"Sicario"-Regisseur Denis Villeneuve "Müssen wir wirklich Monster werden?"

Szene aus "Sicario": US-Antidrogeneinheit bei der Arbeit in Mexiko.

(Foto: Studiocanal)

Wie erbarmungslos darf der Rechtsstaat zurückschlagen, wenn er in seinen Grundfesten von Terroristen oder Drogenkartellen herausgefordert wird? Regisseur Denis Villeneuve stellt in "Sicario" bohrende Fragen.

Von Paul Katzenberger

Mit dem Psycho-Thriller "Prisoners" gelang Denis Villeneuve 2013 der Durchbruch in Hollywood. In dem Film ging es um sinistre Entführungsfälle im ländlichen Amerika, nun hat sich der Frankokanadier an einen Thriller mit gesellschaftspolitischer Relevanz gewagt - den Drogenkrimi "Sicario", für den er schon in Cannes viel Beifall bekam.

Die Handlung spielt im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko, das seit Jahren vom Drogenkrieg beherrscht wird. Kate Macer (Emily Blunt) ist Beamtin eines FBI-Swat-Teams in Tucson, Arizona. Sie lässt sie sich für eine Task Force anheuern, die den obersten Drogenbaron jenseits der Grenze in Mexiko aufspüren und ausliefern soll. Bald merkt Kate jedoch, dass sich die Task Force an keinerlei Gesetze hält und über Leichen geht. Besonders der Experte Alejandro (Benicio del Toro) scheint einer eigenen Agenda zu folgen. Kates von rechtsstaatlichen Prinzipien geprägtes Weltbild gerät ins Wanken.

SZ: Sicario ist ein brutaler Film. Gewalt spielte schon in ihren früheren Filmen "Prisoners", "Die Frau, die singt" oder "Polytechnique" eine große Rolle. Warum?

Denis Villeneuve: Die Welt ist voller Gewalt und meine Filme fragen, was daraus für die Opfer folgt. Mir geht es nicht um die Verherrlichung von Gewalt oder um ein brachiales Spektakel. Vielmehr will ich erforschen, welche Auswirkungen Gewalt auf unsere Gesellschaft hat.

In manchen Szenen von "Sicario" wird die Gewalt aber durchaus spektakulär inszeniert. Gleich am Anfang sehen wir Dutzende verstümmelter Leichen.

Mein Ziel ist immer, so wenig Gewalt wie möglich zu zeigen, gerade so viel, dass der Zuschauer begreift, welche Wirkung sie entfaltet. Bei einem Thriller bestehen dramaturgische Notwendigkeiten - er muss packend sein und den Zuschauer in Abgründe blicken lassen. Doch glauben Sie mir: In der Realität des mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiets ist die Gewalt viel schlimmer als ich sie in meinem Film darstelle.

Waren Sie selbst schon Opfer von Gewalt? Ihr Regisseurs-Kollege John Hillcoat nennt als Motiv, Gewalt in seinen Filmen zu zeigen, dass er ihr selbst schon ausgesetzt war. Er wolle die furchtbaren Konsequenzen daher ehrlich darstellen.

Ich bin ein großer Fan seiner Filme. "The Road" ging mir richtig an die Nieren. Glücklicherweise war ich selbst noch nie Opfer physischer Gewalt. Doch mit ihren Auswirkungen habe ich mich immer wieder beschäftigt, zum Beispiel in Flüchtlingslagern oder in ehemaligen Kriegsgebieten. Menschen, die traumatisiert worden sind, bewegen mich. Die bloße rohe Gewalt stößt mich hingegen ab. Ich habe Angst vor ihr.

Die Auswirkung der Gewalt, die Sie in "Sicario" zeigen, ist der Wunsch nach Rache. Warum beschäftigt Sie gerade dieses Thema?

Weil fanatischer Vergeltungsdrang eines der kontraproduktivsten Ergebnisse von Gewalt ist. In "Sicario" verwandelt sich die Gewalt in ein Monster. In Alejandro begegnen wir einer Figur, die von Gewalt zerstört wurde. Seine Rachgier hat aus ihm einen wandelnden Dämon gemacht, der nun selbst zu hemmungsloser Gewalt bereit ist. Dabei ist sein Drang, sich zu revanchieren, völlig sinnlos. Er erreicht dadurch nur, dass er keinen Frieden finden wird. Er ist eine verlorene Seele.

Warum lässt Kate Alejandro am Schluss dann laufen, obwohl sie die Möglichkeit hätte, ihn zu erschießen? Wirkt das nicht so, als ob er mit seinen zweifelhaften Methoden doch recht hatte?

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Für mich ist das ein Hoffnungszeichen. Wenn sie ihn getötet hätte, wäre sie wie er geworden. Aber dadurch, dass sie diesen Impuls abwehrt, dass sie nicht schießt, dass sie das Gesetz nicht bricht, dass sie zurückkehrt zu den Werten, die sie am Anfang des Filmes verkörpert, öffnet sich eine neue Perspektive. Benicio del Toro und ich haben viel über diese Szene gesprochen. Sie drückt für uns beide die Zuversicht aus, dass es noch mehr Kate Macers auf dieser Welt geben kann.

Genauso gut könnte man diese Szene aber auch als Kapitulation interpretieren. Dass sie ihre Machtlosigkeit erkennt, für Recht und Ordnung einzustehen.

Das stimmt. Aber ich liebe Filme, die Fragen stellen und keine maßgeschneiderten Antworten geben. Bei "Sicario" geht es um Ambivalenz und nicht um Eindeutigkeit.

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