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Nachruf auf Sexualwissenschaftlerin:Was Frauen wollen

Shere Hite Report tot

Shere Hite, bei einem Empfang 2003. Sie war stolz auf ihren Beitrag zur Sexualwissenschaft, für den sie viele Tausend Fragebögen ausgewertet hat: "Freud hat nur mit drei Frauen in Wien gesprochen."

(Foto: imago/Stefan Zeitz)

Shere Hite, die in den Siebzigerjahren den "Hite-Report" über weibliche Lust am Sex geschrieben hat, ist tot. Ihr Werk läutete eine neue Phase des Feminismus ein.

Von Susan Vahabzadeh

Aus der Entfernung betrachtet verschwimmen oft die Details. Die Siebzigerjahre beispielsweise gelten gemeinhin als ungeheuer freizügig. Ein bisschen frauenfeindlich vielleicht, aber wenigstens nicht prüde. Auf Magazin-Titeln dienten nackte Frauen der Bebilderung von so ziemlich allem, und die halbe Republik hatte den "Hite-Report: Das sexuelle Erleben der Frau" gelesen, ein Buch, das sich monatelang auf den Bestseller-Listen hielt. Shere Hite, 1942 in Missouri geboren, hatte an der Columbia University Sozialgeschichte studiert und 3500 Frauen befragt, um zu erforschen, was genau denn nun Frauen wirklich gut finden. Fazit: Nicht unbedingt dasselbe, was Männer gut finden, und auch nicht das, was die erwarten.

In den USA wurde sie für ihre Veröffentlichungen angefeindet, ihr Buch als "Hate-Report" bezeichnet. Als das fast 600 Seiten starke Buch in Deutschland erschien, schlug ihr auch hier nicht besonders viel Zuneigung entgegen. Ist Sexualwissenschaft das Ende aller Romantik? Bedeuten ihre Erkenntnisse das Ende für den Sex zu zweit? Und warum überhaupt interessierte sich eine Frau, die sich das Geld fürs Studium als Model verdient hatte, für Wissenschaft? Die Süddeutsche Zeitung schrieb im Herbst 1977, "spannender als ein Telephonbuch ist dieser Nach-Kinsey gewiß nicht". Die Autorin des Spiegel berichtete, die gebeichteten Wirklichkeiten im Hite-Report widerten sie an. Die Zeit verkündete erhebliche Bedenken, empfahl das Buch aber "als Diskussionsgrundlage für Paare".

Die Freizügigkeit der Siebzigerjahre war eben eher eine körperliche Angelegenheit als die eines für neue Ideen offenen Geistes: Freud galt als der Weisheit letzter Schluss, und für Shere Hite gab es noch viel zu tun. So nach und nach dämmerte einigen männlichen Lesern, dass Hites Sammlung von Masturbations-Beichten vielleicht doch eher hilfreich als beleidigend gemeint war. 1981 legte sie nach mit einem zweiten Band über das sexuelle Erleben des Mannes.

Man kann durchaus behaupten, dass Hite, die die weibliche Lust ins Zentrum erhitzter Diskussionen rückte, eine neue Phase des Feminismus eingeläutet hat. Insgesamt hat sich der "Hite-Report" über die Jahre 50 Millionen Mal verkauft. Hite hatte damals, 1977, als sie mit dem Band über das Erleben des Mannes begann, noch gedacht, es sei danach Schluss für sie mit der Sexualwissenschaft und sie würde Komponistin werden, aber es folgten noch eine Reihe anderer Bücher zum Thema. Sie übersiedelte nach Europa und nahm 1996 - da war sie mit dem deutschen Pianisten Friedrich Höricke verheiratet - die deutsche Staatsangehörigkeit an. Nach einigen Jahren in Köln zog sie nach England.

In einem Interview mit dem Guardian wurde sie 2011 gefragt, ob sie einen Fortschritt sehe durch den Feminismus seit ihren Anfängen. "Ja", sagte sie, "aber wir sollten uns fragen, warum Männer immer noch sagen, Frauen seien Nutten, neurotisch oder nicht ganz normal." Am Mittwoch ist Shere Hite im Alter von 77 Jahren in London gestorben.

© SZ vom 12.09.2020/khil

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