Designkunst Manhattans neueste Hütte

"The Shed", der Schuppen, ist das wohl ambitionierteste Kunstzentrum der Gegenwart. Und sein künstlerischer Leiter, Alex Poots, ein begnadeter Geldausgeber. Ein Treffen.

Von Christian Zaschke, New York

Alex Poots erinnert sich noch genau an den Moment, als vor fünf Jahren sein Telefon in London klingelte. Ein Headhunter war dran und fragte, ob er sich nicht bitte bei dieser im Aufbau befindlichen kulturellen Institution in New York bewerben könne. Das Ganze heiße "The Cultural Shed" und solle vor allem interdisziplinär arbeiten. Poots war zu diesem Zeitpunkt Chef des Manchester Festivals in Nordengland und künstlerischer Leiter der Park Avenue Armory in New York. Er war als Kulturmanager höchst angesehen, er hatte unter anderem James Brown ins Barbican in London gebracht, er hatte mit Kenneth Branagh einen irrsinnigen "Hamlet" fürs Manchester Festival produziert, und jetzt sollte er sich bei einer Institution bewerben, die offenbar nicht mal genau wusste, was sie sein wollte? Sich bewerben - als buhle nicht die Institution um ihn, sondern als sei er es, der den Job wolle. Er sagte ab.

Mittlerweile heißt diese Institution nur noch "The Shed", und sie gilt als wichtigste neue Kulturstätte in New York seit Eröffnung des Lincoln Centers Anfang der Sechzigerjahre. Wenn sie am 5. April erstmals ihre Türen für Besucher öffnet, wird Alex Poots die Gäste begrüßen. Schließlich ist er Vorstandschef und künstlerischer Leiter dieser neuen Institution.

Dass seine Absage 2014 nicht das letzte Wort war, lag daran, dass sie in New York hartnäckig blieben. Zwei Monate später klingelte Poots' Telefon erneut. Ob man nicht wenigstens mal reden könne. Mit wem denn, wollte Poots wissen. Mit Dan Doctoroff, der lange eng mit dem früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg zusammengearbeitet hatte, hieß es. "Doctoroff ist einer der wichtigsten Männer in der Stadt", sagt Poots, "in dem Moment wusste ich, dass sie es ernst meinen." Doctoroff ist außerdem Vorsitzender des Aufsichtsrats von "The Shed".

Alex Poots ist der Künstlerische Leiter von "The Shed" und sagte erst nach anfänglichem Zögern zu.

(Foto: WOWE)

Da Poots weiterhin vermeiden wollte, in die Situation eines Bewerbungsgesprächs zu kommen, schlug er vor, dass man vorab ein Thema finden solle, über das man sprechen könne. Es traf sich gut, dass Poots gerade mit Kenneth Branagh den "Hamlet" vom Manchester Festival nach New York brachte. Das schien ein geeignetes Thema zu sein. Er besorgte Doctoroff und dessen Frau Alison zwei Karten. Wie es ihnen gefallen habe, fragte Poots nach der Vorstellung. Die Doctoroffs waren begeistert.

Es ging Poots aber um etwas anderes. Die Produktion des "Hamlet" hatte vier Millionen Dollar gekostet. Obwohl sämtliche Vorstellungen ausverkauft waren, erlöste das Stück lediglich 3,1 Millionen Dollar. Poots fragte Doctoroff, was er davon halte, also: ob er die 900 000 Dollar als Minus betrachte oder als sinnvolle Investition in die Kunst. Poots erzählt, dass Doctoroff daraufhin lächelnd gesagt habe: "Man hat mich vor Ihnen gewarnt."

Wenn man jemandem 50 Millionen Dollar in die Hand drückt, dann Alex Poots

Die Frage nach Minus oder Investition sollte natürlich bedeuten, dass "The Shed" unter Umständen nicht ganz billig werden würde, wenn Poots sich darum kümmerte. Er hat Doctoroff dargelegt, dass man doppelt so viel Geld und mehr als doppelt so viel Personal brauche wie ursprünglich geplant, wenn man es richtig machen wolle. Doctoroff fragte daraufhin, ob Poots vielleicht dazu bereit wäre, das dem Aufsichtsrat mal in einer - selbstverständlich - rein informellen Zusammenkunft zu erläutern.

Poots sagte zu, und natürlich war die Zusammenkunft kein bisschen informell. Es war eher ein - nun ja, Bewerbungsgespräch. Poots erklärte, dass man nicht 40 Leute brauche, die permanent für die Institution arbeiten, sondern eher 90 bis 100. Er legte dar, dass man für die ersten drei Jahre nur fürs Programm Zuschüsse von 50 Millionen Dollar benötige, um etwas wirklich Spektakuläres auf die Beine zu stellen. Nämlich einen Ort, der, wie er heute sagt, ein riesiger Werkzeugkasten für Künstler sein soll. Der den Künstlern dient. Einen Ort, an dem sich die Formen mischen, an dem Musik, Malerei, Schauspiel, Tanz und Architektur zusammenkommen. Eine Institution, die Werke von Künstlern jedweder Gattung und Richtung in Auftrag gibt und sich an ein Zielpublikum richtet, das nur mit dem Begriff "Alle" beschrieben werden kann. Falls man so etwas plane, sagte Poots den Aufsichtsräten, dann, ja dann würde er sich sogar darum bewerben, das in die Hand zu nehmen.

Nun muss man wissen, dass Alex Poots ein mitreißender Erzähler ist, der für die Kunst lebt. Wenn man ihm lange genug zuhört, drückt man ihm ohne zu zögern 50 Millionen Dollar in die Hand (so man die gerade übrig hat), damit er was Schönes auf die Beine stellt. Der Aufsichtsrat bot ihm den Job an, und Poots sagte zu. Er zog von London nach New York, wo er seither mit einem beständig wachsenden Team daran arbeitet, dass "The Shed" tatsächlich das versprochene Spektakel wird.