Süddeutsche Zeitung

Siebzig Jahre Ikea-Katalog:Zeugen unseres Wohngeschmacks

Auf der Website des Ikea-Museums gibt es alle Jahrgänge des Katalogs jetzt zum Durchblättern.

Von Bernd Graff

Vor 70 Jahren erfuhr die Menschheit ihr vierte narzisstische Kränkung. Freud sprach vom "naiven" Narzissmus, der da gekränkt wird. Nichtsdestoweniger waren und sind es Kränkungen. Die erste ist die kosmologische: Nachdem Kopernikus entdeckt hatte, dass die Erde nicht Mittelpunkt des Weltalls ist, ging es uns erstmals richtig dreckig. Dann kam Darwin und dozierte, dass wir aus Tierreihen hervorgegangen sind, auch aus jener der Affen - von wegen Krone der Schöpfung! Dann folgte Freud selber, der angab, dass die Libido, die Triebstruktur der Seele, dafür sorgt, dass wir nicht "Herr im eigenen Haus sind". Und schließlich erschien 1950 der erste Ikea-Katalog.

Diese letzte Kränkung kam dann gleich doppelt: Zum einen bestand sie darin, dass wir nicht allein die kühnen, charakterfesten, willensstarken Baumeister unserer Möbel sind, ausgestattet mit der Fähigkeit, noch Hieroglyphen auf den Bauanleitungen zu deuten - wenn auch nur fluchend -, alle anderen sind es auch. Und sie bestand eben darin, dass, wohin wir auch kamen, alle diese anderen genau so "individuell" eingerichtet waren wie wir. Und das galt dann auch noch weltweit. "International Style" und "Billy-Regal" wurden Synonyme.

Diese Erschütterungen muss man jetzt wieder aushalten. Aus Anlass seines 70. Kataloges hat das schwedische Möbelhaus, das anfangs auch Kugelschreiber, Kameras und Kämme feilbot, alle Kataloge online verfügbar gemacht (ikeamuseum.com). Es ist eine Tour de Force, nicht nur für den eigenen Narzissmus, der sich an lange verdrängte Inbusschlüssel-Traumata erinnern muss. Sondern gerade auch für unsere nur mutmaßlich konsistente Geschmackssicherheit über die Jahre. Was hat man nicht alles für "Midcentury Modern" nordischer Prägung gehalten und an Hässlichkeiten mit ebensolchen Namen in die eigene Höhle gekarrt: Ohrensessel, Nierentische, Tütenlampen, Teppichinseln mit Flokatiflausch in Kniehöhe, und das in entschleunigenden Farben, die leider an das Innere des eigenen Verdauungstraktes erinnern.

Doch irgendwann, so um die Jahrtausendwende herum, steht Ikea dann nicht mehr nur für hölzerne Kreativtrumms, sondern vor allem für Lösungen von kleinen, schmutzigen Raumproblemen, die mit den Möbeln lediglich bewältigt werden. Ganz klar, die Menschen haben keinen Platz mehr. Und sie müssen das ganze Geraffel ständig umziehen - in meist noch kleinere Wohnungen.

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Quelle:
SZ vom 29.09.2020
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