Dann hört es bei mir auf.

Werden Sie dann wütend oder still?

Kloß: Ich glaube nicht, dass man mit Lautstärke und Wut etwas löst. Ich habe gelernt, kurz innezuhalten und nachzudenken, nicht gleich rauszuplatzen.

Wo verstehen Sie die Wut im Osten?

Kloß: Wenn sich jemand überfordert fühlt. Das geht uns schon im Kleinen so. Wenn viel Neues kommt, das uns niemand erklärt, oder man uns nicht mitnimmt, sondern das einfach so entscheidet. Dann kriege ich auch kurz Angst, mache ich auch erst mal dicht. Und manchmal geht die Politik nicht richtig mit dieser Angst um.

Sie singen seit Jahren auf Konzerten gegen rechts, man hat nicht den Eindruck, dass es etwas geholfen hat, weder im Osten noch im Westen. Sind Sie frustriert?

Nowak: Man muss immer weitermachen. Die Rechten sind jetzt anders organisiert, die holen die Jugendlichen ab. In Bautzen wurde ein Jugendhaus geschlossen, weil es nicht wirtschaftlich war. Das sind so Dinge, die die Demokratie verpennt oder der Kapitalismus. Die Jugendlichen brauchen Anlaufstellen, sie müssen gehört werden.

Erreichen Sie die jungen Leute noch?

Kloß: Es ist nie umsonst. Wir dachten ja, die Zeiten sind vorbei, wo du über Diskriminierung, Antisemitismus und Extremismus reden musst. Und dann kommen so ein Trump und ein Höcke ums Eck, und du weißt: Es war nie weg, es wird immer da sein. Wir müssen dranbleiben, dass wir alle zusammenrücken und kapieren, dass die Demokratie die beste Option für uns ist.

Silbermond, Sa., 8. Februar, 20 Uhr, Olympiahalle

© SZ vom 06.02.2020
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