Doku "Shiny_Flakes" auf Netflix:Kokain aus dem Kinderzimmer

Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord

Unter dem Alias Shiny Flakes verkaufte Maximilian Schmidt seine Drogen - nicht im Darknet, sondern im ganz normalen Internet.

(Foto: Netflix)

Die Doku "Shiny_Flakes" porträtiert den deutschen Teenager, der das Vorbild für die Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" ist.

Von David Steinitz

Eine Bestellung habe ihn dann doch gewundert, erzählt der junge blonde Mann, der das Drogengeschäft revolutioniert hat, grinsend. Da habe sich in seinem Online-Shop doch tatsächlich ein Kunde aus Kolumbien gemeldet, ausgerechnet. "Haben die dort nicht schon genug Drogen?"

Die Regisseure Eva Müller und Michael Schmitt porträtieren in ihrem Dokumentarfilm "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" einen jungen Mann namens Maximilian Schmidt, der als 19-Jähriger aus seinem Kinderzimmer in Leipzig einen Online-Versand für Drogen und Medikamente startete, den es so noch nie gegeben hatte. Zwischen 2013 und 2015 verkaufte er Haschisch, Speed, Kokain, Ecstasy, Crystal und andere Drogen im Wert von über vier Millionen Euro über seine selbstgebastelte Website shinyflakes.com. Der Clou an seinem Internetauftritt: Er versteckte seinen Shop nicht im schwerer zu erreichenden Darknet, wo Drogen normalerweise gehandelt werden; seine Seite war übers ganz normale Internet zu erreichen. Bei seiner Verhaftung beschlagnahmte die Polizei in seinem winzigen Zimmer eine Tonne Drogen.

Koks lässt sich einfach portionieren, aber bei MDMA braucht man schon einen Hammer

Wie es seit den analogen Kokainschmugglerzeiten Pablo Escobars üblich ist, macht man sich mit so einer Leistung nicht nur strafbar, sondern auch popkulturell sehr anziehend. Maximilian Schmidt ist die Inspiration für die Netflix-Hitserie "How to Sell Drugs Online (Fast)", deren dritte Staffel kürzlich startete und die zum besten gehört, was in den letzten Jahren in Deutschland an Unterhaltung produziert wurde. Die Sendung macht aus der Grundidee eines jugendlichen Drogenbarons eine lustige Schulsoap über die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz. Die Dokumentation über den echten "Teenage Drug Lord" stammt von derselben Produktionsfirma wie die Serie und ist ebenfalls auf Netflix zu sehen.

Die Filmemacher haben Maximilian Schmidt alias Shiny Flakes bereits in seiner Zeit im Gefängnis getroffen, wo er vier Jahre und sieben Monate saß. Er wurde noch nach Jugendstrafrecht verurteilt. In der Zeit danach haben sie sein Kinderzimmer nachgebaut und zeigen gemeinsam mit ihrem Protagonisten, wie er sein Geschäft aufbaute und die Deutsche Post als Kurier einspannte. Alle Bestellungen steckte er (inklusive einer kleinen Tüte Gummibärchen) ganz normal in den Briefkasten. Zuerst waren es nur ein paar, bald bis zu hundert am Tag, nicht nur aus Deutschland, sondern aus der ganzen Welt.

Seine Drogen bezog er ebenfalls aus dem Internet, bestellt an eine Packstation. Daheim portionierte er alles nach Kundenwunsch um. Das Koks einfach mit einem Löffel, das harte MDMA mit einem Hammer in einer Plastikbox. Sein Shop unterscheide sich in keiner Weise von einem Schuhversand, erklärt Schmidt im Film, nur dass er eben Drogen angeboten habe, und zwar gut verschlüsselt und mit dem besten Kundenservice.

Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord

Vier Jahre und sieben Monate saß Maximilian Schmidt im Gefängnis.

(Foto: Netflix)

Sein wichtigstes Versprechen, die Namen und Adressen seiner Kunden sofort nach der Bearbeitung zu löschen, hielt Schmidt allerdings nicht. Er legte brav eine Excel-Liste mit ungefähr 14 000 Datensätzen an. Als die Polizei ihm auf die Schliche kam, folgten aus seiner Verhaftung über 4000 Strafverfahren. Weil er in Hunderten dieser Verfahren als Zeuge aussagen musste, reiste Schmidt einen großen Teil seiner Zeit im Gefängnis mit dem Zug durchs Land, von Gericht zu Gericht.

Auch der ehemalige Chef des sächsischen Landeskriminalamts, Schmidts Psychiater und Gerichtsgutachter und andere an dem Fall Beteiligte kommen in dem Film zu Wort. Die ältere Generation ist kriminelle Banden gewöhnt, die sich nachts unter der Brücke treffen. Man merkt den Männern immer noch das Staunen an über diesen jugendlichen Einzelgänger.

Was mit dem Geld passiert ist, das er in Bitcoins kassierte? Was er zu dem Strafverfahren sagt, das seit Frühling 2021 gegen ihn läuft, weil er laut Ermittlern wieder in Versuchung gekommen sei, einen neuen Shop aufzuziehen? Dazu schweigt Maximilian Schmidt mit einem feinen Lächeln im Gesicht. Nicht trotzig wirkt es, sondern ehrlich amüsiert. Ein Lächeln, das die Polizei und die Staatsanwaltschaft vermutlich schon mehrfach in den Wahnsinn getrieben hat.

Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord, D 2021 - Regie: Eva Müller, Michael Schmitt. Netflix, 97 Minuten.

© SZ/freu
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