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Siebte Station in Nouadhibou, Mauretanien:Öl auf Wasser

Doku-Blog: Das Licht in der Wüste

Er drückte noch kurz auf seinen geschlossenen Lidern herum, dann wies ihm eine tiefstehende Sonne in violett tanzenden Schemen den Weg. Er sah genug.

(Foto: Michael Glawogger)

In der Wüste Mauretaniens scheint sich selbst die Sonne Zeit zu lassen. Sie scheint. Wenn man mit geschlossenen Augen durch die Wüste geht, wird die Wahrnehmung selbst zum Erlebnis. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

In der Wüste Mauretaniens scheint sich selbst die Sonne Zeit zu lassen. Sie scheint. Wenn man mit geschlossenen Augen durch die Wüste geht, wird die Wahrnehmung selbst zum Erlebnis.

So lange und so intensiv er auch schaute, er konnte sich kein Bild von der Wüste machen. Wenn er auf einer Düne stand, über deren Kamm ein sanfter Wind blies, wenn er sich nicht an den brüchigen Gesteinsformationen oder den wenigen, vom Wind gebeugten Bäumen und Sträuchern sattsehen konnte - es war wie bei langen Autofahrten, wo er sich nie lange genug konzentrieren konnte, um zu bemerken, wann die Landschaft sich änderte: seine Gedanken wurden so klebrig, schwer und zäh wie Öl auf Wasser.

Doku-Blog Vom Zauber des Augenblicks
Doku-Blog
Filmprojekt von Michael Glawogger

Vom Zauber des Augenblicks

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Michael Glawogger ist zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: Ohne Script und ohne Plan will er sich ein Jahr lang um die Welt treiben lassen und spontan alles Interessante aufnehmen. Mit dabei ist Süddeutsche.de: Der Filmemacher berichtet über seine Abenteuer im Doku-Blog.   Von Paul Katzenberger

Der weiße Vogel, der über diesem Wasser dahingleitet, weicht geschickt aus oder flattert, wenn er sich doch beschmutzt hat, aufgeregt hoch, um nicht noch mehr von der feindlichen Flüssigkeit zu erwischen, die sein Gefieder gefährlich verkleben könnte.

Später, hoch oben auf einem Baum am Ufer, wird er feststellen, dass er die ölverschmierten Stellen nicht mehr sauber bekommen wird.

Er ging in einer Wüste nahe am Meer. Der Sand gelb, die Büsche weiß und dürr, manchmal ein lasziv grünes Gewächs mit fetten Blättern mitten drin. Er ging und ging, und nie kam etwas anderes, neues für das Auge.

Das Meer schien zum Greifen nah und doch weit weg. Mit jedem Schritt weiter weg. Er schloss die Augen und versuchte, blind zu gehen.

Große, feste Schritte

Beim ersten Versuch schaffte er fünf Schritte, bis er blinzelte, beim nächsten vierundzwanzig, bis sich ein dornenartiger Stift durch seinen Gummischlapfen bohrte. Bei fünfundsiebzig verlor er den Gleichgewichtssinn, und nach mehreren solchen Anläufen schaffte er es bis hundert.

Dann war der Bann gebrochen, und er machte keine kleinen, vorsichtigen Schritte mehr, sondern große, feste. Er drückte noch kurz auf seinen geschlossenen Lidern herum, dann wies ihm eine tiefstehende Sonne in violett tanzenden Schemen den Weg.

Er sah genug. Und er hätte hören sollen, aber das Geräusch seiner Schritte überdeckte das Sirren der Sandkörner, die der Wind über die Oberfläche trieb, und das leise Rascheln der trockenen Büsche. Er blieb stehen. Es tanzte violett vor seinen Augen und knisterte.