Nachruf auf den Komponisten Siegfried Matthus:Von Mallenuppen nach Manhattan

Komponist Siegfried Matthus ist tot

Komponierte aus Ost-Berlin für die UN: Siegfried Matthus.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

60 Jahre lang schrieb er Opern, Konzerte und Kammermusik, war einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten. Jetzt ist Siegfried Matthus mit 87 Jahren in Stolzenhagen bei Berlin gestorben.

Von Helmut Mauró

Seine Musik war modern, aber vor allem war es Musik, die den Menschen nicht nur verschrecken wollte, sondern berühren. Siegfried Matthus galt einigen Zeitgenossen deshalb als nicht modern genug, aber wenn man etwa in sein Stück "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" etwas tiefer hineinhört, erfährt man viel über die Arbeits- und Empfindungsweise dieses Komponisten. Man spürt einen merkwürdig ungerichteten appellativen Grundton. Das dies irae konzentriert diesen Zustand manischer Empörung - und wirkt umso erschütternder.

So viel Ruhe und Leidenschaft steckt in dieser Musik, steckte in diesem Menschen, ja offenbar in der ganzen Familie. Matthus stammt aus einer Bauernfamilie mit einem kleinen Gehöft im ostpreußischen Mallenuppen, der Vater spielte zur Unterhaltung und zum Tanz. Er sorgte dafür, dass der Sohn Klavierunterricht erhielt. Lange war das nicht möglich, denn es war Krieg, und die Flucht aus Ostpreußen und die Neuansiedlung in der DDR ließen kaum an ein Musikstudium denken. Der Vater unterrichtete den Sohn in Geige und Trompete, und schon dem Gymnasiasten schien die berufliche Zukunft als Musiker bestimmt zu sein. Ab 1956 studierte er bei Rudolf Wagner-Régeny Komposition, zwei Jahre später wurde er Meisterschüler bei Hanns Eisler. Als Komponist und Dramaturg an der Komischen Oper Berlin pflasterten weitere prominente Namen seinen Weg: Walter Felsenstein, Götz Friedrich, Harry Kupfer, Kurt Masur, Rolf Reutter, Ruth Berghaus - die Creme des Musiktheaters, nicht nur des ostdeutschen.

Manchmal, wenn er in den Dialekt seiner ostpreußischen Kindheit verfiel, konnte man noch in späten Jahren die ferne Herkunft heraushören. Als wäre er nie ganz angekommen in diesem neuen Deutschland. Als lebte er durch seine Musik, ganz anders als der Vater, in einer imaginären, besseren Welt. Was natürlich nicht stimmte. Er erfüllte ja nicht nur Kompositionsauftrage aus dem Westen, für die Manhattan School oder die Münchner Philharmoniker, sondern auch für den DDR-Staatsrundfunk, schrieb Film- und Theatermusik, wurde vielfach ausgezeichnet. Allerdings bot er dem Regime mit seinen Gesprächskonzerten in der Komischen Oper durchaus die Stirn. Von Intendant Felsenstein, der noch von der sowjetischen Besatzung eingesetzt worden war und deshalb unangreifbar, wurde die Gesprächsreihe geduldet, von seinen Gegnern als "Mitternachtsmessen" verhöhnt.

Gleichwohl galt sein Hauptengagement dem Komponieren. Die Liste seiner 600 Werke ist beeindruckend, die Vita auf seiner Homepage lässt dies kaum erahnen: "Aufführung 'Responso' 1979 vor der UNO in New York mit weltweiter Übertragung, Opernaufführungen u. a. an der Komischen Oper Berlin, Semperoper Dresden, Staatsoper 'Unter den Linden' Berlin, Deutsche Oper Berlin, Festspiele Santa Fe. Zuletzt 2019 'Effi Briest' am Staatstheater Cottbus." Lapidarer kann man ein Künstlerleben kaum abhandeln. Am 27. August starb Siegfried Matthus 87-jährig in Stolzenhagen bei Berlin, wo er lebte.

© SZ
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