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Shecession:Gebt uns eine Stimme

Frauen sind die Verlierer der Corona-Krise, auch im Filmgeschäft. Was kann man dagegen unternehmen? Pro Quote Film sucht Auswege.

Von Susan Vahabzadeh

In den USA gibt es ein neues Wort, geschaffen von Nicole Mason, der Präsidentin des Institute for Women's Policy Research: Shecession. In den USA hat die Corona-Krise bereits mehr als 20 Millionen Menschen ihren Job gekostet, so die Zahlen, die das Arbeitsministerium am 8. Mai veröffentlichte. 55 Prozent von ihnen sind Frauen, berichtet die New York Times . Die Arbeitslosigkeit von Frauen liegt nun bei 15 Prozent, für Männer bei 13 Prozent. Dabei hatten in den USA im März noch mehr Frauen eine Arbeit als Männer. Allerdings heißt das nicht, dass diese Frauen auch genauso viel verdienten - ein Drittel der alleinerziehenden Mütter war der New York Times zufolge vorher schon nach amerikanischen Standards arm, und eine Million von ihnen hat jetzt ihre Arbeit verloren.

In Deutschland hat weder das Coronavirus selbst noch die dazugehörige Rezession vergleichbar heftige Schäden angerichtet. Dennoch wirft die Krise die Gleichstellung zurück, so schreibt Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, vergangene Woche in der Zeit.

Ziehen sich Frauen aus dem Berufsleben ins Hausfrauendasein zurück? Allmendinger bezog sich auf mehrere neue Studien, welche die derzeitige Situation zu analysieren versuchen. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung untersuchte in "Erwerbsarbeit in Zeiten von Corona" Dynamiken sozialer Ungleichheit. Selbständige, so der Schluss, sind stärker betroffen als Angestellte, aber es gibt auch einen Unterschied zwischen den Geschlechtern; Mütter machen sich besonders häufig Sorgen um ihren Arbeitsplatz, ihre Arbeitszufriedenheit ist zurückgegangen, mehr Mütter als Väter arbeiten gar nicht mehr.

Eine Studie der Uni Mannheim untersuchte "Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung" und kam zu dem Schluss, dass in der Hälfte der untersuchten Fälle die Frau alleine die Kinderbetreuung übernimmt. Einen Rückfall in die alte Rollenverteilung kann man grundsätzlich schrecklich finden. Auf alle Fälle wäre er für Frauen ein finanzielles Drama. Unser Unterhalts- und Rentenrecht sind schon lange nicht mehr auf die Hausfrauenehe eingestellt, und den rechtlichen Ansprüchen hinkt die Realität jetzt schon hinterher.

Die Krise, die die Filmbranche nun durchmacht, wird kleine Firmen, die vorher schon wenig Gewinn machten, härter treffen

Kann man gegen die Entwicklung etwas unternehmen? Es werden gerade Weichen für die Zukunft gestellt. Die Frauen, die sich in "Pro Quote Film" engagieren, haben quer durch die Gewerke der Filmbranche Fakten und Befürchtungen, Zahlen und Prognosen gesammelt und am Donnerstag vorgestellt. In den Künsten gibt es viele prekäre Arbeitsverhältnisse - und wenn jetzt die Hilfsmaßnahmen verteilt werden, so Barbara Rohm, die Vorsitzende des Vereins, dann sind die, die vorher schon in der schwächeren Position waren, auch im Verteilungskampf benachteiligt. Seit 25 Jahren seien die Absolventen der Filmhochschulen weiblich, doch 2019 gingen trotzdem nur 14 Prozent der Projektförderung der Filmförderungsanstalt (FFA) an Produzentinnen. Was nun die Gendergerechtigkeit der Filmbranche betrifft, hat Pro Quote noch eine ziemlich interessante Summe ausgerechnet: die Aufwendung pro erreichten Kinozuschauer. Die Organisation kam bei Produzentinnen auf 17 Euro, bei Produzenten auf 42 Euro. Man kann das auf zwei Arten interpretieren. Entweder: Frauen können von Haus aus wesentlich besser mit Geld umgehen. Oder: Sie haben lernen müssen, mit weniger auszukommen.

Manche der Forderungen, die Pro Quote Film nun stellt, gelten für Männer genauso, etwa die Freigabe der Hilfe für Soloselbstständige auch für Lebenshaltungskosten oder ein Grundeinkommen für Soloselbständige. Aber sie fordern auch spezielle Maßnahmen für alleinerziehende Mütter. Vor allem aber appellieren sie an Bund und Länder, bei Hilfsmaßnahmen die Gleichstellungsziele nicht zu ignorieren, sondern Gender-Budgeting einzuführen, also die gerechte Verteilung von Fördermitteln. Auch Jutta Allmendinger fordert das für alle Staatshilfen.

Es ist im Kino, wie in vielen anderen Bereichen, nicht zu erwarten, dass eine Rezession Ungerechtigkeiten verschwinden lässt. Es gibt aber gute Gründe zu glauben, dass sie sich verschärft. Die Krise, die die Filmbranche nun durchmacht, wird kleine Firmen, die vorher schon wenig Gewinn machten, härter treffen, und bei diesen kleinen Firmen und kleinen Projekten sind Frauen überproportional beteiligt. Man könnte dem entgegenwirken - die Pro-Quote-Mitglieder bekräftigen ihre Forderung nach gendergerechter Verteilung der Gelder und Quoten. Die sicheren, gut bezahlten Jobs sind eher Männersache. Ein Beispiel: Nur bei vier von 39 "Tatorten" sei im vergangenen Jahr eine Kamerafrau engagiert worden, so Pro Quote.

Man muss sein Talent eben erst einmal zeigen dürfen, damit es jemand würdigen kann

Die Komikerin Maren Kroymann betrachtet sich selbst als gutes Argument für eine Quote und legte am Donnerstag dar, warum. Sie hatte in den Neunzigerjahren eine eigene Fernsehsendung, "Nachtschwester Kroymann", die dann eingestellt wurde. Sie hat dazwischen vorwiegend als Schauspielerin gearbeitet, eine eigene Satiresendung hat sie erst 2017 wieder bekommen, "Kroymann" in der ARD. Comedy von Frauen war dazwischen Mangelware. Sie mache, sagt Kroymann, so ziemlich dasselbe wie damals. "War ich in den zwanzig Jahren dazwischen schlechter?" Das zielt auf das Argument ab, auf das die Forderung nach Quoten immer trifft - es müsse schließlich die Qualität gewahrt werden. Im Fall von Maren Kroymann hat eine Komikerin jahrzehntelang keine eigene Sendung gehabt, die allein 2019 mit einem Bayerischen Fernsehpreis und einem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde und wie auch Ricky Gervais, eine Ehren-Rose d'Or fürs Lebenswerk in Montreux erhielt.

Man muss sein Talent eben erst einmal zeigen dürfen, damit es jemand würdigen kann. Auch um die Sichtbarkeit fürchtet man bei Pro Quote. Es werden wohl in den nächsten Monaten keine Filmfestivals stattfinden. Die Filmfestivals sind aber nicht nur dafür da, damit die einen ihre Filme zeigen und die anderen sie sehen, sie sind auch wichtig für die Vernetzung. Wer den Produzenten nicht in den Sinn kommt, befürchtet man bei Pro Quote, wird auch nicht gebucht. Was, wenn jetzt auf lange Zeit die Jobs nur vom Büro aus vergeben werden, es keine Veranstaltung mehr gibt, bei denen sich die, die sowieso schon kaum wahrgenommen werden, ins Gespräch bringen können?

Das Problem der Sichtbarkeit ist nicht der Filmbranche vorbehalten. Pro Quote Medien hat in Deutschland gerade eine Kampagne gestartet. Da geht es um mehr Wissenschaftlerinnen in der Öffentlichkeit. Der Verein bittet Kliniken und Forschungseinrichtungen, auf der Website www.pro-quote.de/informieren/coronaexpertin Virologinnen vorzuschlagen, damit es eine Liste von Fachfrauen gibt, auf die Medien zurückgreifen können, wenn sie Gäste einladen. In Italien haben Abgeordnete und Wissenschaftlerinnen die Kampagne Dateci Voce, gebt uns eine Stimme, gestartet, weil in dem 20-köpfigen Gremium von Wissenschaftlern, das Premierminister Giuseppe Conte in der Corona-Krise berät, keine einzige Frau saß. Der Lärm hat tatsächlich geholfen. Premier Conte hat bereits mehrere Wissenschaftlerinnen nominiert.

© SZ vom 20.05.2020
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