Immer musste er dorthin zurück, in die "Frühzeit", die "Vorgeschichte", die "Prähistorie", in die Kindheit der Kultur, die Kindheit des Menschen - und an den Ort seiner eigenen Kindheit, deren vorzeitiger Abbruch ihm als "Katastrophe" in Erinnerung blieb. "Trost" suchte und fand der Begründer der Psychoanalyse in der Beschäftigung mit Archäologie: als Spurenleser, als Sammler und auf Reisen nach dem Süden, wohin "unser Herz zeigt": Nach Rom, Athen und "Montelibre", wie Sigmund Freuds Jugendbriefe den mährischen Geburtsort Freiberg in das Idiom einer Privatmythologie übersetzten. Zeitlebens habe er "eigentlich mehr Archäologie als Psychologie gelesen", bekannte noch der 75-Jährige gegenüber Stefan Zweig
Freiberg liegt zwischen sanften Hügeln und grünen Wiesen bei dem Flüsschen Lubina, nahe dem Quell der Oder, und heißt auf Tschechisch Příbor, was etymologisch "bei den Ruinen" bedeutet. Unterhalb der Burgruine des Nachbarorts Hukvaldy (Hochwald) pflegte der junge Freud sich bei Anflügen von Liebeskummer und Melancholie zu ergehen. Seine Sommerfrischen verbrachte er wiederholt in der alten Heimat unter dem Dach der befreundeten Familie Fluss - nomen est fluvium! -, in deren Tochter Gisela sich der 16-Jährige verliebte. Nachzulesen ist das alles in bezaubernden Jugendbriefen an den Freund Eduard Silberstein (vor Jahren ediert von Walter Boehlich): Sie sind voller Poesie und zeigen uns Freud als frühen Meister der sprachlichen Maskierung - bis die verzückte Feder des abiturreifen Jünglings unter dem Eindruck von Liebesnöten dramatischen Abschied vom Zauberblock seines mährischen Paradieses nimmt: "Hiermit endet diese Formation, hier versenke ich den Zauberstab", schreibt er an Silberstein, "eine neue Zeit breche herein, die keiner Poesie und Phantasie bedarf."
Von wegen! Vom Zauberstab der Poesie und Phantasie kam der künftige Seelenarzt und begnadete Prosaautor ebenso wenig los wie von den Spuren seiner Kindheit. Sie wurden zum Objekt fortdauernder Selbstanalyse, die mit der Begründung einer neuen Wissenschaft einhergeht: der Psychoanalyse. Gespickt mit archäologischen Metaphern sind noch die Worte, die der schwerkranke Jubilar durch seine Tochter Anna vor Ort verlauten ließ, als die Gemeinde von Příbor im Jahr 1931 zur Feier von Freuds 75. Geburtstag am einstigen Elternhaus eine Gedenktafel anbringen ließ. "Es wird dem nun Fünfundsiebzigjährigen nicht leicht, sich in jene Frühzeit zu versetzen, aus deren reichem Inhalt nur wenige Reste in seine Erinnerung hineinragen, aber des einen darf ich sicher sein: tief in mir, überlagert, lebt noch immer fort das glückliche Freiberger Kind, der erstgeborene Sohn einer jugendlichen Mutter."
So weit ist auszuholen, um zu ermessen, woran die neue Freud-Biografie des Berliner Germanisten Peter-André Alt in ihrer Gesamtanlage krankt. Wenn es nach hundert Jahren Freud-Biografik und nach den kanonischen Werken von Ernest Jones, Ronald Clark und Peter Gay überhaupt noch Neuland zu gewinnen gäbe, dann in Anbetracht von Freuds Kinderjahren. Hier noch mal anzusetzen und an Freuds Selbstaussagen das Rüstzeug des Philologen anzulegen, bliebe ein Desiderat.
Doch nur magere elf von rund tausend Seiten widmet Alt den Kindes- und Jugendjahren jenes Forschers, der mit der Entdeckung der infantilen Sexualität das Bild der Kindheit revolutioniert hatte, indem er den Eindrücken, Erfahrungen und auch Wunden der ersten vier oder fünf Lebensjahre die Prägung tiefer Spuren im Seelenleben noch des Erwachsenen beimaß. Indem Alt die Bedeutung von Freuds Kindheit und Jugend marginalisiert, tritt er in sämtliche Fallen, die sein Held schon in jungen Jahren ausgelegt hatte, als er seiner Verlobten, Martha Bernays, mit vorauseilender Schadenfreude schrieb: "Die Biographen aber sollen sich plagen, wir wollen's ihnen nicht zu leicht machen. Jeder soll mit seinen Ansichten über die 'Entwicklung des Helden' recht behalten, ich freue mich schon, wie die sich irren werden."
Dies war Freuds Kommentar zu einem ersten mehrerer Autodafés, die er jenem Teil seiner Schriften, Notate und Briefe bereitete, die er neugierigen Augen für immer entzogen wissen wollte.
Als Meister der Enträtselung war Sigmund Freud natürlich auch ein Meister der Verrätselung
Als Schicksal so vieler Gelehrtenbiografien betritt mit dem Freud, wie Alt ihn sieht, ein beinahe Fertiger und vorzeitig Gereifter die Bühne, ein Büchermensch, der niemals jung und leichtsinnig, sondern schon immer altklug war: Wie die vergilbte Ikone eines Patriarchen mit grauem Vollbart und phallokratisch gespreizter Zigarre ziert er den Einband. Als wollten Autor und Verlag ein Hausbuch in der Nachfolge von Axel Munthes "Der Arzt von San Michele" stiften, trägt das Buch den privatpatiententauglichen Untertitel "Der Arzt der Moderne". Genitivus obiectivus oder subiectivus? Freud, ein Mann des 19. Jahrhunderts, taugt weder zum Sanitäter von Modernitätsschäden noch zum Notarzt einer entgleisten Moderne.
Dabei kommt die heute gut erforschte Praxis des Seelenarztes in Alts Darstellung viel zu kurz. Für die Wiener Ringstraßenbaronesse Anna von Lieben, alias "Cäcilie M.", die Freud seine "Lehrmeisterin" nannte und mit der er die klassische "Liegekur" erprobte, hat Alt beispielsweise acht dürftige Zeilen übrig. Und fatalerweise hat er sich in Freuds Selbstzeugnissen verfangen: Mit der Fülle von Selbstäußerungen in Briefen, autobiografischen Schriften und über die achtzehn Bände seiner Gesammelten Werke verstreuten Reminiszenzen, deren er sich gerne als Fallbeispiele bedient, kontrastiert Freuds ebenfalls überlieferte Verschwiegenheit, seine gerade im kollegialen Umgang geübte Verweigerung von Auskünften aus dem Intimleben, dessen Preisgabe der Meister von seinen Schülern hingegen verlangte.
Den Zwischenraum der widerstrebenden Pole wusste Freud mit dem hochgradig kontrollierten Selbstbild eines Gelehrten zu füllen, der sein Leben ausschließlich der Wissenschaft verschrieben und dafür jede Entbehrung auf sich genommen hat. Dieses Selbstbild, entworfen von einem Meister der Enträtselung - folglich auch Verrätselung - und Experten für die "sekundäre Bearbeitung" psychischen Materials, scheint nahtlos - und schon deshalb allzu plakativ - zu Freuds Kulturtheorie der Triebsublimierung zu passen; nur lässt es alle zugehörigen Dramen und Konflikte außen vor, weil diese weder die Mit- noch die Nachwelt etwas angehen sollen.
Dieses Freud'sche Selbstbild geht frühzeitig - schon aus Gründen der nackten Existenzsicherung - an die Adresse der akademischen Welt, die dem Neuerer und Juden gegenüber nie sonderlich zugeneigt war. Freud war dies zeitlebens eine Kränkung, gegen die er vergeblich ankämpfte.
Wenn Alt seinen Freud nunmehr posthum akademisch eingemeindet, als wolle er ihn habilitieren, so geht er jenem Bild eines allzeit Entsagenden auf den Leim. Unter Verzicht auf jede Quellenkritik, die dem Philologen anstünde, nimmt er Freuds Selbstaussagen für bare Münze und minimiert von vornherein die Bedeutung jenes anderen Freud, der sich in seiner Jugend einer "Fülle von Erregungen" ausgesetzt sah. Seiner Schülerin Lou Andreas-Salomé schreibt Freud in einem Brief, dass alles, "was allgemein erregt, auch Sexualerregung" hervorbringe. Alt verkennt, dass Freud hier einen weit umfassenderen Begriff von "Psycho-Sexualität" im Sinn hat.
Für Freud, der sich auch zu Hause in Wien gerne für "geistesverreist" erklärte, blieb es auch nicht bei bloß "gelegentlich(en)" Ausflügen aus der Sesshaftigkeit; noch weniger betrachtet er seine Italienreisen wie ein geplagter deutscher Ordinarius als "Urlaub": Es waren Ferien im altlateinischen Sinn, weswegen das Reisen an Freuds Seite - den Stiefel der Apenninenhalbinsel hinab und wieder hinauf - für seine Begleiter ein eher strapaziöses Geschäft gewesen sein muss.
Alt unterwirft seinen Freud einer vermeintlich selbstgewählten "Diktatur der Enthaltsamkeit"
Schwerer noch fällt ins Gewicht, dass Alt seinen Freud einer vermeintlich selbstgewählten "Diktatur der Enthaltsamkeit" unterwirft. Was Freud an einem Punkt seines Lebens eine womöglich persönliche Option war - wir wissen es nicht und wollen es so genau auch nicht wissen -, dehnt Alt zur Direktive an die übrige Menschheit aus: Von der Freud unterstellten Verabscheuung der Masturbation und jedweder Empfängnisverhütung bis hin zur angeblich vollständigen Ablehnung allen Sexualverhaltens, welches nicht der Fortpflanzung diene, entwirft Alt das freudlose Bild eines Mannes, päpstlicher, strenger, lustfeindlicher noch als weiland Papst Paul VI., der immerhin "natürliche" Methoden der Empfängnisverhütung guthieß. Ganz peinlich wird es, wenn Alt, über die unphilosophische Hintertreppe der Berggasse 19, in Freuds Privatgemächer steigt, um dort die Schubladen, Kleiderschränke und sogar die Betten zu durchstöbern - wie der allwissende Erzähler eines Familienromans.
Da, wo im Lichte gesteigerter Aufmerksamkeit für sexuelle Gewalt gegenüber Kindern eine nähere Betrachtung gefragt gewesen wäre, stiehlt Alt sich im Blick auf Freuds umstrittene "Verführungstheorie" verlegen aus der Affäre: Der Legende, Freud habe aus nacktem Opportunismus die Entdeckung zurückgenommen, wonach Kindeserfahrungen von Verführung und Missbrauch als traumatische Quellen späterer psychischer Leiden anzusehen seien, setzt Alt eine neue Dogmatik entgegen. Dabei hatte Freud lediglich die apodiktische Behauptung zurückgenommen, Kindesmissbrauch ginge einem jeden Fall - nach damaligem Sprachgebrauch - "hysterischer" Symptombildung voraus.
Verdienstvoll ist die stupende Belesenheit des Biografen, auch kommen Alt manch kluge Gedanken, die zu geschliffenen Formulierungen führen, so am Eingang gleich diese, wonach "die Netze der neuen Theorie aus dem intimsten persönlichen Erfahrungsmaterial ihres Begründers gewebt" wurden, was sie "in die Nähe der Kunst" rücke. Hätte Alt dies doch ernst genommen, statt dem Leser einen altbackenen Doktor Freud aufzutischen, der sich unter Ausschluss von Literatur und Kunst, von Poesie und Sinnlichkeit zur trockenen Wissenschaft als der - wie er tatsächlich einmal schrieb - "vollkommenste(n) Lossagung vom Lustprinzip" bekannt habe. Kein Wunder, dass der andere, der abenteuerlustige Freud so oft auf Reisen ging oder einfach "geistesverreist" war, weshalb wir ihm ein Werk verdanken, das zur besten und schönsten deutschsprachigen Prosa gehört, die im vergangenen Jahrhundert geschrieben worden ist.