Nachruf auf Sibylle Lewitscharoff:Geschichten vom flüchtigen Ich

Nachruf auf Sibylle Lewitscharoff: Wo es Literatur gebe, lehrte sie, da gebe es auch einen Wahn und viele Versuche, damit zurechtzukommen: Sibylle Lewitscharoff (1954-2023).

Wo es Literatur gebe, lehrte sie, da gebe es auch einen Wahn und viele Versuche, damit zurechtzukommen: Sibylle Lewitscharoff (1954-2023).

(Foto: Holger John/imago/VIADATA)

Die Schriftstellerin und Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff war eine lebenskluge Menschenerfinderin. Jetzt ist sie im Alter von 69 Jahren gestorben.

Von Thomas Steinfeld

Die Laufbahn der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff war nicht lang. Sie begann Ende der Neunzigerjahre, mit der Erzählung "Pong", für die sie den Bachmann-Preis erhielt: Aus den Tiefen eines Berliner U-Bahnhofs sprach ein Halbverrückter und erklärte die Welt, wortmächtig und auf eine sorgfältig altertümliche, verschrobene Art. Mitte vierzig war die Autorin damals, und was sie auszeichnete, war nicht nur eine beinahe kindlich anmutende Freude im spielerisch-exakten Umgang mit der Sprache, sondern offenbar auch eine große literarische Bildung sowie ein hohes Maß an Lebenserfahrung: Aus einer trotzkistischen Kadergruppe in Stuttgart in die Buchhaltung einer Berliner Werbeagentur hatte sie der Lebensweg geführt, über Stationen in Buenos Aires und Paris; aus den Seminaren des Religionsphilosophen Jacob Taubes war sie in eine Dichtkunst geraten, die Jean Pauls Luftschiffer Giannozzo ebenso viel verdankte wie den Songtexten der Doors. Wo es Literatur gebe, lehrte sie, da gebe es auch einen Wahn, ein Leiden und viele mehr oder weniger hilflose Versuche, damit zurechtzukommen.

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