"Sicario"-Regisseur Denis Villeneuve "Der Teufelskreislauf der Gewalt wird sich weiter drehen"

Das Hauptthema des Films ist das moralische Dilemma, in dem die Protagonisten stecken. Muss die Rechtsstaatlichkeit auch dann gelten, wenn die andere Seite die Macht mit roher Gewalt an sich reißt? Nach dem 11. September hat es Filme mit dieser Thematik oft gegeben, ich nenne nur "Zero Dark Thirty". Konnten Sie dieser ewig akuten Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, in "Sicario" überhaupt noch irgend einen weiteren Aspekt abringen?

Sie stellen eine sehr berechtigte Frage: Warum wiederholen wir ständig dieselbe Geschichte? Ich glaube, die Antwort ist folgende: Wenn wir die Welt ändern wollen, dann müssen wir uns laufend wiederholen. Die Fragen, um die es geht, sind von großer Relevanz: Wie gehen wir mit Problemen um, die jenseits unserer Landesgrenzen liegen? Wie reagieren wir auf Eruptionen der Gewalt? Müssen wir wirklich Monster werden, um Monster zu bekämpfen? Das sind Fragen, die andere Filme sicher auch aufgeworfen haben. Beantwortet wurden sie bislang aber nicht, und deswegen müssen sie erneut gestellt werden.

Aber geben nicht gerade Sie doch eine Antwort in "Sicario"? Der schlimmste Bösewicht wird ja immerhin zur Strecke gebracht. Ist das nicht als Botschaft zu verstehen, dass die Welt etwas besser geworden ist?

Alejandro schafft es zwar, den obersten Drogenboss zu eliminieren, aber er muss dafür gewaltige Kollateralschäden in Kauf nehmen: Er tötet nicht nur Unschuldige, sondern er begründet auch neue Feindschaften. Die letzte Szene des Films, in der die Jungs Fußball spielen, ist sehr wichtig. Das Kind, das wir da sehen, wird ohne Vater aufwachsen, aber mit Hass im Herzen. Der Teufelskreislauf der Gewalt wird sich weiter drehen. Es stimmt, er hat einerseits Erfolg, andererseits wird es ein Nachspiel geben. Es ist wie beim Irakkrieg: Die USA haben dort interveniert, mit dem Ziel, den Menschen die Demokratie zu bringen. Und als sie aus dem Land wieder raus gegangen sind, war die Situation schlimmer als je zuvor.

Ihr Drehbuchautor Taylor Sheridan hat für "Sicario" intensiv recherchiert, wie die USA ihren Drogenkampf tatsächlich führen. Er hat Kontakte aufgebaut zum FBI, zur CIA, zur US-Anti-Drogenbehörde DEA und den Spezialeinsatzkommandos. Wird der Krieg tatsächlich so schmutzig geführt, wie Sie es im Film zeigen?

Taylor hat extrem lange recherchiert. Er kennt alle Strukturen, und trotzdem kann ich Ihre Frage nicht beantworten. Denn wir haben immer wieder den Punkt erreicht, an dem wir auf bestimmte Fragen keine Antworten vom FBI oder von der CIA bekommen haben. Wir haben so oft gehört: 'Das darf ich Ihnen nicht sagen.' Das macht einen natürlich misstrauisch und deswegen glaube ich, dass die Rechtsstaatlichkeit im Drogenkrieg tatsächlich zu kurz kommt. Der Film ist Fiktion - er erzählt eine Geschichte. Die ist vielleicht übertrieben, aber so weit weg von der Realität ist sie vermutlich nicht.

Regisseur Villeneuve: "Ich habe Angst vor Gewalt."

(Foto: dpa)