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Kolumne "Mediaplayer":Das verlachte Meisterwerk

showgirls; Showgirls

Zu Unrecht verrissen: Elizabeth Berkley spielt Nomi, die Frau, die Las Vegas erobern will, ohne sich schmutzig zu fühlen.

(Foto: Capelight Film/Capelight Film)

"Showgirls" von Paul Verhoeven: Eine junge Tänzerin will es wissen in Las Vegas, und endlich kann man sehen, wie gut der Film wirklich ist - in einer neu ausgestatteten DVD.

Von Fritz Göttler

Eruptionen durchziehen diesen Film, gewaltige und kleine, Vulkane spucken spektakulär ihre Lava in die Luft, in großen Shownummern, die Bewegungen der Tänzerinnen sind zackig, abrupt, ekstatisch, sie quetschen alles aus sich heraus mit letzter Kraft. Gleich in der ersten Szene zückt das Mädchen Nomi Malone, das auf dem Highway nach Vegas trampt und von einem Pick-up mitgenommen wird, ihr Messer, als der Typ am Steuer sie anmachen will, und lässt die Klinge hervorschnellen. Sie will Karriere machen in Vegas und ist zu sehr viel bereit. Nomi Malone, in ihrem Name klingt ein Programm an: No me ... kein Ich ... alone ... einsam.

"Showgirls" hat damals, als er vor einem Vierteljahrhundert in die Kinos kam, kein Publikum gefunden, ist von den Kritikern böse zerfetzt worden. Primitiv, schlecht gespielt, sexistisch, sagten sie, und noch schlimmer war, als sie den Film retten wollten und ihn als Satire deklarierten ... Satire und Kino, das wird nie zusammengehen. Sie hatten sich vom Drehbuchautor, dem ominösen Joe Eszterhas, auf eine falsche Fährte locken lassen, der sein Werk damit erklären und retten wollte. In der DVD-Veröffentlichung hat "Showgirls" der MGM dann doch noch ihr Geld eingespielt, und viele Kritiker haben ihr Urteil mittlerweile revidiert.

Paul Verhoeven und Eszterhas hatten drei Jahre zuvor mit "Basic Instinct" einen Superhit gelandet und wurden nun in größeren, verrückteren Dimensionen gehandelt. Ein großes Musical hatte Verhoeven im Sinn, im Stil der Fünfziger: A star is born. Der Schauplatz war allerdings, anders als bei Vincente Minnelli oder George Cukor, nicht der Broadway oder Hollywood, sondern Las Vegas. Im Herzen war's wieder die schmutzige kleine Geschichte von Ruhm und Karriere, Besessenheit und Selbstverwirklichung. Die Geschichte des Films, prahlte Eszterhas gern, habe er den Produzenten auf einer Serviette notiert, was erstaunlich ist ... um einen solchen Genrefilm zu skizzieren, bedarf es eigentlich nur eines Zipfels Papier.

Eine Frage von Erfolg und Erlösung, und wie das zusammenhängt

Showbusiness ist im Musical, wo's um Extravaganz und Exponierung geht, vorrangig Frauensache. Eine Frage von Erfolg und Erlösung, und wie das zusammenhängt, wie viel Ehrlichkeit Professionalität verträgt. Wenn man es geschafft hat in einer Show, kriegt man in der Garderobe einen eigenen Spiegel. Die Mädchen exponieren sich auf der Bühne, sie zeigen sich in Leder, mit nackten Brüsten. Die Männer machen hinter der Bühne die Verträge, die Choreografie, das Geld. Arrangieren kleine spezielle Dates mit Geschäftsleuten, asiatischen, die für intime Nächte einen vierstelligen Betrag zu zahlen bereit sind.

Nomi ist anders, sie will ihre Reinheit bewahren, will die Zusammenhänge nicht wahrhaben zwischen Showbusiness und Prostitution. Das macht sie zickig und gemein und skrupellos. Ich bin Tänzerin, erklärt sie trotzig. Wenn du im "Cheetah" auftrittst, wird ihr darauf bedeutet, einem billigen Club, ist das kein Tanzen. Und auch im "Golddust" nicht, dem glamourösen Palast von Vegas, auf dessen Bühne es Nomi schließlich schafft. Ihr Vorbild ist Cristal, der Star der Show, die virtuos nach den Regeln der Männer spielt, und das, Gina Gershon macht das ganz grandios, durchaus zu ihrem eigenen Vergnügen. Einmal heuert sie Nomi an, damit diese in einem Tanz ihren Lover umspielt, und sie schaut dabei zu.

Einer der großen amerikanischen Filme der letzten Jahre, sagte Jacques Rivette. "Es ist Verhoevens bester amerikanischer Film und sein persönlichster ... er ist seinem holländischen Werk am nächsten. Er besitzt große Aufrichtigkeit, und das Script ist von großer Unschuld. Es ist so offensichtlich, dass Verhoeven selbst es schrieb, nicht Mr. Eszterhas, der nichts ist ... Es geht ums Überleben in einer Welt, die von Arschlöchern bevölkert ist, das ist seine Philosophie."

Elizabeth Berkley ist Nomi, sie war Anfang der Neunzigerjahre der Star der TV-Serie "Saved by the Bell / California High School", und "Showgirls" sollte ihr Durchbruch im großen Kino sein. Der Film hat ihre Karriere schwer sabotiert. Das mit der Reinheit der Kunst ist natürlich auch eine Erfindung der Männer. Und das Prinzip der Auslese, das dahintersteckt, das des last girl standing: "Wenn du als Letzte auf der Bühne stehst, werden sie dich anheuern."

"Showgirls" erschien neu abgetastet bei Capelight. Das Bonusmaterial enthält den Film über die Rezeption des Films, "You don't Nomi". Mehr Credits auf imdb.

© SZ/kni
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