Sido im Interview "Alles, was jetzt noch kommt, ist Bonus"

Rücktrittsansprache? Von wegen. "Ich habe meinen neuen Style gefunden und weiß jetzt, was ich machen will", sagt Sido.

Seine Totenkopfmaske hat er abgelegt, sein Bad-Boy-Image auch? Mit seinem neuen Album "30-11-80" will Sido jedenfalls beweisen, dass er immer noch "der Krasseste" ist. Ein Gespräch über Masken, Mainstream und erwachsenen Rap.

Von Toni Lukic

Vor gut zehn Jahren setzte Sido mit einer silbernen Totenkopfmaske dem Mittelstandsrap von Fettes Brot und den Fantastischen Vier Deutschrap von der Straße entgegen. Inzwischen läuft Cro im Radio, Casper spielt auf Rockfestivals und der vom Rapper Haftbefehl eingeführte Begriff "Babo" wurde soeben zum "Jugendwort des Jahres" gewählt. Und Sido? Der nahm seine Maske ab, hat geheiratet und ist mit seiner Mutter, Frau und Kindern in ein Haus mit Vorgarten gezogen. Das "super-intelligente Drogenopfer" ist erwachsen geworden. Auf seinem Album "30-11-80", das Ende November erscheint, probiert sich der fast 33-Jährige am erwachsenen Rap.

SZ.de: Sido, haben Sie Ihre Rücktrittsansprache schon formuliert?

Sido: Weil ich vor fünf Jahren gesagt habe, dass ich in fünf Jahren zu alt sein werde für Rap?

Sind Sie denn mit 33 Jahren zu alt für Rap?

Nein, ich glaube, ich habe einen guten Mittelweg gefunden. Ich fand es immer scheiße, wenn Rapper wie KRS-One oder Grandmaster Flash noch mal mit Mitte 40 ein Album gemacht haben, weil sie damit ihren alten Style zurückbringen wollten. Rap war für mich in erster Linie eine Jugendkultur. Ich glaube aber heute, dass ich einen erwachseneren Rap etablieren könnte.

Sehen Sie sich also als das deutsche Pendant zu Jay-Z?

Ja. Aber nur in der Hinsicht, dass er in Amerika den Grown-Man-Rap erfunden hat. Junge Rap-Fans werden auch irgendwann erwachsen und wollen trotzdem weiter Hip-Hop hören. Die können mit rebellischen Rumgejammer irgendwann nichts mehr anfangen. Da kann ich eine gute Alternative sein. Ältere Künstler sollten aber auch nicht versuchen, an ihre Jugend anzuknüpfen und Anschluss an die jüngeren Rapper zu finden.

Wie geht denn erwachsener Rap?

Diese Frage ging mir die ganze Zeit durch den Kopf, deswegen hat das Album so lange gedauert. Irgendwann fiel mir der Satz ein: "Bevor du kamst, war ich nur einer dieser Steine." Das hat sich wie ein roter Faden durch die Albumproduktion gezogen. Früher war ich wie ein Stein, der eine harte Schale hatte, um nicht verletzt zu werden. Die ist von mir abgefallen, als ich meine Frau gefunden habe. Auf einmal führte ich ein ganz neues Leben. Das ist das, worüber ich jetzt reden und ein Album machen kann.

Früher haben Sie über den Traum vom Haus mit Vorgarten gerappt. Den haben Sie sich erfüllt. Welche Träume hat man als alternder Straßenrapper heute noch?

Rein wirtschaftlich habe ich alles erreicht. Ich habe ein Haus, in dem meine Frau, meine Kinder und meine Mutter wohnen. Das höchste Level ist geschafft, der Endboss ist besiegt, das Spiel ist durchgespielt. Alles, was jetzt noch kommt, ist Bonus.

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Haben Sie denn mit "30-11-80" noch so viel zu beweisen wie mit Ihrem ersten Album "Maske"?

"Maske" habe ich gemacht, weil die Plattenfirma gesagt hat: Mach mal ein Album! Wir haben damals 5000 Tapes in einem Jahr verkauft und ich hatte vielleicht mit 20.000 verkauften Alben gerechnet. Dass es so abgeht, hätte ich nie gedacht. (Anm. d. Red.: "Maske" verkaufte sich 200.000 Mal) Damals ging es nicht darum, es den anderen zu zeigen. Das war überhaupt nicht mein Gedanke.

Und heute?

Heute ist genau das mein Gedanke (lacht). Ich müsste heute kein Album mehr machen, aber ich mache es trotzdem, weil ich zeigen will, dass ich immer noch der Krasseste bin.